Falsche D&O-Schadenquoten: Alles halb so wild?

Der GDV hatte die marktweiten D&O-Schadenquoten der vergangenen fünf Jahre zu hoch angegeben. Erhöht wurden die Beiträge trotzdem. Ob das Öl ins Feuer gießt, darauf antworteten uns Versicherer-, Makler- und Kundenseite höchst unterschiedlich.

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08:10 Uhr | 24. Oktober | 2022

Vor wenigen Tagen hatte es die zuständigen Mitarbeiter des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) wahrscheinlich einige Überwindung gekostet, folgende Meldung zur D&O-Versicherung zu veröffentlichen: Die branchenweiten Schadenquoten der vergangenen fünf Jahre in der „Managerhaftpflichtversicherung“ waren zu hoch angegeben worden. Der GDV musste sie allesamt nach unten korrigieren.

Pikant: Die D&O gilt seit Jahren als Verlustsparte, weil die Haftungsrisiken für Entscheider durch weltweite Geschäfte immer weiter zunehmen. In diesem Zuge haben viele Versicherer die Beiträge ihrer Kunden deutlich erhöht und ihre Zeichnungskapazitäten heruntergefahren. Doch nun ist es anscheinend gar nicht so schlimm, wie gedacht. Die Geschäftsjahre 2019 und 2021 haben sich mit den korrigierten GDV-Zahlen sogar von Verlust- in Gewinnjahre umgekehrt.

„Starkes Argument bei künftigen Verhandlungen“

„Die Situation ist äußerst unglücklich für unsere Mitglieder, weil Sie genau über diesen Zeitraum mit einem sehr verhärteten Versicherungsmarkt mit reduzierten Kapazitäten und höheren Prämien konfrontiert waren. Sicherlich ist dieses nun ein sehr starkes Argument für unsere Mitglieder bei künftigen Gesprächen und Verhandlungen mit ihren Versicherern“, meint Stefan Rosenowski, Geschäftsführer des Gesamtverbands der versicherungsnehmenden Wirtschaft (GVNW) auf procontra-Nachfrage.

Sein Verband wolle nun mit dem GDV in Gespräche einsteigen, um diese Fehlerquelle besser verstehen und nach Möglichkeit für die Zukunft ausschließen zu können. Schließlich müssten sich die Versicherungsrisikomanager der GVNW-Mitgliedsunternehmen darauf verlassen können, dass für das Industrieversicherungsgeschäft wichtige Kennzahlen vom GDV vor einer Veröffentlichung gründlich ermittelt und hinreichend auf ihre Richtigkeit geprüft würden, so Rosenowski. Er geht davon aus, dass der Gesamtverband die festgestellten Missstände umfassend aufklären wird.

Markel sieht keine Verfehlungen

Aber dienten die fälschlicherweise zu hohen Schadenquoten den D&O-Versicherern als Argument, um bei ihren Kunden höhere Prämien zu rechtfertigen? Ein Stiefel, den man sich beim Münchener Spezialversicherer Markel nicht anziehen möchte. „Nein, wir haben das Argument nicht verwendet und sehen uns deshalb nicht in der Situation darauf reagieren zu müssen“, sagt Arnd G. Briese, Head of Financial Lines und Syndikusrechtsanwalt bei Markel, gegenüber procontra. Sein Unternehmen habe bewusst davon abgesehen, über den Bestand eine flächendeckende Prämienerhöhung nach dem Gießkannenprinzip vorzunehmen. Vielmehr seien die Preise des Münchener D&O-Versicherers im Rahmen der Standardprodukte nahezu unverändert geblieben.

Trotz der operativen Gewinnjahre 2019 und 2021 geht Briese nicht damit konform, die D&O als Gewinnsparte zu bezeichnen. Bei Markel sei man hingegen der Ansicht, dass der Verlust nur weniger hoch war als zunächst angenommen. Briese verweist dabei auf die extrem langen Zeiträume, in denen Haftungsfälle noch nachträglich auftreten können. „In Anbetracht von durchschnittlichen Payback-Zeiten von bis zu 1000 Jahren im Schadenfall dürfte jedem Marktteilnehmer klar sein, dass hier Anpassungen unvermeidlich waren und auch weiter sein werden“, so der Financial-Lines-Chef. Die D&O-Kunden, so schätzt er, würden die angespannte Marktsituation verstehen. Bislang habe man zu dem Thema keine Kundenreaktion geschweige denn Beschwerde erhalten.

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Das ist auch beim D&O-affinen Makler Hoesch & Partner GmbH aus Frankfurt am Main der Fall. Dessen Bereichsleiterin Firmenkunden, Yvonne Kerpes, ist keine Frage eines Kunden zu falschen Schadenquoten in der Managerhaftpflicht bekannt. Sie sei sich dagegen sicher, dass vor dem Hintergrund der schwierigen weltwirtschaftlichen Gemengelage der Fokus der Kunden auf Sicherheit und Leistung ruhe.

„Natürlich haben wir unsere Kunden von den Prämiensteigerungen informiert, denn sie haben ein Sonderkündigungsrecht, wenn so eine Police teurer wird“, betont Kerpes. Tatsächlich sei den Betrieben der Schutz des Unternehmens und seiner Organe so wichtig, dass sich ihre Gespräche mit den Kunden in der Regel mehr um die Qualität der Absicherung drehen würden als um den Preis der Police. Preissensibel seien die Kunden des Maklers in dieser Sparte eher weniger.

GVNW erwartet zukünftig viel von den Versicherern

Eine Sichtweise, der sich GVNW-Chef Rosenowski nicht anschließen kann: „Die Prolongationsverhandlungen unterscheiden sich von Unternehmen zu Unternehmen. Aber wir wissen von Mitgliedern, dass Ihre Vertragspartner auf versicherungsgebender Seite in den Prolongationsverhandlungen mit der Schadenstatistik des GDV argumentiert haben, um Ihre Prämiensteigerungen nicht nur im Zusammenhang mit der eigenen Situation, sondern auch mit der Marktsituation darzustellen.“

Vor diesem Hintergrund erwartet er, dass alle betroffenen Marktteilnehmer ihrem auf einem kürzlichen GVNW-Symposium bekundeten Partnerschaftsstreben nachkommen und die Industrieversicherer verlorengegangenes Vertrauen wieder aufbauten. Schließlich würden diese ja auch in Zukunft eine wesentliche Rolle bei der Risikofinanzierung der Wirtschaftsunternehmen spielen wollen, so Rosenowski.

Laut Markel-Manager Briese hingegen stehen die Zeichen in der D&O-Versicherung weiterhin auf Sturm. Er hält es trotz korrigierter GDV-Schadenquoten für ausgeschlossen, dass in naher Zukunft eine wesentliche Markterweichung stattfinden wird.

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