Die aktuellen Pläne der Allianz-Tochter Allianz Partners und der Ergo-Versicherung, Stellen zugunsten von Automatisierung und KI-Einsatz streichen zu wollen, stoßen bei der Neuen Assekuranz Gewerkschaft (NAG) auf Unverständnis. Die Gewerkschaft fordert gegenüber procontra ein Umdenken in den Vorstandsetagen und warnt davor, KI als kurzfristiges Sparinstrument zu nutzen.
Demografie statt Rationalisierung
Die NAG verweist auf die Altersstruktur der Branche: In den kommenden fünf bis zehn Jahren werde ein großer Teil der Belegschaften in den Ruhestand gehen. Insgesamt würden bis 2035 mehr als drei Millionen Menschen netto aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Diese demographische Tatsache werde auch an der Versicherungswirtschaft nicht vorbeigehen.
Die Gewerkschaftsvorsitzende Gaby Mücke kritisiert daher einen „Überbietungswettbewerb beim Personalabbau“ ohne belastbare Grundlage. „Die vermeintlichen Effizienzgewinne werden nur wieder zu Arbeitsverdichtung und Einschränkungen im Kundenservice gehen, die Einsparungen sacken die Aktionäre und Eigentümer ein. Wir brauchen keine Kündigungswellen, sondern intelligente Brückenlösungen bis zum Renteneintritt der Babyboomer.“
Qualifizierungsoffensive statt Abfindung
Speziell in der IT-Sparte sieht die NAG die KI nicht als den großen „Jobkiller“, als der sie oft dargestellt werde, sondern als Werkzeug, das Berufsbilder verändere. Der Bedarf an IT-Sicherheit, Steuerung der KI-Systeme und komplexer Datenarchitektur werde eher steigen als sinken.
„Wer glaubt, dass KI die IT-Abteilungen morgen überflüssig macht, hat die Technologie nicht verstanden“, konstatiert Gaby Mücke. „Die Arbeit wird nicht weniger, sie wird anspruchsvoller. Wir fordern daher eine Qualifizierungsoffensive statt Abfindungsprogramme. Die Kollegen, die heute noch da sind, müssen fit gemacht werden für die Zusammenarbeit mit der KI. Man darf das Know-how, das morgen händeringend gesucht wird, nicht heute vor die Tür setzen.“
Zweifel an Umschulungsstrategien
Umschulungen liefen jedoch ins Leere, wenn, wie von Ergo angekündigt, neue oder freiwerdende Stellen zunehmend im Ausland besetzt würden. Denn dadurch reduziere sich die Zahl der verfügbaren Zielpositionen für umgeschulte Beschäftigte in Deutschland.
Wenn einfache Sachbearbeitungsjobs automatisiert und gleichzeitig hochqualifizierte IT-Positionen begrenzt zugänglich seien, entstehe eine strukturelle Lücke. Eine Umschulungsstrategie sei jedoch nur dann schlüssig, wenn im Inland auch entsprechende Beschäftigungsperspektiven entstünden, kritisiert die NAG.
Forderung nach sozialverträglicher Transformation
Die NAG verlangt von den Versicherern, betriebsbedingte Kündigungen im Zuge der KI-Transformation auszuschließen. Der Personalbestand solle stattdessen über natürliche Fluktuation angepasst werden. Für die Gewerkschaft steht fest: In profitablen Unternehmen mit wachsendem Fachkräftemangel sei ein radikaler Stellenabbau der falsche Weg – KI müsse als Chance zur Modernisierung genutzt werden, nicht als Jobkiller.
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Ergo-Versicherung baut 1.000 Stellen ab: Wird KI jetzt zum Jobkiller?
Zum Hintergrund:
Wie berichtet, will die Ergo-Versicherung bis 2030 rund 200 Arbeitsplätze pro Jahr abbauen, also 1.000 Stellen insgesamt. Der Abbau soll sozialverträglich und vor allem durch natürlich Fluktuation erfolgen. Betroffen sind vor allem einfache, sich wiederholende Arbeiten, die durch KI ersetzt werden können, – etwa im Callcenter oder bei der Schadenbearbeitung.
Neben dem Abbau in Deutschland sollen zudem Jobs in der Verwaltung oder im Service ins Ausland verlagert werden, etwa nach Polen oder Indien.
Auch bei der Allianz-Tochter Allianz Partners könnten Medienberichten zufolge in den nächsten Monaten bis zu 1.500 Stellen wegfallen und durch KI ersetzt werden.
Long Story short
Die NAG wirft Versicherern vor, KI als kurzfristiges Sparinstrument zu nutzen.
In den kommenden Jahren gehen viele Beschäftigte in Rente – laut NAG könnte der Personalbedarf dadurch ohnehin sinken, ohne aktive Stellenabbauprogramme.
Umschulungen verlören an Wirkung, wenn neue Stellen parallel ins Ausland verlagert würden und damit Perspektiven für Beschäftigte im Inland fehlten.
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