Kranken- und Pflegeversicherung: „Nicht zukunftsfähig“

Der scheidende Präsident der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), Roland Weber, nimmt zum Amtsende kein Blatt vor den Mund. Nachdem er bereits die Rentenversicherung an der Belastungsgrenze sieht, spart er auch nicht mit Kritik am deutschen Kranken- und Pflegeversicherungssystem. Das sei ohne Ausgabendisziplin nicht zukunftsfähig, sagte Weber in Köln. Die Aktuare warnten vor massiven Beitragssteigerungen. Das würde sowohl gesetzliche Pflege- und Krankenversicherung als auch die privaten Vorsorgesysteme betreffen.
Als Kostentreiber nennen die Aktuare neben dem demografischen Wandel vor allem den medizinisch-technischen Fortschritt. „Darüber hinaus leidet die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung unter einer strukturellen Einnahmenschwäche“, so Weber.
Doch auch in der privaten Krankenversicherung drohen bei anhaltendem Niedrigzins Beitragsanpassungen (BAP). Bleibt das Niedrigzinsniveau auf dem derzeitigen Stand, erhöht sich der PKV-Durchschnittsbeitrag nach den Berechnungen der DAV inflationsbereinigt bis zum Jahr 2060 um den Faktor 2,7. Kommt es hingegen zu einer Zinserholung ab 2030, ergibt sich ein Faktor von 2,4. In der privaten Pflegeversicherung steigen die Beiträge im Extremszenario um den Faktor 4,5. „Die privaten Sozialsysteme geraten [...] durch die anhaltende Tiefzinsphase zunehmend unter Druck“, resümierte Weber.
In Anbetracht dieser Szenarien appelliert die DAV an die Politik, jede Möglichkeit zu ergreifen, die Effizienz des Gesundheitssystems weiter zu steigern. So ließen sich nach Überzeugung der Aktuare durch den Ausbau der Telemedizin oder der Einführung einer digitalen Gesundheitskarte erheblich Kosten einsparen. „Zudem muss jede weitere Leistungsausweitung speziell in der sozialen wie privaten Pflegepflichtversicherung kritisch auf ihre langfristige Finanzierbarkeit überprüft werden. Ohne Ausgabendisziplin ist das deutsche Kranken- und Pflegeversicherungssystems nicht zukunftsfähig“, so Weber weiter.
Wie zum Beweis für die Warnungen der Aktuare, berichteten übereinstimmend mehrere Medien über gestiegene Zuzahlungen in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag geht hervor, dass die Zuzahlungen in GKV zwischen 2016 und 2018 um knapp zehn Prozent, von 609 auf 668 Millionen Euro, angestiegen sind. Hauptgrund für den Anstieg seien höhere Ausgaben der Krankenkassen für Heilbehandlungen. Die höheren Vergütungen in der Branche hätten zu dem Kostenanstieg geführt, so die Regierung.

