Branche im Transformationsmodus

Ergo-Versicherung baut 1.000 Stellen ab: Wird KI jetzt zum Jobkiller?

Der Ergo-Versicherungskonzern will in Deutschland bis 2030 rund 1.000 Arbeitsplätze abbauen und durch KI ersetzen. Bei Branchenbeobachtern wirft das die Frage auf, ob Künstliche Intelligenz jetzt zum großen Job-Killer wird.

Ergo-Hauptsitz in Düsseldorf

Der Ergo-Hauptsitz in Düsseldort: Bis 2030 will der Versicherer 1.000 Arbeitsplätze abbauen und zum Teil durch KI ersetzen. | Quelle: Ergo Group

Erst Ende vergangenen Jahres war durchgesickert, dass die Allianz-Tochter Allianz Partners in den nächsten Monaten offenbar mehr als 1.500 Stellen durch Künstliche Intelligenz (KI) ersetzen möchte. Und jetzt gab auch die Ergo bekannt, aus demselben Grund bis 2030 rund 200 Arbeitsplätze pro Jahr abbauen zu wollen, also 1.000 Jobs insgesamt.

Routineaufgaben besonders betroffen

Betroffen hiervon sind laut einem Bericht des Handelsblatts vor allem Funktionen mit repetitiven und standardisierten Aufgaben, wie sie etwa in Callcentern oder bei der Schaden- und einfachen Schriftgutbearbeitung anfallen. Diese Aufgaben, so heißt es, könnten zunehmend durch KI und neue Technologien übernommen werden.

Der Stellenabbau ist Teil eines Strategieprogramms der Ergo-Mutter Munich Re, mit der diese bis 2030 insgesamt 600 Millionen Euro einsparen will. Das Ziel ist eine deutliche Gewinnsteigerung – für das laufende Jahr werden 6,3 Milliarden Euro angepeilt. „Wir wollen noch höher hinaus in jeder Hinsicht, um 2030 an der Spitze des Wettbewerbs zu stehen. Hierfür werden wir Geschäft in allen Segmenten profitabel ausbauen“, so der neue Vorstandsvorsitzende Christoph Jurecka.

Abbau soll sozialverträglich erfolgen

Auf procontra-Anfrage betont ein Unternehmenssprecher der Ergo, dass der Stellenabbau freiwillig und über natürliche Fluktuation sowie Altersteilzeit erfolgen solle. Parallel wolle man außerdem rund 500 Beschäftigte in einer hauseigenen Reskilling-Akademie am Standort Düsseldorf für neue Aufgaben qualifizieren.

„Es wird in den nächsten fünf Jahren keine betriebsbedingten Kündigungen und auch keine Standortschließungen geben“, betont der Sprecher. Darauf habe man sich gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern verständigt.

Gewerkschaft warnt vor Fehlentwicklung

Das klingt zunächst einmal nach einer sozialverträglichen Lösung, doch Fakt bleibt: Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) verändert die Beschäftigungsstrukturen in der Versicherungsbranche offenbar schneller als erwartet. Besonders einfach strukturierte Jobs werden zunehmend überflüssig.

Entwickelt sich KI also zum Job-Killer der Branche? Für Gewerkschaftssekretärin Deniz Kuyubasi, die im Auftrag von Verdi mit der Ergo über die Abbaupläne verhandelt hat, ist KI zunächst einmal nur eine Technologie. „Ob sie zum ,Job-Killer‘ wird, ist keine naturgegebene Entwicklung, sondern eine Frage der unternehmerischen und politischen Gestaltung“, meint sie gegenüber procontra. „Aus unserer Sicht darf KI nicht als Vorwand dienen, um Personal abzubauen und Kosten einseitig auf die Beschäftigten abzuwälzen. Vielmehr muss sie so eingesetzt werden, dass sie Arbeit unterstützt, entlastet und qualitativ verbessert.“

Stellenabbaupläne bei Versicherungsunternehmen wie Ergo oder Allianz Partners betrachte man jedenfalls mit großer Aufmerksamkeit und auch mit Sorge. Kuyubasi: „Unsere zentrale Forderung lautet daher: Qualifizierung vor Personalabbau. Unternehmen müssen frühzeitig in Weiterbildung investieren und Beschäftigten Perspektiven im digitalen Wandel eröffnen. KI darf nicht gegen die Belegschaften eingesetzt werden, sondern muss gemeinsam mit ihnen gestaltet werden.“

KI verändert Jobprofile stärker als erwartet

Auch beim AfW Bundesverband Finanzdienstleistung beobachtet man die aktuellen Entwicklungen genau, auch wenn die unabhängige Vermittlerschaft nur indirekt davon betroffen ist.

AfW-Vorstand Norman Wirth sieht in KI zunächst einmal keinen pauschalen Job-Killer für die Versicherungsbranche, wie er gegenüber procontra betont. „Zugleich wage ich zu bezweifeln, dass es bei den aktuell diskutierten Abbauzahlen bleiben wird“, sagt er. „Der disruptive Impact von KI auf Strukturen und Arbeitsprofile dürfte größer sein, als derzeit vielfach angenommen wird.“

Long Story short

  • Ergo will bis 2030 rund 1.000 Stellen abbauen, vor allem bei standardisierten Tätigkeiten wie Callcenter-, Schaden- und Schriftgutbearbeitung – viele Aufgaben sollen KI übernehmen.

  • Es sind keine betriebsbedingten Kündigungen geplant; der Abbau soll u.a. über Fluktuation und Altersteilzeit sowie Umschulung von etwa 500 Beschäftigten im Rahmen einer Qualifizierungsinitiative erfolgen.

  • Gewerkschaften und Branchenvertreter erwarten tiefgreifende Veränderungen der Arbeitsprofile – KI gilt nicht zwingend als Jobkiller, könnte aber deutlich mehr Arbeitsplätze verändern als bisher angenommen.