Zwei Fahrradfahrer stoßen zusammen und stürzen heftig oder ein glückloser Heimwerker trennt sich mit der Stichsäge den Daumen ab. Entsteht aus solchen und anderen Szenarien eine bleibende Invalidität, hilft die private Unfallversicherung (pUV), zumindest finanziell. Mit diesem Leistungsversprechen hat sie es hierzulande auf über 25 Millionen Verträge gebracht. Doch schon seit Jahren stagniert die Nachfrage. 2020 ging der Gesamtbestand an pUV-Verträgen, laut GDV-Zahlen, sogar um rund 300.000 zurück, von 25,8 auf 25,5 Millionen.
Eigentlich lieferte das Pandemiejahr 2020 zahlreiche neue Beratungsansätze zum Abschluss einer pUV. Die plötzlich großflächige Arbeit im Homeoffice förderte zahlreiche Lücken im Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung (GUV) zu Tage. Zwar wurden vieler dieser Gefahren (zum Beispiel der Gang zur Toilette) mittlerweile in den Schutz der GUV mit aufgenommen. Doch im Freizeit- und Sportbereich gibt es weiterhin zahlreiche Ansätze. Aufgrund von Lockdowns und Reisebeschränkungen probierten viele Menschen neue Sportarten im Freien, wie Klettern oder Kanufahren, aus. Die Verkaufszahlen von Motorrädern und E-Bikes stiegen sprunghaft an und Heimwerkerprojekte wurden angepackt – sehr wahrscheinlich nicht immer mit professionellen Sicherheitsvorkehrungen.
Bis zu 5 Prozent Bestandsverlust
Doch bei den meisten Unfallversicherern fruchteten diese Ansätze offenbar nicht. Allianz, Ergo, Signal Iduna, Generali und Axa büßten in 2020 jeweils zwischen 25.000 und 75.000 Policen ein und verloren damit bis zu fünf Prozent ihrer Bestände. Doch woher rührt diese Entwicklung? Die Generali hat eine Beantwortung unsere Anfrage explizit abgelehnt. Die anderen vier Spartengrößen gaben sich hingegen auskunftsfreudiger. Konkret gaben Axa, Signal Iduna und Allianz an, dass bei ihren deutlichen Vertragseinbußen Unfallversicherungen mit Beitragsrückgewähr (UBR) eine große Rolle spielten. Bei diesen Verträgen beinhaltet der Beitrag neben einem Risiko- auch einen Sparanteil. Dieser wird, häufig über eine lange Laufzeit, parallel zum bestehenden Unfallschutz angelegt. Durch die erwirtschafteten Zinsen, die inklusive Sparanteil zum Vertragsende ausgezahlt werden, war der Unfallschutz idealerweise gratis. Früher wurden solche Policen deutlich häufiger abgeschlossen, aber heute – so der Tenor der drei Versicherer – seien UBR-Policen unattraktiv geworden. Das würde vor allem am mittlerweile auf 0,25 Prozent gesunkenen Höchstrechnungszins liegen. Solche Verträge kommen nun nicht mehr nach, würden aber in großen Stückzahlen auslaufen. Immerhin noch rund 7,5 Prozent betrug ihr Anteil, laut GDV, am Gesamtbestand aller pUV-Verträge.
UBR mit Imageproblem?!
Dass kaum noch neue UBR-Policen nachkommen, liegt auch daran, dass diese unter freien Vermittlern kein besonders hohes Ansehen genießen. Makler Stefan Bierl beispielsweise lehnt die Vermittlung von UBR-Policen komplett ab, da es sich dabei aus seiner Sicht um versteckte Rentenpolicen handelt (siehe Maklers Meinung). Im Interview mit procontra sagte er außerdem, dass die aufgrund der Sparanteile oft jahrzehntelangen Vertragslaufzeiten der Unfall-Police ihre Flexibilität raubten. Bierl setzt hingegen auf leistungsstarke Bedingungen und hat sich selbst hohe Mindeststandards für die Vermittlung gesteckt. Genügend gute Tarife würden ihm dennoch zur Auswahl für seine Kunden bleiben, denn die Unfallversicherer beziehungsweise die gesamte SHU-Sparte würde sich in den vergangenen Jahren regelrecht überschlagen was Leistungsverbesserungen anbelangt. Ein Indiz dafür, dass die Zukunft der pUV in der reinen Risikoabsicherung liegt und man nur noch auf diesem Weg an bedeutendes Neugeschäft herankommt.
Aufklärung fördert Nachfrage?
Hoch im Kurs stehen bei den freien Vermittlern die Tarife der Haftpflichtkasse. Schon mehrfach hat der Roßdorfer Versicherer in der pUV den ersten Platz bei der procontra-Umfrage „Maklers Lieblinge“ geholt. Neben starken Leistungen und gutem Service versucht die Haftpflichtkasse auch, potenzielle Kunden besser über die pUV aufzuklären. Vermittler und Versicherer müssten gemeinsam verstärkt die Unterschiede zur GUV herausstellen, sagt Prokurist Helmut Wagner im Interview. So könne man mittelfristig auch die aktive Nachfrage der Kunden erhöhen. Entgegen dem Trend der vergangenen Jahre sehe er ein „sehr großes Vertriebspotenzial“.
Dass sich das pUV-Neugeschäft zukünftig größtenteils im gehobenen Leistungsbereich abspielen wird, davon gehen offenbar auch einige der großen Marktanteilsverlierer aus. Ergo und Axa haben beide ihre Unfall-Tarife im vergangenen Jahr mit Zusatzleistungen aufgewertet. Fast gleichzeitig bewies die R+V (rund 10.000 Verträge Verlust in 2020), dass sich die Anbieter mit komplett konträren Strategien im zähen Kampf ums pUV-Neugeschäft bewegen. Die Wiesbadener führten im Februar 2022 einen neuen UBR-Tarif ein. Dieser sei mit 0,15 Prozent Garantiezins auf den Sparanteil kalkuliert und richte sich an sicherheitsorientierte Menschen, die ihr Geld nicht an der Börse anlegen wollen und trotzdem Zinsen erwarten, schreibt die R+V. Ob die neue Police vor dem Hintergrund weltpolitischer Aufregung und turbulenter Börsenkurse genau zur richtigen Zeit kommt oder über kurz oder lang doch zum Ladenhüter mutieren wird, bleibt abzuwarten.
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