ETF-Hype

Branchenexperte attestiert „erschreckend schwache ETF-Bilanz“

ETFs stehen bei Anlegern hoch im Kurs und verdrängen aktiv verwaltete Fonds. Allerdings fällt die ETF-Bilanz in der Realität deutlich schlechter aus als oft propagiert. Was Versicherungsmakler wissen sollten.

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13:07 Uhr | 10. Juli | 2024
ETFs bilden Index ab, etwa den deutschen Leitindex Dax

ETFs bilden eins zu eins einen Index ab – etwa einen Aktien- oder Anleiheindex. Sie punkten unter anderem mit geringen Kosten.

| Quelle: Torsten Asmus

Börsengehandelte Indexfonds, kurz ETFs, erfreuen sich bei Anlegern immer größerer Beliebtheit. Kein Wunder: Sie bieten geringere Kosten sowie eine hohe Diversifikation und schneiden in Rendite-Auswertungen wie der SPIVA-Statistik des Indexanbieters S&P regelmäßig besser ab als aktiv verwaltete Fonds.

Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn die tatsächliche Erfolgsquote von ETFs ist bei weitem nicht so gut, wie oft dargestellt wird. Zu diesem Ergebnis jedenfalls kommt eine aktuelle Analyse von Ali Masarwah, Geschäftsführer der Fondsplattform Envestor. Danach fällt die ETF-Bilanz sogar „erschreckend schwach“ aus.

Auf den ersten Blick schneiden ETFs gut ab

Für seine Analyse hat der ehemalige Morningstar-Analyst zunächst ETFs in 30 relevanten Kategorien über die vergangenen zehn Jahre, von April 2014 bis März 2024, ausgewertet. Auf den ersten Blick zeigt die Statistik das übliche Bild: Im Vergleich zu aktiv gemanagten Fonds bieten die ETFs eine klar bessere Performance.

In der wichtigen Fondskategorie „Aktien Welt“ gelang ihnen zwischen 2014 und 2024 im Schnitt eine jährliche Outperformance von knapp drei Prozentpunkten. „MSCI-World- oder FTSE-World-ETFs haben die durchschnittlichen Fonds der Kategorie regelrecht deklassiert„, so Masarwah. Den Vogel schießen der Untersuchung zufolge ETFs auf den Nasdaq 100 ab, die die Fonds der Kategorie „Aktien USA Wachstum“ um jährlich 5,75 Prozentpunkte übertroffen haben. 

Der Haken an der Sache: Die Ergebnisse beinhalten nur ETFs, die über den gesamten Erhebungszeitraum aktiv geblieben sind. Erfolglose Produkte, die zwischenzeitlich verschmolzen oder liquidiert wurden, bleiben außen vor. Die Folge: Es kommt zu einer Wahrnehmungsverzerrung, die zum Überschätzen von Erfolgschancen führt, in Fachkreisen „Survivorship Bias“ genannt.

Zur Bedeutung von Fondsliquidationen nennt Ali Masarwah ein fiktives Beispiel: „Wenn alle 10 aktiv verwalteten Fonds einer bestimmten Kategorie nach 10 Jahren ihren Vergleichsindex übertroffen haben, ergibt dies eine beeindruckende Erfolgsquote von 100 Prozent. Weniger beeindruckend erscheint die Erfolgsquote dagegen, wenn man weiß, dass die Fondskategorie 10 Jahre zuvor 100 Fonds umfasst hatte. Weil 90 Prozent der startenden Fonds nicht den Weg zum Ziel erreicht haben, ergibt das eine Erfolgsquote von 10 Prozent und nicht 100 Prozent.“

Warum die Todesquote von Fonds so wichtig ist

Ärgerlich aus Sicht des Branchenexperten: Die Liquidationen bzw. die Todesquote von Fonds wird seiner Beobachtung nach nur bei der Bewertung aktiv verwalteter Fonds berücksichtig, nicht aber bei der Bewertung von ETFs. „ETFs werden oft mit Indizes gleichgesetzt, und wir alle wissen, dass Indizes unsterblich sind“, so Masarwah.

Der Envestor-Chef und sein Team analysierten deshalb in einem zweiten Schritt die ETF-Liquidationen in den 30 Kategorien zwischen 2014 und 2024. „Man kann hier getrost von einem Massensterben sprechen“, sagt Masarwah. In der Kategorie „Rentenfonds Euro Staatsanleihen“ beispielsweise hätten von einst 76 ETFs gerade mal 33 überlebt. Das entspricht einer „Überlebensquote“ von 43 Prozent. Die höchste Mortalitätsrate haben laut dieser Untersuchung ETFs für europäische Nebenwerte zu verzeichnen: Zwischen 2014 und 2024 wurden sieben der neun seinerzeit vorhandenen Produkte am Markt liquidiert, was zu einer Überlebensquote von 22 Prozent führt.

"Das ist nicht berauschend"

Berücksichtigt man nun dieses „ETF-Sterben“ und erstellt eine Survivorship-Bias-freie Statistik, fällt die sonst so beeindruckende Performance der Indexfonds deutlich schwächer aus. Masarwah: „Die sagenumwobenen MSCI World ETFs hatten, zusammen mit Deutschland-ETFs, mit jeweils 63 Prozent die höchsten Erfolgsquoten aller Kategorien. Das ist ordentlich, aber bei weitem nicht berauschend.“ In den meisten Sektor-Kategorien liege die Erfolgsquote zwischen zehn und 20 Prozent. „China-Aktien-ETFs, die 2014 am Markt waren, haben eine Erfolgsquote von, nun ja: 0 Prozent“, so der Anlageexperte. „Auch Europa-Nebenwerte-ETFs haben nur eine Erfolgsquote von 22 Prozent, USA-Nebenwerte-ETFs kommen auf 38 Prozent.“ Vor diesem Hintergrund falle die tatsächliche ETF-Bilanz „erschreckend schwach“ aus.

ETF-Liquidationen wenig untersucht

„Dass Liquidationen ein wichtiger Grund für die schwache Bilanz von aktiv verwalteten Fonds sind, ist eine Binsenweisheit. Umso erstaunlicher ist es, dass die Folgen von ETF-Liquidationen für die ETF-Bilanz bisher wenig untersucht wurden“, stellt der Envestor-Chef klar. Mit der jetzt erstellten Analyse wolle man einen Beitrag zu einer angemessenen und realistischen Einschätzung von ETFs leisten.

Positive Ausnahmen: Pimco und Vanguard

Bei der Analyse der ETF-Überlebensquoten fielen die Anbieter Pimco und Vanguard übrigens besonders positiv auf: Bei ihnen kam es in den vergangenen zehn Jahren laut Envestor zu keinen Liquidationen.