Diskussionsrunde

Hohe Kfz-Schadenkosten: Gebrauchte Ersatzteile wohl kein Gamechanger

Wie die Versicherer der Schadeninflation Herr werden können, war Thema einer Fachdiskussion der Versicherungsforen Leipzig. In gebrauchten Ersatzteilen sehen Vorstände zwar Potenzial, aber wenig Praxistauglichkeit.

Diskussionsrunde

Franz Gündel von den Versicherungsforen Leipzig leitete die Diskussion zum Thema Schadeninflation mit den Versicherungsvorständen Horst Nussbaumer (Zurich) und Martin Gräfer (die Bayerische), sowie Professorin Michaele Völler (TH Köln). | Quelle: Screenshot Microsoft Teams

Die Schadenkosten in der Kfz-Versicherung sind in den letzten Jahren deutlich stärker gestiegen als die Inflation. Immer teurere Ersatzteile und hohe Stundensätze in Werkstätten bereiten den Versicherern Kopfzerbrechen und treiben die Beiträge für die Kfz-Policen in die Höhe. Auch andere Komposit-Sparten sind tendenziell ähnlich betroffen.

Dass gebrauchte Kfz-Ersatzteile hier die Wende bringen können, glauben in der Praxis aber bislang nur wenige. „Theoretisch sind gebrauchte Ersatzteile kein kleiner Hebel. Aber das Problem ist die Umsetzung“, sagte die-Bayerische-Vorstandsmitglied Martin Gräfer an diesem Dienstag bei einem Pressetalk der Versicherungsforen Leipzig auf procontra-Nachfrage. Schließlich müssten Lagerung und Prüfung der Teile logistisch organisiert werden. Zudem müsste die Einstellung der Menschen zu gebrauchten Teilen in ihrem Auto stimmen und nicht zuletzt gibt es auch juristische Hürden – procontra berichtete.

Identteile statt Gebrauchtteile

Auch Horst Nussbaumer, Mitglied des Vorstands der Zurich Gruppe Deutschland, wähnt hier in der Einstellung der Menschen ein großes Hindernis. Deutlich mehr Potenzial sieht er in sogenannten Identteilen, also bau- und funktionsgleichen Zwillingen der Originalteile, nur ohne die offizielle Autobauermarke. Diese sind in der Regel deutlich günstiger als die Originale. „Bei unserem Direktversicherer DA Direkt testen wir den Ersatz durch Identteile bereits und es ist insgesamt eine Tendenz zur Kostensenkung erkennbar“, sagte Nussbaumer auf procontra-Nachfrage.

Gräfer, der seinem Vorstandskollegen ansonsten in vielen Punkten zustimmte, sieht Identteile stattdessen als keinen großen Hebel. Dies begründete er in der immer größeren Breite von verschiedenen Fahrzeugmodellen. Hier eine signifikante Menge an Identteilen zu bekommen, sei schwierig.

 

Als größten Faktor zur Begrenzung der Schadeninflation sehen die Vorstände von Zurich und die Bayerische die Künstliche Intelligenz (KI). Speziell in der einfachen Schadenbearbeitung erwartet Nussbaumer einen „massiven Change“. Dass die Beschäftigtenzahl in der Branche durch die KI aber insgesamt deutlich abgebaut werde, das glaubt der Zurich-Vorstand nicht. „Ich sehe nur unser Demographieproblem, speziell in der Versicherungsbranche“, so Nussbaumer auf procontra-Nachfrage. Die Babyboomer würden eine personelle Lücke hinterlassen, zu deren Füllung es auch der Technik bedürfe.

Gräfer kritisierte, dass derzeit teilweise schon ein Beschäftigtenabbau stattfinde, die KI-Lösung aber noch gar nicht da sei. Von ihren Belegschaften müssten die Versicherer heute die Bereitschaft erwarten können, sich beruflich zu verändern und mitzuentwickeln. Professorin Michaele Völler vom Institut für Versicherungswesen der TH Köln, dass die Versicherungsbranche sowohl einen Overtrust als auch einen Undertrust in die KI verhindern müsse. „Die Herausforderung besteht darin, Mitarbeitende mit einer Grundkompetenz im KI-Bereich auszubilden“, sagte die Diskussionsteilnehmerin.

Gute Kundenbindung führt zu mehr Prävention

Völler sagte aber auch: „Die Schadeninflation wirkt sich erstaunlich wenig auf die Kundenbindung aus, wenn man zum Beispiel auf das Kfz-Wechselverhalten blickt.“ Das hab auch damit zu tun, dass viele Versicherer die steigenden Beiträge gut erklären würden, ob per Brief oder durch den Vermittler.

Gräfer betonte, dass die Versicherer vor einer echten Geschäftsfeldreform stünden und jetzt Kreativität bräuchten, um ihre Leistungen in Komposit hervorzuheben. Ein Ansatz der Bayerischen dabei sind Vorsorgebudgets in der Wohngebäudeversicherung. Dabei würden zum Beispiel über die Vermittler Dach-Checks per Drohnenflug organisiert, die der Versicherer aus diesem Budget bezahle. „Damit kann der Versicherer regelmäßig positive Kontaktpunkte mit dem Kunden schaffen, ohne dass ein Schaden reguliert werden muss“, ordnete Völler ein.

Nussbaumer erklärte, dass hierbei die Rolle des Außendienstes sehr wichtig sei: „Wo die Kundenbindung am größten ist, dort ist auch die Bereitschaft zur Prävention an größten, weil das Vertrauen der Kunden da ist.“ Somit würde der persönliche Kontakt mit den Kunden in Zeiten von zunehmend technischen Lösungen noch einmal an Bedeutung gewinnen.