Schadenregulierung nach der Flut

„Versicherungsvermittler können im Ernstfall eine wichtige Rolle übernehmen“

Nach der Überschwemmung zeigt sich die Qualität einer Versicherung. Versicherungsdetektiv und Schadenexperte Timo Heitmann berichtet von seinen Erfahrungen, wie Versicherer bei der Regulierung für die Schäden der Elementarschadenversicherung im Ernstfall vorgehen.

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11:06 Uhr | 28. Juni | 2024
Timo Heitmann

Timo Heitmann, Versicherungsdetektiv und Teamleiter Schadenaußendienst

| Quelle: Timo Heitmann

procontra: Auf welche Leistungen kommt es bei der Absicherung von Elementarschäden besonders an? Worauf sollten Kunden beim Versicherungsabschluss vor allem achten?

Heitmann: Der Leistungsfall ist bei der Elementarschadenversicherung beim Risiko Überschwemmung relativ einfach. Entweder es gab das Hochwasser beziehungsweise den Starkregen mit Überflutungsfolge oder nicht. Diese Überprüfung ist im Gegensatz zu anderen Schadensursachen vergleichbar einfach. Wichtig ist allerdings, dass die Versicherungssummen passen. Eine Unterversicherung kann fatal sein. Ein modernes Bedingungswerk, das zum Beispiel auf Sanktionen bei grober Fahrlässigkeit verzichtet, ist aus meiner Sicht wichtig. Für Makler und Kunden kann es zudem entscheidend sein, ob der Versicherer einen eigenen Schadenaußendienst einsetzen kann. Hier geht eine Regulierung des Schadens in der Regel deutlich schneller.

procontra: Wenn der Schadenfall eingetreten ist, welche Sofortmaßnahmen können und sollten Betroffene ergreifen?

Heitmann: Grundsätzlich kann bereits im Vorfeld etwas getan werden. Wird das akut gefährdete Gebäude mit beispielsweise Sandsäcken oder anderen Maßnahmen geschützt, oder packen Helfer mit an, Gegenstände aus dem Keller oder Untergeschoss zu tragen um damit einen kurz bevorstehenden Schaden zu verhindern oder ihn zu verringern, könnten die Kosten dafür beim Versicherer eingereicht werden. Sind Makler oder Kunden unsicher, was abgedeckt werden würde, lohnt die Nachfrage beim Versicherer. Ist der Schaden eingetreten, gilt, alles, was sinnvoll ist, sollte auch getan werden. Zunächst muss alles dokumentiert werden. Vom Wasserstand im Keller bis hin zu den ersten Aufräumarbeiten. Der Versicherer übernimmt die Kosten, wenn beispielsweise Wasser und Schlamm beseitigt werden, auch Helferstunden können berücksichtigt werden. Für die Regulierung ist es ebenfalls hilfreich alle beschädigten oder zerstörten Gegenstände zu sammeln und ebenfalls Fotos und Videos zu machen. All das ergibt ein schlüssiges Bild und die Entschädigungsleistung wird problemlos ausgezahlt und in vielen Fällen kann direkt vor Ort bereits ein Vorschuss gewährt werden.

procontra: Wie organisieren sich die Versicherer im Schadenfall, um schnelle Hilfe vor Ort zu leisten?

Heitmann: Versicherer müssen so schnell wie möglich wissen, wie stark sie in der Region betroffen sind. Dann bündeln sie ihre Schadenaußendienst-Teams und schicken sie in die Gebiete. Versicherungsvermittler können hier eine wichtige Rolle übernehmen, wenn sie bereits einen ersten Überblick geben können. Eine Schätzung des Schadens anhand von Fotos und Fragebogen reicht manchmal aus. Außerdem wissen die Vermittler vor Ort, wo besondere Hilfe und vielleicht auch schnellere Hilfe notwendig ist als anderswo. Wer besonders stark betroffen ist und etwa kleine Kinder hat oder eine pflegebedürftige Person im Haushalt lebt, benötigt gegebenenfalls etwas vorrangig Hilfe.

procontra: Wie kann und muss ich vielleicht sogar als Besitzer oder Mieter einer Immobilie in einer von Überflutungen gefährdeten Region vorsorgen, um einen Schaden abzuwehren oder möglichst gering zu halten?

Heitmann: Werden Wertgegenstände, etwa wertvolle Bilder, Möbelstücke, die teure Schuhsammlung, Modelleisenbahn oder Modellautos oder „nur“ die gesamten Wintersachen im Keller aufbewahrt, sollte diese selbstverständlich aus der Gefahrenzone im Keller schaffen und sie in einem anderen Raum unterbringen. Jedenfalls gilt das, wenn bereits ein paar Tage lang durch heftige Regenfälle absehbar ist, dass Flüsse über die Ufer treten können und die Bedrohungslage sehr akut wird. Außerdem kann die Immobilie in Gebieten, in denen Wasser ein Risiko darstellt, vielleicht durch zum Beispiel Sandsäcke oder andere bauliche Maßnahmen geschützt werden.

procontra: Angesichts der Verteilung von Elementarschäden bundesweit kann man kaum noch von Regionen sprechen, die überhaupt nicht betroffen sind, oder?

Heitmann: Genau, zwar gibt es Regionen an Seen, Flüssen, der Ost- und Nordsee, die sowieso immer mal stärker mal schwächer betroffen sind, aber die vergangenen Jahre haben uns gezeigt, dass es selbst in trockenen Gebieten Starkregen geben kann. Die Beratung der Kunden sollte daher beim Abschluss einer Wohngebäudeversicherung immer auch die Elementarversicherung einschließen. Das gilt im Übrigen auch für die Hausratversicherung. Dafür können die Schäden einfach zu groß werden und viele Existenzen bedrohen.

procontra: Die Rufe nach einer Pflichtversicherung für Elementarschäden werden aktuell wieder lauter. Wie stehen Sie dazu?

Heitmann: Grundsätzlich bin ich kein Freund davon, Menschen etwas vorzuschreiben. Mein Ansatz wäre hier eher Aufklärung. Und, dass bereits diese Diskussion jetzt stattfindet, erreicht viele Menschen und klärt über die Risiken auf. Jeder sollte aber hier selbst entscheiden dürfen. Allerdings sollte sich jeder bewusst sein, dass es bei einem Schaden aufgrund von Hochwasser, Überflutung oder Rückstau schnell um eine Frage der Existenz gehen kann. Denn letztlich haben wohl die wenigsten Menschen, die jetzt massiv betroffen sind, den für die Reparaturen, Ersatzanschaffungen und die anfallenden Kosten notwendigen Geldbetrag in der Hinterhand. Letztlich finde ich, muss mit den heutigen Erkenntnissen mancherorts anders gebaut oder auch nachgerüstet werden. Gebäude sollten beispielsweise im Keller Rückstauklappen im Kanalsystem verbaut haben. Weiterhin das Risiko überfluteter Häuser in Kauf zu nehmen und nur eine Versicherung abzuschließen, und zu sagen, dann bin ich ja versichert, belastet das Versichertenkollektiv aus meiner Sicht über Gebühr. Zudem wäre jetzt die Zeit, im Land und in Kommunen mehr Wert auf den Hochwasserschutz zu legen.