Interview mit Professor Dr. Mirko Kraft

Prävention gegen Starkregen: „Mit 15.000 Euro kann man schon viel erreichen“

Starkregen wird zum wachsenden Risiko für Hausbesitzer – doch wirksame Prävention ist auch im Bestand möglich. Warum schon überschaubare Maßnahmen viel bewirken können, weshalb Versicherer Prävention bislang kaum belohnen und welche Rolle Staat und Elementarversicherung künftig spielen, erklärt Forscher Mirko Kraft im Interview.

Professor Dr. Mirko Kraft

Dr. Mirko Kraft ist seit 2012 Professor für Versicherungsbetriebslehre an der Fakultät Wirtschaftswissenschaften der Hochschule Coburg. | Quelle: Danny Wiegand/ Hochschule Coburg

Procontra: Herr Kraft, Sie haben zusammen mit Kollegen der Hochschule Coburg und der Europäischen Fernhochschule Hamburg zum Thema Starkregenprävention geforscht. Welche Forschungslücke wollen Sie schließen?

Mirko Kraft: Wir haben das Thema aus drei Blickwinkeln betrachtet: baulich-technisch, versicherungsvertraglich und versicherungsökonomisch – und genau diese Perspektiven wollten wir zusammenbringen.

Procontra: Dann fangen wir mal mit den technischen Erkenntnissen an.

Kraft: Entscheidend war die Frage: Welche Maßnahmen lassen sich an Bestandsgebäuden realistisch umsetzen? Neubauten kann man anders planen, aber die meisten versicherten Gebäude in Deutschland sind Bestandsgebäude – die stehen, wo sie stehen, und man kann sie nicht „mal eben“ neu bauen.
Wir haben deshalb Maßnahmen untersucht, die an bestehenden, privaten Wohngebäuden möglich sind, um einen praktischen Starkregen- und Hochwasserschutz zu erreichen.

Procontra: Sie haben eine Abfolge möglicher Maßnahmen erarbeitet – also eine Art Priorisierung. Wie sieht diese aus?

Kraft: Ja, eine abgestufte Vorgehensweise ist sinnvoll. Ich würde bei „unter 0“ anfangen: der Rückstauklappe. Sie verhindert, dass Wasser aus dem Kanal zurück ins Gebäude drückt. Oft ist sie vorhanden, aber ein großes Problem ist die fehlende Wartung – viele Eigentümer wissen nicht einmal, wo sie ist oder wann sie zuletzt geprüft wurde.

Procontra: Was folgt dann?

Kraft: Danach kommen mobile Maßnahmen wie Sandsäcke. Gerade Starkregen ist ein sehr zeitkritisches Ereignis. Wenn man dann erst die Sandsäcke finden, kaufen, befüllen und auslegen muss, ist diese Maßnahme wahrscheinlich nicht mehr sonderlich effektiv. Vorbereitung lohnt sich hier also. Dann folgen bauliche Maßnahmen: druckdichte Türen, Tore, Fenster. Damit lassen sich oft 10 bis 20 Zentimeter Wasserhöhe zusätzlich absichern.
Wenn man darüber hinaus will, braucht man Schottsysteme oder Dammbalkensysteme. Ab etwa 50 Zentimetern wird es schwieriger, weil dann auch die Stabilität und Gebäudestruktur eine größere Rolle spielen.

Procontra: Mit welchen Kosten müssen Hausbesitzer insgesamt rechnen?

Kraft: Wir haben Anbieter befragt und Kosten abgefragt. Als Größenordnung gilt: Wer 10 bis 20 Zentimeter Wasserhöhe absichern möchte, kann mit etwa 10.000 bis 15.000 Euro schon relativ viel erreichen. Das ist – bei allen Einschränkungen – eine gute Nachricht: Mit überschaubaren Mitteln lässt sich ein wertvolles Gebäude und sein Inhalt deutlich besser schützen. Zumal die Möglichkeit besteht, dass diese Maßnahmen auch günstiger werden.

Procontra: Wieso?

Kraft: Heute sind Preise oft ereignisgetrieben: Nach einem Starkregenereignis wollen plötzlich viele gleichzeitig nachrüsten – die Nachfrage trifft auf knappe Kapazitäten, das wird teuer. Wenn Prävention kontinuierlicher stattfinden würde, also planbarer und standardisierter, könnten Kosten sinken. Und: Man sollte das Thema mit ohnehin nötigen Maßnahmen zusammendenken – etwa energetischer Sanierung und einer breiteren Bau- und Wohnwende. Klimaresilienz gehört da eigentlich dazu.

Procontra: Haben Sie auch Maßnahmen am Grundstück betrachtet – also Geländeform, Ableitung, Fließwege?

Kraft: Weniger. Wir haben uns stärker auf Maßnahmen am Gebäude konzentriert, auch weil ein großer Hebel bei öffentlichen Maßnahmen liegt: Straßenführung, Ableitung, Rückhalteflächen – vieles passiert nicht auf dem eigenen Grundstück.
Das Problem: Es wird zwar viel geplant, aber häufig zu langsam umgesetzt. Und dann stellt sich die Frage: Kann man Eigentümern zumuten, in Vorleistung zu gehen, weil öffentliche Maßnahmen nicht rechtzeitig greifen? Der Klimawandel ist schnell – zeitlich wird es knapp.

Procontra: Inwieweit wird entsprechende Prävention durch die Gebäudeversicherung gefördert?

Kraft: Wir haben uns die aktuellen Bedingungen zur Elementarversicherung angeschaut und mussten feststellen: Konkrete bauliche Maßnahmen sind dort nicht zu finden. Was sich finden lässt, sind Obliegenheiten. Der Versicherungsnehmer muss beispielsweise regelmäßig seine Rückstauklappe warten lassen. Tut er dies nicht, kann der Versicherer im Schadenfall die Leistung verweigern. Prävention wird durch diese Obliegenheiten praktisch erzwungen.

Das Projekt „Starkregen-Prävention“ von Prof. Dr. Mirko Kraft, Prof. Dr. Andreas Weiß (beide Hochschule Coburg) und Prof. Dr. Christoph Schwarzbach (Euro FH Hamburg) wurde durch Mittel der DVfVW-Wissenschaftsförderung gefördert.

Procontra: Mit Erfolg?

Kraft: Diese Obliegenheitspflicht ist sehr versteckt in den Verträgen. Die Wirkung tritt eigentlich nur dann ein, wenn der Kunde merkt, dass der Versicherer nicht zahlt.

Procontra: Warum fördern Versicherer Prävention nicht stärker – mit Rabatten oder Zuschüssen?

Kraft: Die Idee ist naheliegend, aber ökonomisch schwierig. Die Maßnahmen kosten schnell fünfstellige Beträge. Gleichzeitig liegen jährliche Prämien – grob – vielleicht bei 500 bis 1.000 Euro fürs Gebäude, und für den Elementarbaustein häufig bei 100 bis 200 Euro im Durchschnitt.
Und dann kommt das Kündigungsproblem: Wenn ein Versicherer Zuschüsse zahlt, könnte der Kunde im Folgejahr zum nächstgünstigen Anbieter wechseln. Das erschwert tragfähige Modelle.
Was man aber sieht: Es gibt Überlegungen zu Selbstbehaltsreduktionen, und bei nachweislich umfangreichen Maßnahmen kann sich in Einzelfällen auch die Risikoeinstufung verändern – mit spürbaren Effekten auf die Prämie.

Procontra: In diesem Jahr will die Bundesregierung ihre Pläne im Hinblick auf eine Elementarpflichtversicherung vorstellen. Wäre eine Pflichtversicherung förderlich für mehr Prävention? Oder steht sie Prävention eher entgegen?

Kraft: Das hängt stark von der Ausgestaltung ab. Ich bezweifle aber, dass eine Pflichtversicherung Prävention spürbar ausbremsen würde – denn viele Menschen machen Prävention nicht primär wegen des finanziellen Verlustes, sondern um das Ereignis zu vermeiden. Wasser im Haus ist ein enormes Leiden – unabhängig davon, ob man Geld ersetzt bekommt.

Procontra: Könnte der Staat Präventionsmaßnahmen gegen Starkregen stärker fördern – durch Zuschüsse oder Steuererleichterungen?

Kraft: Ja, das ist ein naheliegender Weg. Im Gebäudebereich müssen wir ohnehin investieren – energetische Sanierung wird ja auch gefördert. Prävention kann man ähnlich begleiten: über Zuschüsse, Steueranreize oder Kombinationen.
Wichtig ist, dass es zielgenau passiert. Nicht jedes Haus muss umgebaut werden – dafür braucht man Daten und gute Risikomodelle. Hier kann auch die Versicherungswirtschaft mit Daten und Know-how einen Beitrag leisten.

Procontra: Warum sind Hausbesitzer nicht von sich aus aktiver?

Kraft: Da gibt es mehrere Faktoren. Zum einen natürlich monetäre Gründe: Hausbesitzer mögen vermögend sein, weil sie eine Immobilie besitzen. Doch wer nur ein geringes Einkommen hat – wie beispielsweise viele Rentner –, kann daraus keine umfangreichen Umbaumaßnahmen finanzieren.
Zum anderen ist Starkregen häufig ein lokales Ereignis: Während der eine Ort hart getroffen wird, bleibt der Nachbarort verschont. Vielen Menschen fällt dann die Transferleistung schwer, zu erkennen, dass es beim nächsten Mal sie sein können, die es trifft. Denn das ist sicher: Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Extremwetterereignisses zu werden, steigt.

Long Story short

Die Forschung zeigt, dass wirksame Starkregenprävention vor allem bei Bestandsgebäuden mit realistisch umsetzbaren Maßnahmen möglich ist und mit überschaubaren Investitionen bereits deutliche Schutzwirkungen erzielt werden können. Gleichzeitig wird Prävention bislang kaum aktiv durch Versicherer gefördert, sondern vor allem über Obliegenheiten erzwungen.