Die Zahl der Totalverluste von großen Schiffen ist im vergangenen Jahr auf ein Rekordtief gefallen. Auch Schiffsunfälle sind im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. „Die Totalschäden sind das dritte Jahr in Folge auf einem historischen Tiefstand“, sagt Justus Heinrich, Leiter der Schifffahrtsversicherung der Allianz (AGCS) für Zentral- und Osteuropa.
Im vergangenen Jahr wurden weltweit 49 Totalverluste von Schiffen gemeldet, die zweitniedrigste Gesamtzahl in diesem Jahrhundert. Das entspricht einem Rückgang um 50 Prozent im Vergleich zu 2011. Untergegangene Schiffe waren die Hauptursache für Totalverluste. Die Zahl der Unfälle sank 2020 um vier Prozent von 2.818 auf 2.703. Maschinenschäden und -ausfälle waren der häufigste Grund für Schiffsunfälle weltweit.
Was der Branche schon länger Sorgen bereitet, sind die Brände an Bord großer Schiffe: Im Jahr 2019 wurden 40 Brände gemeldet. Ein bisheriger Rekord. Brandursache sind meist Folge falsch deklarierte Ladungen wie Chemikalien und Batterien, die dadurch unsachgemäß verpackt und verstaut werden.
Die Schifffahrtsbranche habe sich während der Pandemie jedoch als widerstandsfähig erwiesen, teilte die AGCS mit. Das Handelsvolumen bleibe nach wie vor hoch und könnte das Niveau von 2019 sogar wieder übertreffen. Dennoch bleibt die Lage insgesamt angespannt.
Grund hierfür ist allerdings nicht allein die Pandemie, wie der Zwischenfall der „Ever Given“ im Suezkanal gezeigt hat. Im März 2021 blockierte das Containerschiff tagelang die stark frequentierte Wasserstraße, hunderte Schiffe konnten nicht passieren, der weltweite Handel kam ins Stocken. Die ägyptischen Behörden und Schiffseigner stritten vehement über Schadensersatz – kolportiert wird eine Summe von 550 Millionen Euro Dollar. Erst nach Monaten kam es zu einer Einigung und das Schiff konnte die Fahrt fortsetzen.
Größere Schiffe, höhere Risiken
In den vergangenen 50 Jahren ist die Kapazität von Containerschiffen um 1.500 Prozent gestiegen, seit 2006 hat sie sich mehr als verdoppelt. Weil Frachtschiffe immer größer und Reedereien die Routen immer kürzer halten wollen, könnte es in Zukunft häufiger zu solchen Vorfällen kommen.
„Größere Schiffe bedeuten besondere Risiken. Die Zufahrtskanäle zu bestehenden Häfen wurden zwar tiefer ausgebaggert und die Liegeplätze und Kaianlagen erweitert, aber die Gesamtgröße der Häfen ist gleichgeblieben“, sagt Anastasios Leonburg, Berater für Schiffsrisiken bei der AGCS. Wäre es nicht gelungen, die „Ever Given“ wieder freizulegen, hätten Spezialkräfte die 18.300 geladenen Container bergen müssen. Die Wrackbeseitigung hätte immense Kosten nach sich gezogen.
Pandemie fördert Piraterie
Mit dem Debakel um die „Ever Given“ ist das Thema der globalen Lieferketten weiter in den Fokus gerückt. Der Seetransport leidet unter Verzögerungen durch Handelskonflikte und extreme Wetterbedingungen, aber womöglich bald verstärkter unter Piraterie: Die Pandemie verschärft soziale, politische und wirtschaftliche Spannungen, Entführungen könnten weiter zunehmen, einstige Piraterie-Hotspots wie Somalia wieder aufflammen. Im vergangenen Jahr wurden allein im Golf von Guinea 130 Besatzungsmitglieder entführt – die höchste Zahl seit Beginn der industriellen Schifffahrt, teilte der Schiffsversicherer der Allianz mit.
Auch wird der Schiffhandel immer öfter Opfer moderner Piraterie: Die vier größten Schifffahrtsunternehmen der Welt waren bereits von Cyberangriffen betroffen. Politische Konflikte werden zunehmend über Angriffe auf die kritische Infrastruktur ausgetragen. Immer mehr Unternehmen schließen deswegen Cyberversicherungen ab.
Corona-bedingte Verzögerungen könnten das Wachstum der Schifffahrtsbranche weiter bremsen: Staus in den Häfen bei gleichzeitigem Mangel an leeren Containern dämpfen die Erwartungen. Allein im Juni 2021 haben etwa 300 Frachtschiffe an überfüllten Häfen auf die Einfahrt gewartet. Die Wartezeit auf Hafenliegeplätze hat sich seit 2019 mehr als verdoppelt.
Zukünftig könnten Versicherer zudem mit einem Anstieg der Schadensersatzansprüche bei Maschinenausfällen konfrontiert sein, wenn die Besatzung durch die COVID-19-Einschränkungen keine Wartungsarbeiten vornehmen konnte. „Wir sehen einen Anstieg der Kosten für Kasko- und Maschinenschäden", sagt Heinrich. Auch die Kosten für Bergung und Reparaturen seien gestiegen.
Klimawandel setzt Schifffahrt unter Druck
Zu guter Letzt stellen Umweltauflagen die Reeder und ihre Besatzungen vor große Herausforderungen. „Mit der heutigen Flotte und Technologie wird die Schifffahrtsindustrie das Ziel der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO), die Emissionen bis 2050 um 50 Prozent zu senken, nicht erreichen, ganz zu schweigen von den ehrgeizigeren Zielen, die von den nationalen Regierungen diskutiert werden“, sagt Allianz-Mitarbeiter Leonburg.
Im vergangenen Jahr wurde die Obergrenze für den Schwefelgehalt von Schiffskraftstoffen gesenkt. Damit soll der Ausstoß von schädlichen Schwefeloxiden in der Schifffahrt um 77 Prozent reduziert werden. Die Versicherer haben bereits eine Reihe von Schadenersatzansprüchen für Maschinenschäden im Zusammenhang mit sogenannten Scrubbern festgestellt, die die schädlichen Stoffe aus den Abgasen von Schiffen mit schwerem Schiffskraftstoff entfernen sollen.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, abonnieren Sie unseren täglichen kostenlosen Newsletter für weitere relevante Meldungen aus der Versicherungs- und Finanzbranche!

