Aktienquote erhöhen

Börsenkrisen verstehen: „Ich zeige Anlegern, wie man damit umgeht“

Renditedreieck statt Bauchgefühl: Finanzberater Mike Lehmann erklärt im procontra-Interview, warum historische Marktdaten, realistische Renditeerwartungen und eine breite Streuung entscheidend sind, um Kunden die Angst vor Aktien zu nehmen.

Finanzberater Mike Lehmann

Finanzberater Mike Lehmann nutzt das Renditedreieck in der Beratung, um Risiken zu relativieren. | Quelle: Mike Lehmann

procontra: Sie nutzen das Renditedreieck des deutschen Aktieninstituts in Kundengesprächen. Aus welchen Gründen?

Mike Lehmann: „Erzähl mir nichts von schwanger, zeig mir die Kinder“ – eines meiner Lieblingszitate. Ich finde, es trifft den Kern meiner Arbeit besser als jede Hochglanzbroschüre. Deshalb arbeite ich seit Jahrzehnten mit dem Renditedreieck. Ich zeige meinen Kunden damit, wie sich die Märkte über die betrachteten Zeiträume tatsächlich entwickelt haben. Nicht als abstrakte Theorie, sondern als sichtbare, nachvollziehbare Realität. Dabei spreche ich immer an, was ich selbst für unbestreitbar halte: Krisen gehören dazu. Sie kamen immer, sie werden immer kommen. Aber ich zeige auch, dass sie immer überwunden wurden. Je länger der Anlagehorizont, desto klarer wird dieses Bild. Das ist für mich der entscheidende Punkt: Wer langfristig und breit gestreut in Aktien investiert, braucht aus meiner Sicht keine Garantie – anders als etwa bei Riester-Produkten, wo eine Garantie strukturell verankert ist, aber eben auch ihren Preis hat.

 

procontra: Was sind weitere Kernpunkte, die Sie Kunden mitgeben?

Lehmann: Ein wichtiger Aspekt ist die Renditeerwartung – die liegt bei vielen Anlegern erstaunlich weit daneben. Mit den Renditedreiecken gebe ich deshalb eine realistische Vorstellung davon, was ein Aktienmarkt langfristig im Durchschnitt leisten kann. Ich erlebe dabei zwei Extreme: Da kommen Kunden, die den Markt beobachtet haben und entsprechend euphorisch sind. Und dann gibt es diejenigen, die schlicht keine Vorstellung davon haben, welche Rendite mit Aktien überhaupt möglich ist. Genau da setze ich an: Eine langfristige Durchschnittsrendite von 7 Prozent pro Jahr ist das, was die Märkte historisch tatsächlich erwirtschaftet haben – realistisch, belegbar und für viele schlicht überraschend.

 

procontra: Deutsche Anleger gelten als nicht sehr aktienaffin. Nimmt das Renditedreiecksmanchen Kunden die Scheu vor Aktienanlagen? Oder verstärkt es womöglich die Sorge vor Verlusten?

Lehmann: Ich spreche in meiner Beratung genau das an: Welche Krisen es in der Vergangenheit gab, dass sie temporär waren und dass man als Anleger mitunter einige Jahre Geduld braucht, bis sich der Markt wieder erholt hat. Nach meiner Erfahrung nimmt das Renditedrei­eck die Scheu – es verstärkt die Sorge nicht, sondern nimmt sie. Ich bereite meine Kunden bewusst darauf vor, dass es auch künftig Krisen geben wird und zeige ihnen, wie man damit umgehen kann.

Dass Deutsche grundsätzlich aktienavers seien, kann ich aus meiner Praxis nicht bestätigen. Ich erlebe, dass die meisten Menschen sehr offen dafür sind, wenn man ihnen erklärt, was Aktien sind und wie das Ganze funktioniert. Ich mache das manchmal ganz bewusst banal: Ich gehe mit Kunden gedanklich durch einen ganz normalen Tag – Strom einschalten, Kaffee trinken, einkaufen gehen. Bei all dem verdienen Aktionäre der beteiligten Unternehmen Geld. Aktien sind kein abstraktes Finanzprodukt, sie sind Teil unseres Alltags – und das merken die Menschen, wenn man es ihnen so zeigt.

 

procontra: Das geht durch alle Altersgruppen?

Lehmann: Ja, eindeutig. Ein Großteil meiner Kunden ist ungefähr in meinem Alter, ich bin jetzt 53. Aber ich berate genauso Jüngere wie Ältere. Selbst Rentner, die gerade auslaufende Lebensversicherungen haben – was eines meiner Hauptthemen ist –, entscheiden sich bewusst dafür, Aktien mit ins Portfolio zu nehmen. Denn eines ist klar: Die Zinsen sind auf Dauer zu niedrig, um allein davon zu leben. Es gibt eine Faustregel, die ich noch aus meinem Studium kenne: Die Aktienquote im Portfolio entspricht 100 minus Lebensalter. Mit 50 Jahren also 50 Prozent Aktien, mit 70 Jahren immerhin noch 30 Prozent, um überhaupt eine nennenswerte Rendite zu erzielen. Diese Regel stammt allerdings aus einer Zeit, in der man noch fünf oder sechs Prozent Zinsen bekommen hat. Heute, in einem dauerhaft niedrigen Zinsumfeld, sind sinnvolle Aktienquoten entsprechend höher anzusetzen.

 

procontra: Inwieweit hat sich die Einstellung zu Aktien verändert?

Lehmann: Der Wandel ist enorm – ich habe ihn über mehr als 30 Jahre hautnah miterlebt. Zu Beginn meiner Tätigkeit waren eine Aktie und ein Aktienfonds schlicht ein Exot. Niemand hat danach gesucht, niemand hat danach gefragt. Man musste jeden Begriff einzeln erklären. Heute ist das kaum noch vorstellbar. Aktien gehören heute zum täglichen Brot. Gerade die Jüngeren haben oft ein Online-Depot, der Börsenteil in den Nachrichten wird verfolgt, und nahezu jeder hat irgendwo Berührungspunkte mit dem Thema – ob bewusst oder unbewusst. Viele sind bereits investiert, manchmal ohne es auf den ersten Blick so zu nennen: als ETF, als Einzelaktie, über einen klassischen aktiv gemanagten Fonds, über die betriebliche Altersvorsorge oder eine Fondspolice. Die Formen sind vielfältig. Was mich bei all dem am meisten beeindruckt: Es ist nicht nur das Interesse gewachsen, sondern auch das Wissen. Die Menschen kommen informierter zur Beratung, stellen fundiertere Fragen und verstehen schneller, worum es geht.

 

procontra: Ein Kritikpunkt an den Renditedreiecken des DAI ist, dass sie das echte Risiko von Aktien, zum Beispiel den Totalverlust, nicht ganz deutlich machen. Was meinen Sie?

Lehmann: Der Einwand ist grundsätzlich berechtigt – aber er trifft auf meine Beratungspraxis so nicht zu. Denn ich berate keine Einzelaktien-Investoren. Meine Kunden im Investmentbereich sind ausschließlich Fondsanleger, und da liegt ein entscheidender Unterschied. Ja, eine einzelne Aktie kann einen Totalverlust erleiden. Das ist eines der realen Risiken, wenn man alles auf eine Karte setzt. Aber ein Investmentfonds funktioniert grundlegend anders.

Ob ein ETF auf den Dax oder ein klassisch aktiv gemanagter Deutschlandfonds: Ein Totalverlust ist weder in der Praxis eingetreten noch realistischerweise denkbar. Ein Fonds bündelt viele Einzeltitel, er streut das Risiko strukturell. Wenn ein Unternehmen im Portfolio wegbricht, fängt ein Fonds das auf. Der Anleger ist also nicht existenziell davon betroffen. Und die Renditedreiecke des DAI bilden Indizes ab, keine Einzelaktien. Genau das ist für mich auch der pädagogische Kern: Streuung ist kein Bonus – sie ist die Grundvoraussetzung für eine vernünftige Aktienanlage. Das Renditedreieck zeigt diese Realität.