Marktkonsolidierung

Blau Direkt: Warburg Pincus kauft auch Netfonds

procontra hatte es bereits kommen sehen, aber jetzt steht es fest: Netfonds wird eine Schwestergesellschaft von Blau Direkt. Investor Warburg Pincus hat den Maklerpool übernommen. Formiert sich damit eine neue Nummer 1 im Poolmarkt?

Martin Steinmeyer

Netfonds-Geschäftsführer Martin Steinmeyer | Quelle: Netfonds

Großer Maklerpool-Zusammenschluss im Norden: Die Netfonds AG (Hamburg) geht künftig mit der Blau Direkt Gruppe (Lübeck) unter dem Dach des Private Equity Investors Warburg Pincus gemeinsame Wege. Es entsteht ein Maklerpool mit über 550 Millionen Euro Umsatz und 600 Mitarbeitenden. Netfonds ergänzt Blau Direkt um das bislang fehlende Puzzle-Teil des Investmentbereichs. procontra hatte bereits in den Steilen Thesen Anfang des Jahres über einen Zusammenschluss spekuliert, da vieles dafür sprach: Seitdem Blau Direkt im vergangenen Jahr Maxpool übernommen hatte, ist Netfonds ohnehin näher an die Gruppe herangerückt. Denn bereits 2017 hatten die beiden Hamburger Maklerpools Netfonds und Maxpool ihre Ressourcen bei der IT-Weiterentwicklung gebündelt. Netfonds hatte sich damals an der Maxpool-Tochter "Maxpool IT & Dienstleistungsgesellschaft mbH" beteiligt, die in diesem Zusammenhang in "Finfire Solutions GmbH" umbenannt wurde und seitdem in enger Kooperation weiter betrieben wird.

Gemeinsam an die Spitze?

Der Zusammenschluss sorgt für Marktmacht: Blau Direkt und Netfonds liegen bezüglich Rohertrag fast gleich auf mit 48 Millionen Euro (Stand 2024). Damit schieben sich die beiden vor den bisherigen ungeschlagenen Spitzenreiter Fonds Finanz mit einem Rohertrag von 76,60 Millionen Euro in 2024 und einem Gesamtumsatz von 341,2 Millionen Euro 2024.

Dass Netfonds und Blau Direkt kulturell und strategisch harmonieren, haben sie bereits nach eigenen Angaben mit der gemeinsamen Initiative zum Vergleichsrechner „comparit“ unter Beweis gestellt. Die räumliche Nähe zwischen Hamburg und Lübeck spiegele sich zudem in ähnlichen Wertesystemen wider: Beide Häuser verstehen sich als unternehmerische und technologische Vorreiter und gleichzeitig als hanseatisch-bodenständige Partner. Die über Jahre gewachsene Vertrauensbasis bildet laut der Unternehmen das Fundament für die gemeinsame Partnerschaft.

Technik-affine Partner: KI im Fokus

Beide Unternehmen zählen in ihren Segmenten zu den Technologieführern. Gemeinsam wollen sie diese Position durch die Entwicklung modernster KI-Anwendungen weiter ausbauen und so ein wettbewerbsfähiges IT-Team formen, das Automatisierungsprozesse auf ein neues Niveau hebt und die Wettbewerbsfähigkeit der angeschlossenen Partner deutlich stärkt. Warburg Pincus ist mit Sektorerfahrung in den Bereichen Finanzdienstleistungen und Technologie, sowie dem Fokus auf nachhaltiges Wachstum der Portfoliounternehmen hierfür der finanzstarke Partner.

„Wir haben mit Netfonds eine Plattform geschaffen, die skalierbar, praxisnah, aber vor allem menschlich ist. In einem Markt, der technologisch getriebene Effizienz verlangt, ist diese Chance einzigartig und wir bündeln nun unsere Kräfte mit Blau Direkt", betont Martin Steinmeyer, Vorstandsvorsitzender der Netfonds AG. „Diese Partnerschaft ist ein Versprechen an den Markt, für unsere Partner und Kunden nicht nur Dienstleister, sondern der entscheidende Wettbewerbsvorteil der Zukunft zu sein. Wir bleiben uns treu, werden aber gemeinsam schneller, stärker und relevanter.“

"Versicherung und Investment wachsen technologisch zusammen. In der KI-Ära erschließen wir neue Potenziale und definieren gemeinsam das Betriebssystem der Branche. Wir verfügen über beste Voraussetzungen, Makler beim Einsatz von KI mit voller Kraft nach vorne zu bringen“, ergänzt Ait Voncke, CEO von Blau Direkt.

Unabhängigkeit und Kontinuität

Ein zentraler Aspekt der Partnerschaft ist die unternehmerische Eigenständigkeit der beiden Firmen. Netfonds wird als komplementäre Schwestergesellschaft innerhalb der Gruppe agieren und ihre Marke, ihren Standort in Hamburg und ihre eigene Unternehmenskultur beibehalten. Das Management der Netfonds beteiligt sich an der gemeinsamen Holding und bleibt in der Führungsverantwortung, und hat sich bereits dazu verpflichtet, unter Andienung ihrer eigenen Beteiligung das Angebot unwiderruflich zu unterstützen.

Wie der Zusammenschluss sich für Makler auswirkt

Ganzheitlichkeit: Die Partner von Netfonds erhalten erweiterten Zugriff auf Versicherungsprozesse, während Blau-Partner von der Investment-Kompetenz von Netfonds profitieren.

Technologie-Führer: Noch stärkere Investitionen in IT-Teams, um die Entwicklung im Technologiebereich weiter signifikant zu beschleunigen.

Nachfolgelösungen: Durch die Integration der „Tjara“-Infrastruktur entstehen Lösungen für die Bestandsnachfolge im Investment- und Versicherungsbereich.

Strategischer Abschied vom Börsenhandel, Eckdaten des Angebots

Die Realisierung des gemeinsamen Potentials von Blau Direkt und Netfonds ist nur in einer gemeinsamen, privaten Eigentümerstruktur möglich – abseits der Volatilität und Kosten des Kapitalmarkts. Daher unterbreitet Warburg Pincus den Netfonds Aktionären ein öffentliches Angebot zu einem Preis von 78,25 Euro je Aktie mit dem Ziel, Netfonds vollständig von der Börse zu nehmen. Dies entspricht einer Prämie von 78,3 Prozent auf den volumengewichteten Durchschnittskurs der Netfonds Aktie der vergangenen drei Monate. Das Angebot unterliegt nicht den Vorschriften des Wertpapiererwerbs- und Übernahmegesetzes (WpÜG).

Zum heutigen Tag hat sich Warburg Pincus bereits eine Beteiligung von circa 53 Prozent an Netfonds unwiderruflich gesichert, einschließlich der Beteiligungen des derzeitigen CEOs, CFOs und CBOs der Netfonds AG sowie von Karsten Dümmler, Gründer und Mitglied des Aufsichtsrats von Netfonds. Warburg Pincus behält sich zusätzlich vor im Rahmen einer etwaigen Kapitalerhöhung gegen Bareinlage unter Bezugsrechtsausschluss Netfonds Aktien bis zu einer Gesamtbeteiligung in Höhe von 9,9 Prozent des derzeitigen Grundkapitals der Netfonds zu zeichnen.