pro&contra

Riester vor der Reform: Jetzt noch vermitteln – oder lieber abwarten?

Anfang 2027 soll die Altervorsorge-Reform in Kraft treten. Bis dahin können noch Riester-Verträge nach dem alten Modell vermittelt werden. Doch wie sinnvoll ist das? Lesen Sie hierzu unser pro&contra zwischen Aeiforia-Geschäftsführer Martin Gattung und Wirtschaftsprofessor Hartmut Walz.

Aeiforia-Geschäftsführer Martin Gattung und Wirtschaftsprofessor Hartmut Walz

Aeiforia-Geschäftsführer Martin Gattung und Wirtschaftsprofessor Hartmut Walz | Quelle: Aeiforia/Ulrich Bosetti

Pro Riester-Vermittlung

Aus Beratersicht bleibt Riester ein relevanter Baustein im Gesamtkonzept: planbar, staatlich unterstützt und sinnvoll integrierbar in eine ganzheitliche Vorsorgestrategie
Martin Gattung

Gründer und Geschäftsführer Aeiforia GmbH

Sollte man jetzt noch Riester-Verträge vermitteln? – Ein klares Ja. Gerade im Vorfeld der Reform der privaten geförderten Altersvorsorge ist es sinnvoll, bestehende Möglichkeiten aktiv zu nutzen, statt auf zukünftige – noch nicht vollständig konkretisierte – Regelungen zu warten. Riester-Verträge bieten heute verlässliche staatliche Zulagen, steuerliche Vorteile und klare Rahmenbedingungen.

Übergang als Chance

Diese können auch als Übergangsprodukt von alter auf neue Förderungen dienen. Insbesondere dann, wenn die alte Förderung besser ist. Auch spielt die Möglichkeit von ungeförderten Einzahlungen in unbegrenzter Höhe eine wichtige Rolle.

Für Neuverträge ab 2027 sollen neue rechtliche Rahmenbedingungen gelten – unter anderem geht es um die Begrenzung auf maximal zwei förderfähige Verträge. In Konsequenz bedeutet die Zwei-Vertragsgrenze für den dritten und jeden weiteren Vertrag: eingezahlte Beiträge gelten nicht als Altersvorsorgebeiträge, erhalten keine Zulagen und sind nicht als Sonderausgaben abzugsfähig.

Der Vertrag gilt nicht mehr als Altersvorsorgevertrag. Das heißt, Erträge und Auszahlungen unterliegen der laufenden Besteuerung (insbesondere Altersvorsorge Depot), die für einen ungeförderten Vertrag der dritten Schicht relevant ist. Wer also erst nach Inkrafttreten der Reform vorsorgt, könnte in seiner Flexibilität deutlich eingeschränkt sein.

Heute hingegen besteht noch die Möglichkeit, strategisch mehrere Verträge aufzubauen und dabei auch unterschiedliche Produktlösungen zu nutzen. Diese Option kann künftig wegfallen – ein Aspekt, der insbesondere in der qualifizierten Beratung eine wichtige Rolle spielt.

Fragen wirft zudem derzeit noch die neue Beitragshöchstgrenze von 6.840 Euro auf: Welche Einzahlungen sind dabei einzubeziehen? Wie lassen sich Überzahlungen vermeiden bzw. wie ist damit umzugehen? Wo kann es zu Änderungen in der Steuersituation während der Auszahlungsphase kommen?

Lebenslange Rente als zentrales Argument

Riester-Verträge bieten derzeit eine lebenslange Auszahlung. Diese ist insbesondere bei einem garantierten Rentenfaktor sehr interessant. Auch hinsichtlich der Leistungsphase gelten für neue Produkte erhebliche Neuerungen, bei denen der lebenslange Vorsorge- und Versicherungs-Charakter begrenzt wird oder gar entfällt.

Generell gilt: Altersvorsorge duldet keinen Aufschub. Jeder verlorene Förderzeitraum bedeutet konkret weniger Zulagen und weniger Zeit für Kapitalaufbau. Gerade Familien und Personen mit geringen bis mittleren Einkommen profitieren aktuell weiterhin stark von der Förderung.

Auch aus Beratersicht bleibt Riester ein relevanter Baustein im Gesamtkonzept: planbar, staatlich unterstützt und sinnvoll integrierbar in eine ganzheitliche Vorsorgestrategie. Die Berater und Anbieter sollten ihren Bestand jetzt eng betreuen, um so einen unnötigten Abrieb zu verhindern.

Jetzt handeln, aber mit Augenmaß

Die Reform bringt Verbesserungen, dafür steht eine Produktauswahl, die höhere Renditen verspricht. Die Reform bringt aber auch neue Einschränkungen. Wer heute noch einen Riestervertrag abschließt, tut dies nach bestehendem Recht und mit einer lebenslangen Auszahlphase. Im Übrigen sind ab 2027 auch Wechsel auf das neue Produkt möglich.

Fazit: Riester jetzt zu vermitteln bedeutet, Chancen auf Grundlage des bestehenden Rechts zu nutzen. Deshalb gilt: Vermittlung ja – bewusst, zielgerichtet und mit Blick auf die kommenden Veränderungen wie Förderung, Höchstbeitrag und die Zwei-Verträge-Grenze.

Contra Riester-Vermittlung

Wer jetzt noch schnell Riester-Verträge vermittelt, handelt zwar nicht illegal, aber krass unethisch
Prof. Dr. Hartmut Walz

Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen, Fachbuchautor, Blogger und Verbraucherschützer

„Sollte man jetzt noch Riester-Verträge vermitteln?“ Meine Antwort ist ein klares „Nein!“, denn die anfängliche Euphorie beim Start der Riester-Förderung 2002 war bereits nach wenigen Jahren einer Enttäuschung der Verbraucher gewichen. Und die vorliegende wissenschaftliche Evidenz in Form faktenbasierter Studien ist niederschmetternd – so jüngst Finanzwende: „Riester- und Rürup-Renten: Leider teuer - Wie hohe Kosten und schwache Renditeaussichten den Kundennutzen deckeln".

Ineffizientes System mit hoher Bürokratie

Die Studie beweist: Riester-Sparen ist gesamtwirtschaftlich hochgradig ineffizient, ihre Verwaltung erfordert ein aufwendiges Bürokratiemonster und allein die von den Kunden direkt zu tragenden Kosten fressen 35 bis 45 Prozent des eingezahlten Geldes auf – und damit einen völlig unangemessen hohen Teil der Ersparnisse und Förderung.

Die sich aus ZDF (Zahlen, Daten Fakten) zwangsläufig ergebende Schlussfolgerung ist, dass das Riester-Konzept nicht reformfähig ist und daher komplett abgeschafft werden sollte. Dass durch Riester-Verträge seit Start in 2002 bereits über 60 Milliarden Euro Steuergelder fehlgeleitet wurden, ist schlimm genug. Dass dieses Geld nicht völlig verschwunden ist, sondern zum großen Teil über Kosten und Gebühren den Finanzdienstleistern zugeflossen ist, macht die Sache nicht besser, sondern noch schlimmer.

Aber nicht nur Wissenschaftler und Verbraucherschützer warnen vor dem Abschluss von Riester-Verträgen. Selbst viele Vermittler (gerade Makler) raten davon ab. Einige Vermittler verteidigen Riester-Verträge allerdings bis heute mit der Erzählung, dass diese für Kinderreiche vorteilhaft sein könnten. Das kann im Einzelfall auch stimmen, insbesondere wenn kinderreiche Geförderte kein oder nur sehr geringes Einkommen haben, etwa während der Elternzeit. Mit dieser Geschichte lassen sich dann tolle Renditen auf das von den Sparern selbst eingezahlte Kapital errechnen – vor allem, wenn sie nur den Sockelbeitrag von fünf Euro im Monat leisten.

Es wundert mich daher nicht, dass weniger seriöse Vermittler gerade jetzt mit dieser Erzählung aus durchschaubaren Motiven auf Kundenfang gehen. Verschwiegen wird dabei, dass die Riester-Traumrenditen in sich zusammenfallen, sobald nach Ende der Elternzeit oder mit einer besser vergüteten Tätigkeit höhere Eigenbeträge nötig werden.

Schwache Rentenphase

Und noch schlimmer: Die vertriebsorientierte Erzählung endet beim Renteneintritt des Sparers. Das ist jedoch ein folgenschwerer Fehler. Denn Verbraucher müssen 70 Prozent ihres nach Kosten verbleibenden Riester-Kapitals in eine lebenslange Rente umwandeln. Die daraus resultierenden Monatsrenten sind so niedrig, dass die Rentner laut oben zitierter Studie im Schnitt 99 Jahre alt werden müssen, um bei nur 2 Prozent jährlicher Inflation überhaupt die Kaufkraft ihres eingezahlten Geldes zurück zu erhalten.

Im Klartext heißt das: Die beim Abschluss präsentierten Traumrenditen für kinderreiche Geringverdiener werden mit steigendem Einkommen rasch verwässert. Nach Wegfall der Kinderzulagen, aber weiterhin hohen Kosten sinkt die Rendite weiter. Und unter Einbezug der geringen Rentenhöhen, die zu enormen Sterblichkeitsgewinnen der Versicherer führen, können selbst zunächst so vorteilhaft aussehende Riester-Verträge noch zur Altersarmut beitragen.

Fazit: Wenn Geschichten im Vertrieb nicht zu Ende erzählt werden, ist am Ende eben immer der Kunde der Dumme. Aber hoffentlich ist das ja bald vorbei. Wer angesichts dieser Fakten jetzt noch schnell Riester-Verträge vermittelt, handelt zwar nicht illegal, aber krass unethisch.

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Pro & Contra Riester-Vermittlung

Pro-Argumente

  • Zulagen und Steuervorteile gelten verlässlich für bestehende Verträge.

  • Mehrere Verträge sind noch möglich – künftig wohl eingeschränkt.

  • Garantierte Auszahlung bleibt ein starkes Argument.

Contra-Argumente

  • Hohe Kosten mindern die Rendite erheblich.

  • Das Riester-System gilt als komplex und ineffizient

  • Die späteren Rentenzahlungen fallen oft gering aus und relativieren anfängliche Vorteile.

Riester vor der Reform: Jetzt noch vermitteln – oder lieber abwarten?