Makler kennen das Stöhnen ihrer Stammkunden, wenn deren Kinder das erste eigene Auto anmelden und für den Versicherungsschutz tief in die Tasche greifen müssen. Fahranfänger zwischen 18 und 20 haben ein besonders hohes Unfallrisiko - fünfmal höher als von Fahrern zwischen 45 und 67 - und werden daher in die teuren Schadenfreiheitsklassen 0 oder ½ eingestuft.
Sparen können junge Fahrer mit sogenannten Telematik-Tarifen. Der Begriff verbindet Telekommunikation mit Informatik und bezeichnet in der Kfz-Versicherung die Ermittlung und Auswertung persönlicher Fahrdaten. Die Grundidee: Statt nur auf statistische Wahrscheinlichkeiten wird die jährliche Prämie auch auf das individuelle Risiko zugeschnitten. „Wer vorsichtig fährt, spart“, schrieb Finanztest in der Februar-Ausgabe.
Viel Rabatt für Fahranfänger, aber …
Bei optimalem Fahrverhalten sind bis zu 45 Prozent Rabatt drin, haben die Warentester ermittelt. Das summiert sich auf mehrere Hunderter im Jahr, berichtet die Stiftung Warentest nach einem Tarifvergleich von elf Anbietern für einen 20-jährigen Modellkunden. Die Rabattangaben seien jedoch nur bedingt aussagekräftig. Bei der HUK24 könne man beispielsweise „nur“ 30 Prozent Rabatt erhalten. Dafür sei der Grundbeitrag viel niedriger als etwa bei der Feuersozietät. „Wie die Rabatte berechnet werden, ist nicht immer einfach nachzuvollziehen“, so Finanztest.
Einen echten Test gab es dazu nicht. Im Vergleich der Kfz-Haftpflicht plus Teilkasko mit 150 Euro SB inklusive Autoschutzbrief für einen gebrauchten Fiat 500, der an der Straße geparkt wird, bieten HUK24/Basis Select (390 Euro Jahresbeitrag), ADAC-Autoversicherung/Basistarif (420 Euro), HUK-Coburg/Basis Select (440 Euro), Ergo/Smart (480 Euro) und Allianz/Smart (512 Euro) die günstigsten Preise.
… Methodik im Dunkeln und Bilanzen nicht beachtet
Die konkrete Bewertungsmethodik wird jedoch nicht deutlich gemacht. „Es gibt auch günstige Tarife ohne Datenermittlung“, dieser Hinweis lässt den Leser weitgehend allein, so dass er ohne Berater nicht weiterkommt. Zudem könnten Verluste der Anbieter sich im Folgejahr durch steigende Preise auswirken. Im Vorjahr waren Garanta, Oldenburgische Landesbrandkasse, Europa, R+V Direkt und Allianz Direct unprofitabler als 2020, hat die V.E.R.S. Leipzig GmbH in ihrem Branchenmonitor Kraftfahrtversicherung ermittelt.
Immerhin wird auf einige Tücken verwiesen. Einige Versicherer nutzen für die Aufzeichnung des Fahrverhaltens die GPS-Daten des Fahrer-Smartphones, andere einen fest angebrachten Telematik-Sensor. Die Krux beim Smartphone: „Es kann Ihre Fahrten mit fremden Autos, Bus oder Bahn als Ihre eigenen Fahrten verbuchen, die sich wiederum negativ auf Ihre Bewertung auswirken, wenn Sie diese nicht manuell reklamieren“, warnt Finanztest. Aus den meisten Telematik-Bausteinen kann man ohne lange Fristen wieder aussteigen, verliert dann aber den bis dato eingefahrenen Rabatt.
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Score bestraft auch Nachtarbeiter und Parken in der City
Das System belohnt vorausschauendes, risikoarmes Fahren. Einige Parameter lassen sich je nach Lebenssituation nur schwer beeinflussen. Als Beispiel nennt die Stiftung Warentest Nachtarbeiter, die Nachtfahrten kaum vermeiden könnten. Nacht- und Rushhour-Fahrten können aber zu Punktabzug im Telematik-Tarif führen. Wer im Stadtzentrum wohnt und parkt, muss sich zwangsläufig durch den Stadtverkehr kämpfen, was sich ebenfalls auf den Telematik-Score negativ auswirkt. Immerhin: Draufzahlen muss man wegen eines schlechten Telematik-Scores nirgends.
Wer auf Datensicherheit bedacht ist, kann jedoch mit vielen Telematik-Angebote nicht zufrieden sein. Erkenntnisse über eine missbräuchliche Verwendung der Kundendaten jenseits der für die Telematik notwendigen liegen der Stiftung Warentest zwar nicht vor. „Versicherer sollten aber klar sagen, wofür sie die Daten nutzen“, schreibt Finanztest. Das tue keiner von ihnen einwandfrei, wie eine Analyse der Datenschutzerklärungen ergab, deren Methodik die Tester aber wiederum nicht offenlegten.
Datenschutzerklärungen mangelhaft, aber Test-Methodik unklar
Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Erklärungen von den getesteten elf Versicherern weise deutliche Mängel auf. So werde teilweise eine ungültige Rechtsgrundlage genannt, wenn es darum geht, dass Daten in die USA geschickt werden – beispielsweise für Google Analytics. Andere Versicherer klären unzureichend darüber auf, nach welcher Logik sie die erfassten Daten auswerten, um die automatische Entscheidungsfindung zum Score-Wert in Gang zu setzen. Deutliche Mängel attestiert Finanztest den Angeboten von ADAC-Autoversicherung, DEVK, Ergo, Feuersozietät, Saarland, Versicherungskammer Bayern und VHV.
Lohnt ein Telematik-Tarif aber auch für Ältere? Im Prinzip ja, aber „ab einem gewissen Alter sind Fahrertyp und Fahrverhalten festgelegt“, sagt Unfallforscher Siegfried Brockmann im Finanztest-Interview. Da könne die Telematik nur noch begrenzt einwirken. Brockmann beklagte zuletzt zudem zunehmende Aggressivität im Straßenverkehr.
Wie sich umweltbewusstes Fahren belohnen lässt
Nicht bewertet wurde das umweltbewusste Fahren, das jedoch indirekt bei Beschleunigung, Bremsen und Geschwindigkeit mitgemessen wird. Die HUK-Coburg bietet bei ihrem Telematik-Tarif seit April 2021 auch eine „Eco Drive-Komponente“. Sie zeigt in der Telematik-App an, wie umweltbewusst die eigene Fahrweise ist. Eine besonders umweltfreundliche Fahrweise wird mit Punkten, symbolisiert durch Blätter, belohnt.
Jeweils am Jahresende werden die gesammelten Punkte von der HUK-Coburg in einen Geldbetrag umgewandelt. Für 2021 seien dabei über 740.000 Euro zusammengekommen. Die Versicherten konnten sich entscheiden, ihre Belohnung an eine von drei Partnerorganisationen zu spenden: Primaklima erhielt knapp 328.000 Euro, die Tafeln Deutschland 259.000 Euro und die Björn Steiger Stiftung, die sich für das Rettungswesen in Deutschland engagiert, 154.000 Euro.
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