Maklers Meinung

Altersvorsorgedepot vs. bAV? Warum die Frage in die falsche Richtung führt

Wird das neue Altersvorsorgedepot zu einer Konkurrenz zur betrieblichen Altersversorgung? Versicherungsmaklerin Cordula Vis-Paulus hält das für einen gefährlichen Denkfehler. In ihrem Gastbeitrag plädiert sie für ein Zusammenspiel von Kapitalmarkt und Garantien – und warnt davor, Rendite, Kostendeckel und Vereinfachung über eine nachhaltige Altersvorsorge zu stellen.

Cordula Vis-Paulus

Cordula Vis-Paulus ist Versicherungsmaklerin und bAV-Expertin und organisiert zu diesem Thema beispielsweise das German Equal Pension Symposium. | Quelle: Cordula Vis-Paulus

Die Diskussion rund um das neue Altersvorsorgedepot läuft aus meiner Sicht derzeit in die falsche Richtung. In vielen Beiträgen, auf LinkedIn und auch in Vermittlerkreisen entsteht der Eindruck, als müsse sich die betriebliche Altersversorgung künftig gegen das Altersvorsorgedepot behaupten. Genau das halte ich für einen Denkfehler – und zwar für einen gefährlichen.

Denn die eigentliche Herausforderung der Altersvorsorge in Deutschland lautet doch nicht: „Welches Produkt bringt die höchste Rendite?“ Die eigentliche Frage lautet: Wie schaffen wir es, dass Menschen im Alter überhaupt ausreichend Einkommen haben und zwar lebenslang?

Die Versorgungslücke ist zu groß für eine Lösung

Wer sich ehrlich mit Versorgungslücken beschäftigt, weiß: Für die meisten Arbeitnehmer reicht weder eine bAV allein noch ein ETF-Depot allein aus. Die Rentenlücke ist dafür inzwischen viel zu groß geworden. Und genau deshalb verstehe ich das Altersvorsorgedepot nicht als Konkurrenz zur bAV, sondern als Ergänzung.

Das neue Depotmodell kann Menschen helfen, zusätzlich Vermögen aufzubauen – flexibler, kapitalmarktnäher und mit staatlicher Förderung. Gleichzeitig bietet die bAV etwas, das derzeit fast schon reflexartig schlechtgeredet wird: Stabilität, Garantien und planbare lebenslange Leistungen. Gerade normale Arbeitnehmer – also nicht die oberen zwei Prozent mit hohem Einkommen, Finanzbildung und hoher Risikotragfähigkeit – brauchen genau diese Mischung.

In der politischen Debatte wird oft so getan, als seien Garantien grundsätzlich schlecht und ETFs grundsätzlich überlegen. Das halte ich für eine sehr theoretische Sichtweise. Wer wie ich die Kapitalmarktkrisen seit den frühen 2000er-Jahren aktiv in der Beratung erlebt hat, erinnert sich noch gut daran, was ein langjähriger Börsenabschwung psychologisch mit Menschen macht. Der DAX fiel damals von rund 8.000 auf etwa 2.400 Punkte und brauchte viele Jahre, um sich zu erholen. Für erfahrene Anleger mag das auszuhalten sein. Für jemanden, der mit 50 Euro Sparrate versucht, seine Altersvorsorge aufzubauen, ist das etwas völlig anderes.

Renditefixierung problematisch

Deshalb halte ich die aktuelle Renditefixierung für problematisch. Dieses permanente „Wo bekomme ich das Maximum heraus?“ greift zu kurz. Altersvorsorge ist kein kurzfristiger Performance-Wettbewerb, sondern ein Versorgungssystem für mehrere Jahrzehnte. Und Versorgung bedeutet eben auch: durchhalten können.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der aus meiner Sicht massiv unterschätzt wird: die Realität der Beratung. Viele politische Debatten tun so, als könnten Verbraucher ihre Altersvorsorge einfach per App zusammenklicken. Die Realität sieht anders aus. Gerade junge Menschen ohne Anlageerfahrung sind häufig komplett überfordert. Sie wünschen sich Orientierung, Ansprechpartner und Einordnung. Gleichzeitig wird qualifizierte Beratung regulatorisch immer komplexer, zeitaufwendiger und wirtschaftlich schwieriger.

Am besten soll Beratung und Verwaltung nichts kosten – das geht aber nicht

Wenn ich heute eine umfassende Wertpapierberatung sauber dokumentieren möchte, sitze ich mit einem Kunden schnell mehrere Stunden zusammen. Gleichzeitig wird in der öffentlichen Diskussion so getan, als dürften Beratung und Verwaltung am besten gar nichts kosten. Das passt nicht zusammen. Wer gute Beratung fordert, muss auch akzeptieren, dass diese Arbeit einen Wert hat.

Genau deshalb sehe ich die größte Gefahr derzeit gar nicht im Altersvorsorgedepot selbst, sondern in einer politischen Entwicklung, die Versorgungssysteme gegeneinander ausspielt und gleichzeitig die Beratungsrealität ignoriert. Wenn man künftig alles nur noch unter Kostendeckeln und maximaler Vereinfachung betrachtet, gefährdet man langfristig die gesamte Beratungsinfrastruktur in der Altersvorsorge.

Dabei wäre der sinnvollere Weg eigentlich offensichtlich: mehr Flexibilität in der bAV, mehr Wahlfreiheit für Kunden, bessere Mitnahmemöglichkeiten bei Arbeitgeberwechseln und ein echtes Zusammendenken verschiedener Vorsorgebausteine. Menschen brauchen nicht entweder Sicherheit oder Kapitalmarkt. Sie brauchen beides.

Das Leben ist keine Zahlenkolonne

Und Altersvorsorge ordnet sich nicht einer Exeltabelle unter. Das Lebens hat viel Unvorhergesehenes, jeden Tag Dynamik und selbst bei vorausschauendster Planung läuft es doch oft anders als man denkt. Kapitalaufbau für den Ruhestand muss diese Dynamik mitmachen, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Da helfen einfach nur verschiedene Töpfe, verschiedene Pferde, die jedes seine eigenen Stärken aber auch Schwächen hat. Am Ende, das ja eigentlich der Anfang ist (die Rente), ist es wichtig, dass genug Geld da ist um das nächste Lebensdrittel mit seiner Dynamik und Unvorgesehenheiten finanzieren zu können. Und neben dem Geld muss man damit umgehen können. Die Faktoren Behavior und körperliche Fitness wird in der Altersvorsorgeplanung komplett ausgeklammert. Dabei sind beide Faktoren essentiell.

Long Story short

  • bAV und Altersvorsorgedepot sind keine Gegner: Cordula Vis Paulus sieht das neue Depotmodell nicht als Konkurrenz, sondern als sinnvolle Ergänzung zur betrieblichen Altersversorgung.

  • Rendite allein löst keine Rentenlücke: Aus Sicht der Maklerin brauchen Arbeitnehmer sowohl Kapitalmarktchancen als auch planbare lebenslange Leistungen und Sicherheiten.

  • Beratung droht unter die Räder zu geraten: Die eigentliche Gefahr sieht Vis Paulus in einer Politik, die Kostendeckel und Vereinfachung priorisiert, gleichzeitig aber die Bedeutung qualifizierter Altersvorsorgeberatung unterschätzt.

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