So groß ist die Angst der Deutschen vor Krankheiten

Beim Thema Gesundheit zeigt sich die ambivalente Gefühlslage der Deutschen: Während die Furcht vor Krankheiten groß ist, wird gesundheitsschädliches Verhalten rigoros unterschätzt. Und: Zwar will jeder die beste medizinische Versorgung, aber die meisten würden am ehesten beim Versicherungsschutz sparen.

Die Deutschen überschätzen bestimmte Gesundheitsrisiken. Andere wiederum unterschätzen sie, gleichwohl die meisten Angst davor haben, ernsthaft zu erkranken. Gleichzeitig neigen sie dazu, ihren eigenen Beitrag zur Gesundheit zu vernachlässigen. Das zumindest ist das Ergebnis einer aktuellen Studie, für die der Psychologe Gerd Gigerenzer die Ergebnisse einer Umfrage analysiert hat, die der Versicherer Ergo in Auftrag gegeben hat. In dem Risiko-Report 2022 geht es um die Frage, wie es um die Risikokompetenz und Eigenverantwortung der Deutschen bestellt ist.   

Demnach blicken die Deutschen mit Sorgenfalten auf ihre gesundheitliche Zukunft: 37 Prozent von ihnen glauben, dass sich ihr Gesundheitszustand in den nächsten zehn Jahren gegenüber dem heutigen verschlechtern wird. Gesundheitspessimisten sind vor allem die 51- bis über 60-Jährigen (rund 50 Prozent). Selbst über ein Viertel (17 Prozent) der 18- bis 30-Jährigen und bis zu einem Drittel der 31- bis 50-Jährigen sind davon überzeugt, dass es um ihren Gesundheitszustand nicht gut bestellt sein wird. Nur sechs Prozent aller Befragten gehen davon aus, dass es ihnen zukünftig besser gehen wird. Die zum geflügelten Begriff gewordene „German Angst“ trendet also weiterhin.

Top-Ängste: Armut und Krankheit im Alter

Während es zwischen den Geschlechtern bei dieser Frage kaum Unterschiede gibt, zeigen sie sich indes in Relation zum Einkommen: Geringverdienende sind am pessimistischsten in Bezug auf ihre Gesundheitserwartung. Und: In Nord- und Süddeutschland gibt es mit 36 und 34 Prozent Zustimmung weniger Gesundheitspessimisten. Im Westen und Osten hingegen mehr (40 und 41 Prozent).

Auf die Frage, was die Studienteilnehmer im Alter am meisten fürchten, landet die Sorge vor Krankheit auf dem unangefochtenen Spitzenplatz mit 64 Prozent Zustimmung. Das Thema Altersarmut sehen 41 Prozent als Problem. Besonders bei Frauen ist diese Angst ausgeprägt: 46 Prozent nennen Armut als Angstfaktor, im Vergleich zu 36 Prozent der Männer. Je nach Einkommen schwankt die Sorge: Wer gut verdient oder, wie Beamte, abgesichert ist, der fürchtet eher Krankheiten im Alter (75 Prozent), die Verarmung im Alter (14 Prozent) spielt indes eine geringere Rolle.

Mehr Angst vor psychischen Erkrankungen

Mit Abstand am meisten fürchten die Deutschen eine Krebserkrankung und Demenz (62 und 60 Prozent Zustimmung). Über ein Drittel (38 Prozent) sorgt sich wegen eines möglichen Herzinfarkts oder Schlaganfalls. Nur 19 Prozent haben Angst vor Muskel-Skelett-Erkrankungen. Angesichts der Tatsache, dass diese bereits als Volkskrankheit bezeichneten Leiden zu den am weitesten verbreiteten Erkrankungen gehören, mag das verwundern.

Die Sorge, psychisch zu erkranken, haben 22 Prozent der Befragten. Dabei zeigt sich, dass insbesondere junge Menschen Angst vor psychischen Erkrankungen haben: Während das auf ein Drittel der 18- bis 30-Jährigen zutrifft, sorgt sich darum nur ein Fünftel der älteren Generationen. Diese Wahrnehmung korreliert auch tatsächlich mit der Tatsache, dass die Anzahl psychischer Erkrankungen deutlich zugenommen hat – nicht zuletzt auch unter jungen Menschen. Zumal die Ausfallzeiten bei psychischen Erkrankungen wesentlich länger sind im Vergleich zu primär körperlichen Beschwerden (30 Tage/14 Tage).

Zumal: Wer psychisch erkrankt ist, dem mangelt es im Zweifel auch an einer positiven Einstellung zum Leben. Gleichzeitig ist es aber diese Einstellung, die 27 Prozent der Befragten als zentralen Schlüssel für ein gesundes Leben sehen. Sport und Bewegung sowie regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen rangieren auf dem zweiten und dritten Platz (23 und 21 Prozent). Dabei konnte für regelmäßige Check-ups und die Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung, laut Studie, der Nutzen bisher nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden.

Eigenverantwortung wird ignoriert

Während viele Deutsche sich also präventiv beim Arzt ihres Vertrauens durchchecken lassen, unterschätzen sie gleichzeitig das Risiko des Rauches: Jährlich sterben über 127.000 Menschen in Deutschland an den Folgen des Tabakkonsums, doch nur zwölf Prozent der Befragten nennt den Verzicht auf das Rauchen als Garant für ein langes Leben. Auch wie relevant eine gesunde Ernährung (fünf Prozent Zustimmung) und ausreichend Schlaf (vier Prozent) für die Gesundheit sind, ist offenbar vielen nicht klar. Damit zeigt sich: Dass Gesundheit nicht allein systemimmanentes Thema ist, sondern eben auch vom Menschen selbst abhängt, ist dem Gros der Deutschen nach wie vor nicht bewusst – Schrittzählern und Fitness-Apps zum Trotz.

Doch von welcher wissenschaftlichen Entwicklung erhoffen sich die Deutschen in puncto Gesundheit am meisten? Der Spitzenreiter bleibt die Stammzellenforschung, in der die Mehrheit (57 Prozent) ihre Hoffnungen setzt. Neue Operationstechniken (47 Prozent) und neu entwickelte Medikamente (37 Prozent) rangieren dahinter. Auch von moderner Computertechnik (34 Prozent) und Gentherapien (29 Prozent) versprechen sich die Befragten positive Folgen für ihre Gesunderhaltung. Lediglich sieben Prozent setzen keinerlei Hoffnungen in die genannten medizinischen Fortschritte.

Ambivalentes Gesundheitsverhalten

Auf eine umfassende medizinische Versorgung im Alter wollen 49 Prozent nicht verzichten. Demgegenüber wollen aber nur 19 Prozent nicht auf einen ausreichenden Versicherungsschutz verzichten. Danach gefragt, in welchem Bereich die Deutschen den Gürtel etwas enger schnallen würden, haben folgerichtig 81 Prozent geantwortet, dass dies beim Versicherungsschutz  der Fall sei. Noch größere Bereitschaft zu Sparen besteht nur bei der finanziellen Vorsorge (90 Prozent) und bei der Größe von Wohnung und Haus (82 Prozent.

Inwieweit die Angst vor Krankheiten, die spezielle Behandlungen notwendig machen könnten, die aber im Zweifel nur im Rahmen einer Zusatzversicherung übernommen werden, mit dem Verzicht auf Versicherungen zusammenpassen, ist unklar. Man könnte es gelebte Ambivalenz nennen oder wie es die Studienautoren formulieren: „Wissen und Handeln fallen oft auseinander.“