Zielgruppe Veranstalter: „Es herrscht noch große Unsicherheit in der Branche“

Seit Ende März gelten die meisten Corona-Auflagen nicht mehr, Events können wieder in gewohntem Umfang stattfinden. Welchen Effekt hat das auf Veranstalterhaftpflicht- und Ausfallpolicen? Haben Versicherer die Haftungssummen vergrößert oder neue Ausschlüsse mit aufgenommen? Darüber sprach procontra mit dem auf Eventversicherungen spezialisierten Makler Franz Heinemann.

procontra: Seit mehr als 30 Jahren sind Sie als Eventmakler tätig. Was war das für Sie persönlich bedeutendste Event, das Sie bislang versichert haben?

Franz Heinemann: Ganz spontan: Das erste Wiedervereinigungsfest am 3. Oktober 1990. Das ist mir schon sehr in Erinnerung geblieben, das war einfach ein großes Ereignis. Wir haben damals die Veranstaltungen östlich vom Brandenburger Tor versichert. Auch die Love Parade in Berlin war ein sehr großes Event von uns, da haben wir uns durchgängig um den Versicherungsschutz gekümmert. Wir haben dafür ein Sicherheitskonzept erstellt und hatten in der ganzen Zeit nie einen einzigen Schadenfall. Dazu muss man allerdings sagen: Die Love-Parade in Duisburg haben wir nicht versichert, wo sich 2010 der tragische Unfall ereignete (bei einer Massenpanik starben damals 21 Menschen, mehr als 600 wurden verletzt, Anm. d. Red.). Auch ein Konzert von Joe Cocker in Kiew haben wir in den 90er Jahren versichert. Das war zu einer Zeit, wo das Versichern von Konzerten eher eine Seltenheit war, Versicherer haben das wegen des hohen Schadenrisikos weitgehend abgelehnt. Wir waren eine der ersten, die Veranstaltungstechnik-Versicherungen auf ein seriöses Podest gestellt haben.

procontra: Warum haben Sie sich auf diesen Bereich spezialisiert?

Franz Heinemann: Ich habe im alten West-Berlin als Musiker gearbeitet. Daher kannte ich die Branche. Ein Veranstalter muss dafür sorgen, dass ein Event stattfindet – egal was passiert. Und wenn es Probleme gibt, ziehen alle an einem Strang. Wenn der Vorhang aufgeht, darf niemand merken, was eventuell vorher hinter der Bühne für ein Chaos war. Das kannte ich aus eigener Erfahrung. Ich wollte nicht von der Musik leben müssen, also habe ich gedacht: „Wenn du Versicherungen verkaufst, musst du nicht täglich um sechs Uhr aufstehen und kannst trotzdem Musik machen.“

procontra: Welche Erlebnisse sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Franz Heinemann: Einmal stand bei uns der Macher des Berliner Techno-Clubs E-Werk in der Tür, mit abgerissenem T-Shirt und sagte, er wolle eine Versicherung haben. Da fühlte ich mich zugehörig. Immer wieder passiert es auch, dass uns Veranstalter anrufen und sagen: „Wir haben morgen ein großes Event, aber wir haben gar nicht an den Versicherungsschutz gedacht.“ Das sind dann Herausforderungen, die großen Spaß machen. 

Franz Heinemann, Bild: privat

procontra: Wie oft kommt es vor, dass Veranstalter derart kurzfristig der Versicherungsaspekt in den Sinn kommt?

Franz Heinemann: Das passiert tatsächlich häufiger, aber wir sind darauf eingestellt. Selbst wenn Veranstalter am Samstag anrufen, sagen wir: „Zeig uns, was du planst, zeig uns deine Internetseite.“ Und dann bekommt der Kunde auch sofort Versicherungsschutz. Diese spontanen Anfragen kommen gerade bei den privaten Veranstaltern vor. Wir versichern ja auch den Kleingartenverein, die Einwohnergruppe, die ein Kiezfest auf die Beine stellt. Da erfährt dann plötzlich der Hauseigentümer, dass da ein Fest mit Lagerfeuer stattfindet und weist darauf hin, dass aber noch eine Veranstaltungsversicherung fehlt.

procontra: Welche Policen sollten grundsätzlich für die Absicherung von Events abgeschlossen werden und welchen Unterschied macht es, ob eine private Hochzeitsfeier oder eine Großveranstaltung mit tausenden Menschen versichert werden muss?

Franz Heinemann: Die Haftpflicht ist unausweichlich. Ob professionelle oder private Veranstalter – sie haben alle ein Haftungsrisiko und es kann dieselben rechtlichen Probleme geben. Bei privaten Feiern ist die Police eher ein Produkt von der Stage. Bei Großveranstaltungen wird die Versicherung mehr individualisiert. Bei einer Hochzeit beispielsweise ist das Equipment der Band nicht mitversichert. Wenn aber die Stones mit ihrer gesamten Ausrüstung kommen, dann sagen die: „Lieber Veranstalter, wenn etwas zerstört wird, geht das auf deine Kappe.“ Dann ist die Versicherungsangelegenheit eine Sache zwischen den Agenturen und dem Veranstalter. Der Satz „erst sichern und dann versichern“, ist bei Großveranstaltungen einer der wichtigsten.

Auch Ausfallversicherungen sind unerlässlich. Dabei gibt es drei unterschiedliche Versionen. Version A: Der Ausfall der Veranstaltung. Hier ist der Ausfall oder der Abbruch einer Veranstaltung versichert, durch Ereignisse, die außerhalb des Einflussbereichs des versicherten Veranstalters liegen – also zum Beispiel, die Spielstätte ist nicht mehr bespielbar, weil sie gesperrt wurde. Man kann auch ein politisches Risiko mit versichern, Streik oder Unruhen. Version B: Das menschliche Risiko. Der Künstler oder der Referent kommt nicht – aus welchen Gründen auch immer. Und Version C: Die Witterung. Hier wird es immer schwieriger, eine Deckung zu bekommen, weil Wettereinflüsse nicht mehr so vorhersehbar sind.

procontra: Wann machen Zusatzversicherungen Sinn, beispielsweise für Instrumente oder Zelte und Garderobe?

Franz Heinemann: Wenn etwas angemietet wird – zum Beispiel Zelte, Klohäuschen, Garderobe – ist das nicht über die Veranstalterhaftpflicht abgesichert. Dann muss separat eine Technik- oder Zeltversicherung abgeschlossen werden. Dabei kommt es aber auch stark auf die Veranstaltung an. Bei einem Reggae-Festival brauchen wir keine Garderoben-Versicherung. Wenn die Philharmonie eine Veranstaltung macht, schon eher. Immer wieder werden wir auch nach Gewinnspielversicherungen angefragt, zum Beispiel für ein Glücksrad bei Höffner oder für ein Golfturnier.

Seite 1: Veranstalter-Haftpflicht und Ausfallpolicen sind unausweichlich, Zusatzversicherungen für Garderoben oder ZelteSeite 2: Der große Ansturm blieb aus, Branche reagierte mit unterjährigen Kürzungen auf die Pandemie

procontra: Mit dem neuen Infektionsschutzgesetz sind Ende März die meisten Corona-Auflagen in Deutschland weggefallen, Veranstaltungen können seitdem wieder in gewohntem Maß stattfinden. Welchen Effekt hat das auf ihr Geschäft? Gibt es jetzt verstärkt Anfragen nach einer Absicherung von Events?

Franz Heinemann: Bei uns ist im Moment nicht der große Ansturm da. Ich denke, die Branche braucht Zeit, um anzulaufen und bei Veranstaltern wie Konsumenten gibt es noch eine große Unsicherheit. Wer jetzt eine Veranstaltung für den Sommer plant, weiß nicht, ob bis dahin nicht wieder alle Türen dicht sind.

procontra: Wie haben sich die Lockdowns auf die Vermittlung ausgewirkt? Wurden in der Zeit Policen vermehrt ruhend gestellt oder gekündigt und wie haben Sie sich trotzdem über Wasser halten können? 

Franz Heinemann: Der kurzfristige Markt ist mit Beginn des ersten Lockdowns völlig zusammengebrochen, bis zur Familienfeier wurde alles abgesagt. Aber der Technikverleih oder die Eventbude waren ja nicht von einem Tag auf den anderen aufgelöst, auch wenn die Umsätze wegbrachen. Zwar wurden Leute entlassen und Kurzarbeit genutzt, aber viele haben überlebt. Die Branche hat mit unterjährigen Kürzungen reagiert, Verträge wurden heruntergefahren, Prämien reduziert. Es wurde wenig gekündigt, aber Verträge wurden angepasst.

procontra: Hatten Sie zwischenzeitlich die Befürchtung, Ihr Geschäft einstellen zu müssen?

Franz Heinemann: Nein, wir hatten tatsächlich Glück. Wir sind nebenbei auch im normalen Privatkundengeschäft tätig und haben die Menschen weiter versichert. Zudem habe ich ein zweites Standbein und biete mit der Firma Artekuranz Kunstversicherungen an. Die Kunst war weiter da und musste weiter versichert werden. Aber insgesamt sind unsere Umsätze durch Corona natürlich zurückgegangen.

procontra: Wie haben sich durch die Pandemie die Versicherungsprodukte verändert? Gibt es jetzt beispielsweise bestimmte Ausschlüsse, wurden die Haftungssummen vergrößert? 

Franz Heinemann: Die Versicherungswirtschaft agiert vorsichtig, Pandemien sind schlichtweg ausgeschlossen. In der Haftpflicht musste nichts angepasst werden, denn die Pandemie hat auf schuldhaftes Verhalten keinen Einfluss. Wir haben zig Anfragen, was den Ausfall von Veranstaltungen infolge von Corona-Maßnahmen betrifft. Aber da gibt es zur Zeit keine Produkte. Corona ist nur als Krankheit versicherbar.

procontra: Wie kann die Zielgruppe der Veranstalter am besten erreicht werden?

Franz Heinemann: In erster Linie durch das Internet. Das ist eine technikaffine Branche. Bühnen- oder Beleuchtungstechniker sind immer unterwegs und sie kümmern sich auch gerne unterwegs um ihren Versicherungsschutz. Mit dem Medium erreichen wir den Kunden: Und der Kunde mag das Medium.

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