Michael H. Heinz (BVK-Präsident): Pro
In den vergangenen zwei Dekaden sind viele Gesetze und Regulierungen in der Vermittler- und Versicherungsbranche in Kraft getreten. Mit der Umsetzung der EU-Versicherungsvertriebsrichtlinie IDD wurden auch viele deutschen Gesetze geändert, die die Vertriebspraxis der Versicherungsvermittler unmittelbar betreffen, beispielsweise das Versicherungsaufsichtsgesetz, das Versicherungsvertragsgesetz und die Versicherungsvermittlungsverordnung. Es sind alles komplexe Gesetze und Regulierungen, die den Berufsstand der Versicherungsvermittler und seine Vertriebspraxis tiefgreifend verändert haben.
Jetzt ringen wir um Provisionsrichtwerte und -begrenzungen, um eine Reform der privaten Altersvorsorge angesichts des anstehenden Ausscheidens Millionen von Babyboomern aus dem Erwerbsleben in den kommenden Jahren. Die Liste ließe sich beliebig mit der Debatte, wie die Finanz- und Versicherungsbranche Nachhaltigkeitskriterien erfüllen soll, fortführen.
Die Wirkung beschlossener Gesetze überprüfen
Wir stellen also fest: Die Vermittlerbranche wird immer stärker reguliert, die Anforderungen steigen stetig, ohne dass dies zusätzlich vergütet wird. Im Gegenteil werden fast im Gleichklang zusätzliche Vermittlerpflichten eingeführt und Provisionsbegrenzungen diskutiert.
Andererseits klagt die Vermittlerbranche seit Jahren über Nachwuchsmangel. Dieser wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen, wenn viele Versicherungsvermittler der Babyboomer-Generation in ihren wohlverdienten Ruhestand treten. Deshalb treten wir vom Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) seit Jahren dafür ein, maßvoll und mit Augenmaß zu regulieren, um diejenigen nicht abzuschrecken, die den sozialpolitisch wichtigen Beruf der Versicherungskauffrau und -mannes ergreifen möchten. Denn wie soll dieser Beruf für junge Menschen attraktiv sein, wenn die Anforderungen steigen und die Verdienstmöglichkeiten sinken und sich hier eine Scherenbewegung auftut?
Daher mischt sich der BVK als Interessenverband für die Vermittler Deutschlands wortstark in die Debatte um weitere Regulierung ein und macht angesichts des allerorten beklagten Nachwuchsmangels den politischen Entscheidungsträgern klar, dass hier dringend eine Abkehr von diesem Weg nötig ist. Auch startete der BVK mit den „BVK-Junioren“ eine Initiative, um gegen den Trend des Nachwuchsmangels zu halten.
Doch abgesehen von der Nachwuchsproblematik hat die Vermittlerbranche, wie eingangs skizziert, in den letzten Jahren viele neue gesetzliche Vorgaben erfüllen müssen, die ihren sozialpolitischen Auftrag der Absicherung weiter Bevölkerungskreise konterkarieren. Deshalb setzen wir uns dafür ein, die Wirkung der bereits beschlossenen und in Kraft getretenen Gesetze und Verordnungen zu überprüfen, anstatt aus falsch verstandenem Verbraucherschutz aktionistisch immer weitere zu erschaffen und den Vermittlerberuf zu verleiden.
Seite 1: Anforderungen steigen, ohne dass dies zusätzlich vergütet wirdSeite 2: Je besser sich ein Markt selbst organisiert, umso geringer kann Regulatorik ausfallen
Axel Kleinlein (Vorstandsvorsitzender des BdV): Contra
Keine Frage, man müsste diese Aussage bejahen – wenn man den Blick nur auf die Beraterinnen und Berater hat und dabei auch noch eher kurzsichtig ist. Wer auf das schnelle Geschäft aus ist, wer sein eigenes Einkommen in den Mittelpunkt stellt und wem die Kundeninteressen weniger wichtig sind, der ist gut beraten, sich über Regulatorik zu echauffieren.
Wer die Kundinnen und Kunden ernst nimmt, der sollte jedoch erkennen, dass gute Regulatorik sogar hilft. Sie wirkt zum Beispiel an drei Stellen positiv: Wenn schwarze Schafe ausgesondert werden, wenn die Produkte besser werden und wenn die Bedeutung der Beratung gestärkt wird – dann läuft auch das Geschäft besser.
Zu den „schwarzen Schafen“: Wenn Regeln gelten, dann werden automatisch diejenigen ausgesondert, die sich nicht an diese Regeln halten wollen oder können. Zum Beispiel ist es besser, wenn wenigstens ein Mindestniveau in der Ausbildung gesichert ist, als wenn ohne Regulatorik noch nicht einmal rudimentäres Wissen vorgehalten werden muss.
Regulatorik muss angemessen sein
„Bessere Produkte“: Die Finanzunternehmen müssen sich dank Regulatorik ein bisschen mehr anstrengen, wenn sie neue Produkte auf den Markt bringen wollen. Zum einen sind sie bei der Produktentwicklung schon einer Regulatorik unterworfen. Zum anderen sind Beraterinnen und Berater auch regulatorisch gefordert, auf die Qualität der Verträge zu achten, die sie verkaufen.
„Stärkung der Rolle der Beratung“: Ein vernünftiger regulierter Rahmen führt automatisch zu einer Professionalisierung und damit zu einer Stärkung der Rolle der Beratung. Wer sich erfolgreich strengen Regeln unterwirft, dem nehme ich viel eher ab, dass er Beratung mit Ernsthaftigkeit betreibt, als wenn mir jemand als Feierabendvertreterin oder -vertreter nebenbei Verträge verticken möchte.
Wichtig bei der Regulatorik: Sie muss angemessen sein. Je besser ein Markt sich selbst organisiert, umso geringer kann die Regulatorik ausfallen. Bei der Versicherungsvermittlung in Deutschland sieht es da aber schlecht aus. Das Fehlverhalten Weniger zwingt die Regulatorik zu härteren Maßnahmen, um Auswüchse einfangen zu können. Dabei kommt es nicht unbedingt darauf an, wie oft ein solcher Missstand auftritt, sondern eben auf das jeweilige Ausmaß. Da reicht auch schon ein einziger vom Versicherungsunternehmen organisierter Bordellbesuch in Budapest aus, zu dem die Vertreter bereitwillig gehen.
Daher mein Rat: Sorgen Sie dafür, dass es in ihrer Branche sauber zugeht! Gewinnen Sie durch gute Arbeit das Vertrauen von Verbraucherinnen und Verbrauchern, Politik und Medien! Sortieren Sie die schwarzen Schafe von vornherein freiwillig aus, ohne dass durch Regulatorik Druck ausgeübt werden muss! Das überzeugt mehr, als das ewige Jammern über die Regulatorik.
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