Pflegelücke: Neuer Generationenvertrag als Ausweg?

Anlässlich seiner Jahrestagung hat der PKV-Verband nicht nur die aktuellen Zahlen rund um die private Krankenversicherung bekanntgegeben, sondern auch eine Lösung zur drohenden Pflegelücke offeriert. Wie der Verband allerdings das Problem der niedrigen Anzahl an Vollversicherten lösen will, bleibt offen.

Nahezu jeder zweite Deutsche verfügt mittlerweile über eine private Krankenversicherung. Im vergangenen Jahr ist die Gesamtzahl an privaten Versicherungen um knapp eine Million auf 37,1 Millionen gestiegen, wie der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) am Donnerstag anlässlich seiner Jahrestagung vermeldet hat. Der Grund für den Zuwachs liegt jedoch im boomenden Geschäft mit Zusatzversicherungen, das um 3,5 Prozent auf 28,4 Millionen zugenommen hat.

Der PKV spricht von einer erfreulichen Entwicklung in der Vollversicherung und bezieht sich dabei auf den Umstand, dass 2021 mehr Menschen von der gesetzlichen in die private Krankenversicherung gewechselt sind: Stiegen im vergangenen Jahr 122.900 Personen von der PKV in die GKV um, waren es andersherum 146.000 Menschen, die den Wechsel von der gesetzlichen in die private Krankenversicherung vollzogen haben. Das macht ein Plus von 23.600 Personen.

„Wir müssen freiwillig gesetzlich Versicherte besser erreichen“

Doch diese Entwicklung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die PKV ein Problem mit Vollversicherungen hat. Seit 2011 stagniert ihre Anzahl beziehungsweise geht peu à peu zurück. Waren vor elf Jahren noch neun Millionen Menschen komplett privat versichert, sind es im vergangenen Jahr 8,7 Millionen Personen gewesen. Im Vergleich zum Vorjahr betrug der Abrieb 0,1 Prozent.

Erst kürzlich meldete die Ratingagentur Assekurata einen PKV-Nettobestandsverlust von rund 9.000 Versicherten. Angesichts der Tatsache, dass seit 2018 wieder mehr Menschen aus der GKV in die PKV wechselten als andersherum und dass die Anzahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst sukzessiv gestiegen ist, verwundert dieser Negativtrend. „Die PKV hat ein Zugangsproblem: Sie ist erklärungsbedürftig“, glaubt Alexander Kraus, Assekurata-Fachkoordinator Krankenversicherung. Aus seiner Sicht gelinge es den Versicherern nicht, die gutverdienende Klientel zu erreichen und als Kunden zu gewinnen.

Ralf Kantak, PKV-Vorstandsvorsitzender, sieht das Problem in der Beitragsbemessungsgrenze, die jährlich steigt und sich in den vergangenen Jahren um knapp 30 Prozent erhöht haben. Arbeitnehmer müssen heute also wesentlich mehr verdienen, um überhaupt in die PKV eintreten zu können. „Das erschwert den Gang in die PKV“, so Kantak.

Dennoch gibt er zu: „Wir müssen freiwillig gesetzlich Versicherte besser erreichen, dort sind wir noch nicht weitergekommen. Und wir müssen überlegen, was wir besser machen können.“ Welche konkreten Punkte das sein könnten, ließ der Vorstandsvorsitzende allerdings unbeantwortet und erklärte lediglich: „Wir werden mit dem einen oder anderen Vorschlag überraschen.“

Seite 1: Das Problemkind der PKV Seite 2: Wie der PKV die Pflegelücke lösen will

Update des Generationenvertrags

Mit einer neuen Idee wartet der Verband aktuell bereits auf: Da die Zahl der Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren stark zunehmen wird, die Zahl der erwerbsfähigen Beitragszahler hingegen abnehmen wird, gerate die soziale Pflegeversicherung in die Schieflage. Sie ließe sich nur lösen, wenn die Beiträge der gesetzlich Versicherten steigen: Ein Durchschnittsverdiener zahle heute bereits 110 Euro monatlich in die soziale Pflegeversicherung ein. In den kommenden 20 Jahren werde dieser Beitrag auf mindestens 277 Euro im Monat anwachsen, wobei der PKV eher von einer Vervierfachung des Beitrags auf 423 Euro ausgehe.

Um diesem Problem beizukommen, schlägt die PKV ein „Update des Generationenvertrags“ vor, den „Neuen Generationenvertrag für die Pflege“. Mithilfe des Konzepts solle sich der Beitragssatz zur sozialen Pflegeversicherung in den kommenden 20 Jahren „nur auf bis zu 161 Euro“ erhöhen: Die jüngeren Generationen sollen vor finanzieller Überlastung geschützt und die älteren Menschen bei den steigenden Pflegekosten entlastet werden. Um diese Ziele zu erreichen, schlägt der PKV-Verband eine „Dynamisierung der Leistungen“ vor.

„Die Pflegelücke wäre erledigt.“

Danach würde ein heute 35-Jähriger Durchschnittsverdiener in den kommenden Jahrzehnten beim Pflichtbeitrag so entlastet werden, dass er sich einen Vollkaskoschutz über Zusatzversicherungen aufbauen kann, „bis zu einer vollständigen Absicherung des Pflegerisikos“. Diese Entlastung solle staatlich oder betrieblich gefördert werden. „Dazu müsste der 35-jährige Beispielversicherte zum Start des Neuen Generationenvertrages Pflege erstens die durchschnittliche Pflegelücke von ca. 2.100 Euro vollständig mit einer Pflegezusatzversicherung zu einer Monatsprämie von gut 50 Euro absichern. Er würde somit heute für gut 160 Euro im Monat faktisch über eine Pflegevollversicherung verfügen“, erklärt der PKV-Verband.

An dieser Stelle setzt die Dynamisierung ein: Um den Wert der Pflegezusatzversicherung zu erhalten, müsste ihr Beitrag jährlich um 3,3 Prozent beziehungsweise zehn Prozent alle drei Jahre steigen. Die 50 Euro würden so in den kommenden Jahren auf 100 Euro steigen. Zusätzlich müssten die Leistungen der sozialen Pflegeversicherung mithilfe der Pflegezusatzversicherung stetig angepasst werden, weil sie andernfalls auf dem heutigen Niveau blieben. Anstelle der jährlichen 3,3 Prozent schlägt der PKV ein zusätzliches Plus um 1,5 Prozent vor, wodurch der Versicherte letztlich 4,8 Prozent jährlich zahlen müsste. Sein Beitrag würde sich so in den kommenden 20 Jahren um das Dreifache erhöhen. „Der Beitrag für diese vollständige Restkostenversicherung würde im Jahr 2042 folglich bei ca. 150 Euro im Monat liegen – was ungefähr der gleichzeitigen Entlastung bei den Beiträgen zur Sozialen Pflegeversicherung entspricht“, prognostiziert der Verband und hofft: „Die Pflegelücke wäre für ihn erledigt.“

Die politische Resonanz auf den neuen Generationenvertrag fällt wie üblich aus: Während sich die FDP für das Thema offen zeigt, gibt es bei den Grünen und bei der SPD „gewisse Vorbehalte“, so Kantak, „weil sie das Problem gesetzlich lösen möchten“. Dabei überraschte Gesundheitsminister Karl Lauterbach auf der PKV-Jahrestagung die Branche, als er die Relevanz der PKV betonte und äußerte: „Die PKV ist in meinem Herzen.“

Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, abonnieren Sie unseren täglichen kostenlosen Newsletter für weitere relevante Meldungen aus der Versicherungs- und Finanzbranche!

Seite 1: Das Problemkind der PKV Seite 2: Wie der PKV die Pflegelücke lösen will