Private Unfallversicherung: Niedrigzins sorgt für Vertragseinbußen

Obwohl es pandemiebedingt durchaus gute Argumente für eine Unfallversicherung gibt, ging der Bestand zuletzt deutlich zurück. Einige große Versicherer nennen die Zinsflaute als Ursache. Der klassische Unfallschutz ist offenbar zum Ladenhüter geworden.

Der Markt für private Unfallversicherungen ist anscheinend seit Jahren gesättigt. Der Gesamtbestand an Verträgen verharrt seit fünf Jahren auf einem relativ konstanten Niveau. Im Jahr 2020 ging es dann sogar um 1,2 Prozent auf rund 25,5 Millionen Policen nach unten. Neuere branchenweite Zahlen liegen noch nicht vor. Mit Blick auf die 50 größten Anbieter der Branche (94 Prozent Marktanteil nach Prämieneinnahmen) konnten nur 19 Unternehmen einen Vertragszuwachs ausweisen. Bei 31 schrumpften die Bestände, darunter viele Schwergewichte der Branche. Dabei hielt das erste Pandemiejahr eigentlich gute Argumente für einen Vertragsabschluss bereit, die aber offenbar bei vielen Produktgebern nicht fruchteten.

Warum das so ist, wollte procontra von Allianz, Ergo, Signal Iduna, Generali und Axa wissen, die das Jahr 2020 jeweils mit mindestens 25.000 Policen weniger abgeschlossen haben. Die Generali wollte die Anfrage explizit nicht beantworten. Ihr Bestand an Unfall-Policen schrumpfte um 32.637 (-1,7 Prozent des Gesamtbestands).

Unfallschutz? Nicht ohne Zinsen!

Die anderen großen Anbieter sehen überwiegend einen Faktor für die defizitäre Entwicklung verantwortlich, der beim Thema Unfallversicherung womöglich nicht direkt in den Sinn kommen mag: die Niedrigzinsphase. Die Verbindung zum Unfallschutz entsteht durch die große Anzahl von Unfallversicherungen mit Beitragsrückgewähr (UBR) im Markt – also eine Kombination aus Risikoabsicherung und Kapitalanlage.

Eine Axa-Sprecherin erklärte: „Axa hatte traditionell immer einen großen UBR-Bestand mit festen, langfristigen Laufzeiten. Ein großer Teil dieser Verträge erreicht mittlerweile das vereinbarte Vertragsende. Angesichts andauernder Niedrigzinsen war die UBR für unsere Kunden schon seit einigen Jahren nicht mehr attraktiv.“ Hinzu komme die Absenkung des Höchstrechnungszinses der vergangenen Jahre mit der damit verbundenen reduzierten Garantie. Im Segment der UBR sei deshalb das Neugeschäft deutlich zurückgegangen, sodass der naturgemäße Abgang älterer Verträge nicht ausgeglichen werden konnte.

Bei der Signal Iduna, die 2020 ganze 5,0 Prozent ihres Unfall-Gesamtbestands einbüßte, sieht man in den UBR-Verlusten einen ähnlich großen Faktor. Der Marktführer Allianz betonte zudem, dass sich viele Inhaber solcher Verträge, deren Laufzeitende häufig an das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben gekoppelt war, explizit gegen eine Fortführung der Absicherung entschieden haben. Vor dem Hintergrund der Zinsflaute konnte das Argument Unfallschutz allein viele Kunden also offenbar nicht mehr überzeugen.

Unfallversicherer setzen wieder mehr auf Leistung

Diese These untermauert auch die Antwort der Ergo. Zwar erwähnen die Düsseldorfer als einziger Anbieter nicht explizit die UBR-Tarife. Eine Sprecherin betonte jedoch, dass eine Verlagerung des Schadengeschehens hin zu mehr Heim- und Freizeitunfällen, sowie mehr Verkehrs- und Fahrradunfällen nach ersten bisherigen Erkenntnissen feststellbar sei. Ob dieser Trend anhalten wird, könne man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Es handelt sich dabei aber offensichtlich um Unfälle im Zusammenhang mit solchen Risiken, die durch die Pandemie erhöht wurden. Trotz dieser Beratungsansätze konnte ein deutlicher Vertragsrückgang bei der Ergo (76.550 Verträge weniger, -4,4 Prozent) aber nicht abgefedert werden.

In der Folge hat die Ergo im März 2021 ein neues Unfallprodukt für alle Vertriebswege und alle Zielgruppen eingeführt. Dabei wurden sechs verschiedene Produkte zu einem zusammengeführt. Man habe sich vor allem hinsichtlich Leistungsumfang und Kundenservice stärker aufgestellt. Im Jahr 2021 habe man damit bereits deutliche Zuwächse erzielen können, so die Sprecherin.

Bei der Axa spricht man von einer Stabilisierung des Neugeschäfts in 2021, bezogen auf das Geschäft mit der klassischen Risikounfallversicherung. In diese Richtung würden derzeit auch die Beratungsansätze und die Nachfrage tendieren. Die Signal Iduna erwartet für die Geschäftszahlen 2021 eine spürbare Abschwächung des Nachfragerückgangs. „Nach einer deutlichen Stabilisierung für 2022 rechnen wir damit, dass sich der Bestand ab 2023 spürbar positiv entwickelt“, so eine Sprecherin. Ob sich die Kunden dann wieder vermehrt vom klassischen Unfallversicherungsschutz und weniger von einer Beitragsrückerstattung zum Laufzeitende überzeugen lassen werden, steht noch in den Sternen.

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