Vertrieb per ChatGPT: Werden Versicherungsmakler jetzt überflüssig?
Als dieser Tage öffentlich bekannt wurde, dass der US-Softwarekonzern OpenAI erstmals Versicherungs-Apps von Drittanbietern für seinen KI-Chatbot ChatGPT zugelassen hat, ließ das nicht nur vorrübergehend die Aktien großer Versicherungsmakler und Versicherer einbrechen. Seitdem wird in der Branche auch lebhaft darüber diskutiert, ob ChatGPT dabei ist, sich zu einem neuen Vertriebskanal für Versicherungsprodukte zu entwickeln.
Konkret ausgelöst wurde die Diskussion durch die Integration von Apps des spanischen Versicherungs-Start-up Tuio sowie der US-Vergleichsplattform Insurify. Erstere bietet Nutzern innerhalb von ChatGPT personalisierte Hausrat-Versicherungsangebote an, letztere ermöglicht den Vergleich und Abschluss von Kfz-Versicherungen.
Wird der Vermittler zum Auslaufmodell?
Einige Marktbeobachter sehen darin nun eine Disruption des traditionellen Versicherungsvertriebs. Sie befürchten, dass der klassische Vermittler zum Auslaufmodell werden könnte, wenn Verbraucher künftig direkt im KI-Chat personalisierte Angebote erhalten und Versicherungen abschließen können.
KI-Plattformen könnten somit zum Primärkontaktpunkt für Versicherungsabschlüsse werden. ChatGPT würde sich vom Informations- zum Transaktionskanal für Versicherungsprodukte wandeln.
„Makler werden nicht aussterben"
Simon Moser, CEO des Berliner Start-ups Muffintech, hält die Angst nur zum Teil für begründet. Der Markt sei schon lange im Umbruch, meint er. Ähnliche Diskussionen wie heute seien auch schon beim Aufkommen der großen Vergleichsplattformen geführt worden.
„Makler werden jetzt auch nicht aussterben“, betont Moser gegenüber procontra. „Gerade für komplexe und beratungsintensive Bereiche wie etwa BU, Leben oder Gewerbe werden sie weiterhin gebraucht. Im Kompositbereich wird sich dagegen einiges bewegen.“
„Für Versicherer wird es jetzt auf jeden Fall immer wichtiger, sich so zu positionieren, dass man sie auch bei ChatGPT finden kann und dass sie den Endkunden auch in ihrer Umgebung KI-Assistenten zur Verfügung stellen. Wer das verschläft, wird Probleme bekommen."
KI als Werkzeug, nicht als Bedrohung sehen
Ganz ähnlich sieht das auch Insurtech-Gründer und Versicherungsmakler Daniel Feyler. Im Gegensatz zum privaten Sachversicherungsgeschäft seien Makler in den Sparten Leben und Kranken weiterhin gefragt, schreibt er auf dem Berufsnetzwerk LinkedIn.
„Eine Berufsunfähigkeitsversicherung oder Private Krankenversicherung sind beratungsintensive Produkte – die eher selten GEkauft werden und meistens VERkauft werden“, so Feyler. „Aus meiner Sicht wird sich auch auf Sicht der nächsten Jahre daran nichts ändern. Die größten Potenziale liegen in den nächsten Jahren in der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine. Lasst uns KI als Werkzeug und nicht als Bedrohung sehen.“
Ob und wann solche Apps wie in den USA auch in Deutschland verfügbar sein werden, ist noch offen. Laut Medienberichten sollen jedoch bereits Dutzende weiterer KI-Versicherungsapps in der Freigabepipeline von OpenAI bereitliegen – für die USA und für Europa. Auch andere KI-Bots wie Googles Gemini sollen schon an Standards für Dritt-Apps arbeiten.
Hohe rechtliche Hürden in Deutschland
Anders als in den USA gibt es hierzulande allerdings hohe rechtliche und regulatorische Hürden, die die Implementierung solcher Angebots-Apps erschweren könnten. Gegenüber dem Handelsblatt äußert zum Beispiel Stephen Voss, Mitgründer der Neodigital-Versicherung, diesbezüglich große Bedenken – insbesondere mit Blick auf die Datenschutz-Grundverordnung und die Versicherungsvertriebsrichtlinie. „Es dürfte wohl kaum datenschutzkonform sein, wenn Angaben wie Postleitzahl und Wohnungsgröße bei einem Anbieter mit Sitz außerhalb der EU landen“, meint er.
Beim Versichererverband GDV sieht man dagegen keine regulatorischen Probleme. „KI-Agenten verkaufen keine Versicherungen, somit liegt auch kein regulatorisches Problem vor“, schreibt Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen auf LinkedIn. „KI-Agenten unterstützen bei der Orientierung und Produktsuche. Darauf müssen sich alle Anbieter einstellen, deren Angebote gefunden werden sollen. Die Versicherer haben diese Entwicklung fest im Blick.“
Für Versicherungen in Deutschland gelte dabei ganz klar: Angebote stammten ausschließlich von regulierten Anbietern, dazu gehörten Versicherer ebenso wie Vergleichsportale oder andere zugelassene Versicherungsvermittler. „Wer Versicherungen anbietet oder vermittelt, muss die geltenden Regeln einhalten – unabhängig davon, ob KI-Agenten oder andere digitale Tools genutzt werden“, so Asmussen.
Long Story short
ChatGPT wird erstmals zum Vertriebskanal: Versicherungsangebote können in den USA direkt im KI-Chat verglichen und abgeschlossen werden.
Makler bleiben relevant: Besonders bei komplexen und beratungsintensiven Produkten sehen Experten weiterhin großen Bedarf.
Deutschland: Datenschutz- und Regulierungsfragen könnten die Einführung entsprechender Apps hierzulande bremsen.

