procontra: Warum sehen Sie aktive ETFs als die 'schönste Mogelpackung der Finanzbranche'?
Volker Schilling: Die Branche verkauft Anlegern die Illusion, hier vereine sich das Beste aus zwei Welten, die Eleganz des ETF-Handels und die Genialität aktiver Manager. In Wahrheit wird aber vor allem eines vereint: Eine semiaktive Strategie – nur eben in einem technischen ETF-Mantel. Der Kern des Marketings lautet: 'Es ist aktiv, aber irgendwie auch nicht so teuer!' Doch dieses 'nicht so teuer' ist immer noch deutlich teurer als passiv, dafür aber oft ohne die volle Transparenz eines klassischen ETFs oder der dreiste Versuch, wirklich gute aktive Manager zu zwingen, ihre Dienstleistung mit noch geringeren Margen anzubieten. Es ist genau diese Mischung, die für mich das Gütesiegel Mogelpackung verdient.
procontra: Laut einer Studie hätten einige aktive ETFs Outperformance gezeigt - Vielleicht halten die Produkte doch das, was sie versprechen?
Schilling: Die Studie betrachtet lediglich 66 Produkte (von 281), die überhaupt länger als drei Jahre existieren. Das ist kein breiter Marktvergleich, sondern eher eine kuratorische Auswahl. Und wie es der Zufall der Produktlandschaft will, stammen viele dieser 'älteren' Produkte aus Häusern, die Research-Enhanced-Strategien fahren, also bewusst von der Benchmark abweichen, aber nur leicht. Das Ergebnis: ein Hauch Übergewicht in den Gewinnern der letzten Jahre, besonders US-Tech und voilà: Outperformance. Kurz gesagt: Die Outperformance erklärt sich weniger durch 'Manager-Magie', sondern durch 'smarte' Indexabweichungen, die in einem Marktumfeld mit extrem konzentrierter Marktführung (z.B. Magnificent Seven, US-Dominanz) zwangsläufig nach oben spülen. Die spannende Frage lautet: 'Hätten sie auch outperformt, wenn der Markt die betrachteten drei Jahre nicht genau diese Struktur gehabt hätte?' Ich habe da meine Zweifel.
procontra: Aus der Branche hört man, dass die Dinge zu wenig diversifiziert seien und zum prozyklischen Verhalten verleiten würden - Wie sehen Sie das?
Schilling: Ich halte das für absolut zutreffend. Viele aktive ETFs sind 'aktiv' in dem Sinne, wie ein Tempomat aktiv ist: Er hält zwar das Tempo an, aber er fährt den Wagen nicht wirklich kreativ durchs Gelände. Die meisten dieser Produkte dürfen nur begrenzt vom Index abweichen, einige bewegen sich in engen Risikokorridoren, andere sind faktisch leicht gedopte Indextracker. Das führt zu einer Art 'Pseudodiversifikation': Mehr Titel im Portfolio, aber kaum echte aktive Wetten. Das geht auch gar nicht anders, da ansonsten der Market Maker für diese ETFs Probleme bei der Kursstellung hat. Warten Sie mal die nächste Krise ab, wie die Spreads bei aktiven ETFs reagieren werden.


