Nachhaltigkeit: Was die BaFin von Versicherern erwartet

Das Thema Nachhaltigkeit betrifft in der Assekuranz nicht nur, aber maßgeblich die Kapitalanlage. Was die Aufsichtsbehörde BaFin von den Versicherern erwartet, offenbarte sich auf einer versicherungswissenschaftlichen Tagung.

Zu den Risiken im Fokus der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) 2022 gehören neben dem Niedrigzinsumfeld und Korrekturen am Immobilienmarkt und dem Finanzsystem auch IT- und Cyberrisiken, Ausfall von Unternehmenskrediten, Geldwäsche sowie nachhaltige Geschäftsmodelle und nachhaltige Finanzwirtschaft (Sustainable Finance).

Die Transformation zu nachhaltiger Wirtschaft hängt stark davon ab, wo und wie große Investoren Geld anlegen. „Die deutschen Versicherer sind hier mit rund 2,5 Billionen Euro Kapitalanlagen, wenn man bAV einrechnet, entscheidende Player“, sagte Frank Grund kürzlich im Rahmen der virtuellen Jahrestagung 2022 des Deutschen Vereins für Versicherungswissenschaft (DVfVW).

Nachhaltigkeitsrisiken erst einmal identifizieren

Nur stabile Versicherer seien in der Lage, zur Transformation der Wirtschaft beizutragen. „Entscheidend ist daher, dass sie die mit ihrer Geschäftstätigkeit verbundenen Nachhaltigkeitsrisiken identifizieren und steuern können“, so der Exekutivdirektor Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht der BaFin im Plenum „Kapitalanlagen und Nachhaltigkeit“.

Dazu müssten sich die Versicherer mit relevanten Risikoindikatoren und deren Entwicklung auseinandersetzen. Konkrete Vorschläge dazu enthält das im Herbst 2021 aktualisierte BaFin-Merkblatt zu Nachhaltigkeitsrisiken. Die beaufsichtigten Unternehmen sollen einen Ansatz entwickeln, der ihrem Risikoprofil entspricht, fordert Grund. Dabei wolle sich die Aufsicht nur auf den Rahmen beschränken.

BaFin sieht Versicherer auf gutem Weg

Vermögenswerte können von jetzt auf gleich zu „Stranded Assets“ werden, also dramatisch an Wert verlieren, vor allem aufgrund von Nachhaltigkeitsrisiken, so Grund. Welche Investitionen ein Versicherer tätigt und welche Risiken er eingeht, bleibe die Entscheidung des Managements, „vorausgesetzt, er hat genügend Risikokapital“, erklärt der Aufseher.

Er sieht die deutschen Versicherer auf gutem Weg, mit Nachhaltigkeitsrisiken umzugehen. Eine BaFin-Abfrage zur Umsetzung des Merkblatts hat kürzlich gezeigt: Die meisten Versicherer beschäftigen sich mit Nachhaltigkeitsrisiken und berücksichtigen das in strategischen Überlegungen. Die Hälfte der Befragten hat ihre Geschäfts- und Risikostrategien bereits angepasst und Nachhaltigkeitsziele formuliert, die übrigen planten dies kurzfristig, berichtete Grund.

Den größten Einfluss von Nachhaltigkeitsrisiken sehen die Versicherer selbst spartenübergreifend bei den Kapitalanlagen. Dort sind sie auch am weitesten, was die Berücksichtigung der ESG-Faktoren angeht: Gut drei Viertel haben laut BaFin Nachhaltigkeitsrisiken bereits in ihre Kapitalanlageleitlinien und -prozesse integriert.

Nachholbedarf bei eigener Risiko- und Solva-Beurteilung

Dringender Nachholbedarf bestehe dagegen bei der eigenen Risiko- und Solvabilitätsbeurteilung (ORSA: Own Risk and Solvency Assessment) unter dem Regime von Solvency II. „Nur knapp ein Viertel nutzt bisher interne Stresstests und Szenarioanalysen zur Bewertung der Nachhaltigkeitsrisiken“, kritisierte Grund. Konkrete Klimawandelrisiko-Szenarien habe nur etwa jedes zehnte Unternehmen im Blick.

Die BaFin erwartet, dass bereits 2022 alle ORSA-Berichte Aussagen zu den Auswirkungen des Klimawandels enthalten. Schätzten die Unternehmen die Risiken für sich als wesentlich ein, seien diese im ORSA in angemessenen Szenarien zu berücksichtigen. Würden Risiken als nicht wesentlich eingestuft, müsse dies begründet werden. „Der Versicherungssektor ist noch lange nicht am Ziel, daher sind Nachhaltigkeitsrisiken auch 2022 ein strategischer Schwerpunkt der Versicherungsaufsicht“, betonte Grund.

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Viel Engagement, aber kaum Green Bonds

Bereits Anfang 2021 hat sich die deutsche Versicherungswirtschaft das Ziel ausgegeben, den CO2-Fußabdruck ihrer Kapitalanlagen schrittweise zu reduzieren und 2050 Treibhausgas-Neutralität zu erreichen. Die Branche will Kapitalanlagen insgesamt stärker an Nachhaltigkeitskonzepten ausrichten, wie Ausschlusslisten, Best-in-Class, Engagement und ESG-Integration. Viele Versicherer seien auch in internationalen Initiativen wie den Principles for Responsible Investment (PRI) und der Net-Zero Asset Owner Alliance (AOA) engagiert. Die BaFin begrüßt dies, da verantwortungsvolle Kapitalanlage und Anwendung von ESG-Konzepten auch dazu beitrügen, das Rendite-Risiko-Profil des Anlageportfolios zu verbessern.

Der Anteil nachhaltiger Kapitalanlagen ist bei deutschen Versicherern allerdings noch sehr gering, merkte Grund an. Nur elf Prozent der von der BaFin befragten Versicherer investierten in nachhaltige Anleihen, die erst ein Prozent der gesamten Kapitalanlagen ausmachen. Häufig mangele es an geeigneten Anlagemöglichkeiten, Suche und Vergleich verursachten zudem oft hohe Kosten.

EU-Kommission zu Standards und Infrastruktur-Anlagen

EU-Rat und -Parlament beraten derzeit über Vorschlag der EU-Kommission für einen European Green Bond Standard (EUGBS), einen Goldstandard für „grüne“ Anleihen, der auch eine Zertifizierung vorsieht, berichtete Grund. Versicherer als Investoren hätten es damit leichter, die positiven Umweltauswirkungen anleihebasierter Anlagen zu ermitteln und verschiedene grüne Anleihen auf dem Markt zu vergleichen. „Zudem könnte Zertifizierung dem Risiko von Greenwashing entgegenwirken“, betonte der Aufseher.

Darüber hinaus plant die EU-Kommission laut Grund, die Finanzierung langfristiger Infrastrukturinvestitionen zu verbessern, und will die Bedingungen vereinfachen, unter denen Investitionen in Aktien, auch über Infrastrukturfonds, als „langfristig“ behandelt werden und damit einem günstigeren Risikofaktor als bisher unterliegen könnten. Die BaFin will aber weiter Anpassungen der Solvenzkapital-Anforderungen nur dann akzeptieren, wenn die Anpassungen risikobasiert erfolgen und sich das belegen lässt, stellte Grund klar.

Bald technische Standards verfügbar?

Zur Transparenz auch bei nachhaltigen Investments dient die Offenlegungs- und Taxonomie-Verordnung. Offenlegungspflichten stellten Unternehmen derzeit vor große Herausforderungen: "Es fehlen konkretisierende technische Standards", bemängelte Grund. Noch im ersten Halbjahr 2022 will die EU-Kommission diese Standards in einer Delegierten Verordnung herausbringen, die ab 1. Januar 2023 angewendet werden soll. Damit hätten es auch Vermittler von Versicherungsanlageprodukten leichter.

Das Thema Nachhaltigkeit wird Versicherer und Aufsicht auch in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen, blickt Grund voraus. Erst vor wenigen Wochen hat die Plattform für nachhaltige Finanzen der EU-Kommission einen englischsprachigen Bericht veröffentlicht, der als erster Schritt zur geplanten Taxonomie-Verordnung für sozial nachhaltige Aktivitäten verstanden werden darf, meint Grund.

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