Nachhaltigkeitsenergie als Friedensbeitrag

Infolge des Ukrainekriegs rückt das Ziel eines klimaneutralen Europas in den Fokus, für die Klimawende ergibt sich daraus neue Hoffnung. Warum Investments in fossile russische Energieträger unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit nunmehr in aller Konsequenz unmöglich sind, schreibt Assekurata-Chef Reiner Will in seinem Gastbeitrag.

Versicherer und ihre ESG-Transformation: Fördern und Fordern? Bild: Assekurata

Dr. Reiner Will ist geschäftsführender Gesellschafter und Mitbegründer der Assekurata Assekuranz Rating-Agentur Bild: Assekurata

Beim Thema Nachhaltigkeit spielt die Vermeidung des Klimawandels eine zentrale Rolle. Mit dem kürzlich vorgestellten Maßnahmenpaket „Fit for 55“ plant die Europäische Kommission, die Netto-Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 1990 bis 2030 um 55 Prozent zu reduzieren. Darüber hinaus soll hierdurch bis 2050 das Ziel eines klimaneutralen Europas erreicht werden. Bisher galt diese Transformation allenthalben als sehr ehrgeizig, allerdings zeigen die Reaktionen auf den Angriffskrieg in der Ukraine, dass es auch schneller gehen könnte.

Nach Angaben der Internationalen Energieagentur IEA importierte die Europäische Union 2021 155 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus Russland, was etwa 45 Prozent der EU-Gasimporte und fast 40 Prozent des gesamten Gasverbrauchs entspricht. Deutschland hat daran den größten Anteil. Der politische Wille, sich von dieser Abhängigkeit zu befreien, ist nun deutlich ausgesprochen und Wege dazu werden gesucht. Finanzminister Christian Lindner betitelt in diesem Zusammenhang erneuerbare Energien gar als „Freiheitsenergien“. Besser passt hier eher der Begriff „demokratische Energien“, weil ihre Förderung anders als bei fossilen Brennstoffen nicht zwangsläufig in der Hand weniger und häufig noch staatlicher Unternehmen liegt.

In Krisen ist der Mut zur Umsetzung von Innovationen groß

Allerdings stehen auch Kohle und Atomkraft wieder auf der Agenda, was unter dem Aspekt der Abhängigkeitsreduktion nachvollziehbar ist, aber dem Bestreben nach ökologischer Nachhaltigkeit und Sicherheit sicher nicht dienen würde.

Heraklit von Ephesos formulierte einst, der Krieg sei der Vater aller Dinge. Darin kommt zum Ausdruck, dass in einer existenziellen Krise der Wille, der Mut und die Umsetzung von Innovationen besonders hoch sind. Für die Klimawende ergibt sich, bei aller aktuell gefühlten Hilflosigkeit, aus dieser Not heraus eine gewisse Hoffnung und Chance.

Versicherer gehören bekanntermaßen nicht zu den Industrien, deren Geschäftsbetrieb mit besonders hohen Treibhausgasemissionen verbunden sind. Allerdings verfolgen viele hier durchaus ambitionierte Ziele, den Geschäftsbetrieb klimaneutral zu betreiben. Zugleich werden in der Kapitalanlage entsprechende Transformationsprozesse über Ausschlüsse, Engagement oder Impact Investments mehr oder weniger aktiv gestaltet.

Es steht außer Frage, dass der russische Angriff auf die Ukraine ein elementares Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist und gegen das Völkerrecht verstößt. Damit liegt eine substanzielle Verletzung der Sustainable Development Goals vor. Diese Ansicht dürften auch die deutschen Versicherer und der GDV ausnahmslos teilen. Öl, Gas und Kohle aus Russland stammen überwiegend aus staatlichen Unternehmen und finanzieren daher mittelbar die russischen Kriegsaktivitäten. Die starken Preissteigerungen als Kriegsfolge verstärken diesen unsäglichen Effekt noch.

Friedensbeitrag fordert hohen Preis von der Gesellschaft

Überträgt man Herrn Lindners Bild von der „Friedensenergie“ auf russische fossile Energieträger, dann liegt der Begriff der „Kriegsenergie“ nah. Investments in fossile russische Energieträger, deren Produzenten, Lieferanten und Konsumenten geraten damit in eine nicht nur aus Klimaaspekten kritische Bewertung. In aller Konsequenz sind sie unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit nunmehr unmöglich. Damit wird der ohnehin schon enorme politische Druck auf ein Embargo von russischem Öl, Gas und Kohle noch steigen. Dieser Friedensbeitrag wird aber, wenn er nachhaltig sein soll, Staat und Gesellschaft einen hohen Preis abfordern.

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