Mehr Freiheit, weniger Staat: Signal-Iduna-Chef mischt sich in Reform-Debatte ein
Signal-Iduna-Chef Torsten Uhlig beobachtet den politischen Trend zu immer mehr staatlichen Pflichtlösungen in zentralen Absicherungsfragen mit großer Sorge. Bei der Bilanzpressekonferenz des Dortmunder Versicherers am Dienstag rückte er deshalb zunächst nicht die Geschäftszahlen in den Mittelpunkt, sondern die Frage, wie soziale Sicherung künftig organisiert werden solle.
Es geht um eine Grundsatzentscheidung
Aus seiner Sicht geht es dabei um eine Grundsatzentscheidung: mehr Staat oder mehr Eigenverantwortung. Das Fundament der Gesellschaft bleibe die Eigenverantwortung mündiger Bürger, betonte der Vorstandsvorsitzende. Zwar müsse die Politik einen verlässlichen rechtlichen Rahmen setzen. Innerhalb dieses Rahmens brauche es aber Freiraum für privatwirtschaftlich organisierte Solidargemeinschaften.
Kritisch sieht Uhlig deshalb politische Antworten, die auf ein staatliches Obligatorium oder eine Pflichtlösung für alle hinausliefen. Solche Einheitslösungen sind aus seiner Sicht meist nicht nachhaltig, bürokratisch und langfristig schwer finanzierbar. Zudem könnten sie die Motivation schwächen, selbst vorzusorgen.
Angebot statt Zwang
Als erstes Beispiel nannte Uhlig die betriebliche Altersvorsorge (bAV). Eine verpflichtende Vorsorge nehme Unternehmen Spielraum für passgenaue Lösungen. Besser sei eine Angebotspflicht mit Widerspruchsrecht. Sie schaffe mehr Verbindlichkeit, lasse Arbeitgebern und Beschäftigten aber Raum für persönliche und branchenspezifische Entscheidungen.
Auch bei der Absicherung gegen Naturgefahren hält Uhlig eine reine Pflichtversicherung für den falschen Weg. Sie könne staatliche Verantwortung etwa bei Baugenehmigungen in Risikogebieten ebenso schwächen wie individuelle Prävention. Sein Unternehmen spreche sich stattdessen für ein verbindliches Opting-out-Modell in der Elementarschadenversicherung aus, welches Prävention, Absicherung gegen Extremrisiken und Eigenverantwortung miteinander verbinde.
PKV als Stabilitätsanker stärken
Mit Blick auf das Gesundheitssystem kritisierte Uhlig vor allem die diskutierte Anhebung der Versicherungspflichtgrenze. Solche Maßnahmen schwächten Wettbewerb und Wahlfreiheit. Die private Krankenversicherung müsse vielmehr als Stabilitätsanker und Innovationstreiber des Gesundheitswesens gestärkt werden.
Signal Iduna: Wichtige Bilanzzahlen im Überblick
Die Signal Iduna Gruppe hat sich im Geschäftsjahr 2025 nach eigenen Angaben stabil entwickelt. Die gebuchten Bruttobeiträge stiegen um 3,1 Prozent auf 7,2 Milliarden Euro (Vorjahr: 7,0 Milliarden Euro). Das Gesamtergebnis belief sich auf 537,5 Millionen Euro (Vorjahr: 553,7 Millionen Euro).
In der Komposit-Sparte konnte die Schadenkostenquote (Combined Ratio) gegenüber dem Vorjahreswert (98,7 Prozent) deutlich auf 91,1 Prozent gesenkt werden.
Schwierig bleibt das allgemeine Marktumfeld wegen der weiter steigenden Leistungsausgaben in der Krankenversicherung. Zum 1. Januar 2026 musste deshalb für rund 600.000 Personen in der Vollversicherung (einschließlich der Beihilfetarife) eine hohe Beitragsanpassung vorgenommen werden.
Aus seiner Sicht ließen sich notwendige Einschnitte auf der Ausgabenseite der gesetzlichen Krankenversicherung auch über eigenverantwortliche Lösungen mit der privaten Krankenversicherung abfedern.
Uhlig betonte, dass sich die Signal Iduna nicht nur als Versicherer, sondern als Teil der Lösung für zukunftsfähige Sicherungssysteme sehe. Der Staat soll Rahmen setzen – die konkrete Absicherung aber solle stärker über Eigenverantwortung, Wettbewerb und private Lösungen organisiert werden.
Altersvorsorge-Reform: Signal Iduna will 2027 vertriebsbereit sein
Mit dieser Haltung will der Versicherer auch an die Umsetzung der Altersvorsorge-Reform gehen, obwohl man dort einige Punkte, wie etwa das geplante staatliche Standardprodukt oder die Abkehr von der lebenslangen Rentengarantie, weiterhin sehr kritisch sieht.
Zum Marktstart am 1. Januar 2027 will man mit eigenen Produkten vertriebsbereit sein. Garantiefreie Lösungen und das gesetzlich vorgesehene Standarddepot sollen über den konzerneigenen Asset Manager kommen, Garantieprodukte dagegen über die Lebensversicherung.
Laut Vorstandsmitglied Martin Berger sieht man sich dabei nicht in direkter Konkurrenz zu Neobrokern wie etwa Scalable Capital, die vor allem stark online-affine Kunden ansprächen. Signal Iduna setze dagegen mehr auf persönliche Beratung. „Nicht jeder Kunde sucht die maximal mögliche Rendite, viele legen auch Wert auf Sicherheit und wollten Schwankungen in der Altersvorsorge begrenzen“, so Berger.
Vergütung bleibt offene Frage
Offen bleibt jedoch noch, wie die Beratung künftig vergütet wird. Durch das mit der pAV-Reform verbundene Zillmerverbot ließen sich klassische Vergütungsmodelle aus der Lebensversicherung nicht ohne Weiteres auf die neuen Altersvorsorgeprodukte übertragen, machte Vorstandsmitglied Clemens Vatter gegenüber procontra deutlich. Hier suche man deshalb noch nach tragfähigen Lösungen, wie eine angemessene Vergütung dargestellt werden könne, ohne in einem neuen Produktfeld zu hohe wirtschaftliche Risiken einzugehen.
Long Story short
Signal-Iduna-Chef Torsten Uhlig spricht sich gegen pauschale staatliche Pflichtlösungen aus und fordert mehr Eigenverantwortung bei betrieblicher Altersvorsorge, Elementarschäden und Gesundheit.
Bei der Altersvorsorge-Reform 2027 will Signal Iduna zum Start mit eigenen Produkten vertriebsbereit sein – über Asset Management und Lebensversicherung.
Der Versicherer sieht sich nicht im direkten Wettbewerb mit Neobrokern, sondern setzt auf persönliche Beratung – offen bleibt aber die künftige Vergütung der Vermittler.
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