Nachhaltige Gewerbe-Versicherungen: „Makler sollten als Risikoberater in die Beratung einsteigen“
procontra: Warum ist Nachhaltigkeit im Markt für Gewerbeversicherungen überhaupt ein Thema?
Jan Roß: Als einer der großen Gewerbeversicherer in Deutschland erhalten wir sowohl von Kunden als auch von Versicherungsmaklern das Signal, dass das Thema Nachhaltigkeit in allen Lebens- und Geschäftsbereichen immer präsenter wird. Nachhaltigkeit ist eben kein kurzfristiger Trend, sondern die Prämisse, unter der Gewerbetreibende alle zukünftigen Entscheidungen abwägen.
procontra: Das bedeutet?
Roß: Aus der Zusammenarbeit zwischen Versicherungsunternehmen und Gewerbetreibenden kann eine gemeinsame Verantwortung entstehen, genau solche Ressourcen zu schützen und bei Bedarf wieder aufzubauen. Das ist streng genommen sogar der Kern von Versicherungen und zeigt sich heute in konkret nachhaltigen Lösungen in der betrieblichen Altersvorsorge, aber auch bei der Absicherung der Unternehmen selbst. Angefangen in der Zeichnungspolitik bis hin zur Lösung für E-Mobilität des Unternehmens. Dabei sollte aus unserer Sicht auch das Versicherungsunternehmen selbst eine verantwortungsvolle Position im Umgang mit Nachhaltigkeit einnehmen.
procontra: Wie lässt sich Nachhaltigkeit im Gewerbemarkt umsetzen?
Roß: Nachhaltigkeit ist in vielen Bereichen des Versicherungsvertriebs zu beachten. Dies beginnt bereits dabei, dass Makler schon im Beratungsgespräch die Nachhaltigkeitspräferenzen des Kunden erfragen und diese bei ihren Produktangeboten in den Vordergrund stellen. Anschließend müssen wir als Versicherer passende Produktlösungen und Schadenabwicklungsprozesse anbieten, die Nachhaltigkeitsaspekte umfassen.
procontra: Was davon gibt es bei Zurich bereits?
Roß: Um kleine und mittelständische Unternehmen bei einer nachhaltigeren Ausrichtung zu unterstützen, haben wir die Absicherung von klimaschonenden Möglichkeiten wie Photovoltaik, Geothermie oder auch Ladestationen und Wall-Boxen für E-Fahrzeuge bereits in unseren Firmenschutz integriert. Im Schadenfall übernehmen wir außerdem die Mehrkosten, die aus der Verwendung umweltfreundlicher oder ökologischer Baustoffe stammen.
procontra: Welche Pläne gibt es darüberhinaus?
Roß: Wir haben den Anspruch, uns als eines der weltweit führenden Unternehmen im Bereich Nachhaltigkeit zu etablieren. Das Thema Nachhaltigkeit wurde in die weltweite Unternehmensstrategie implementiert. Wir zeigen dieses Engagement, weil wir wissen, dass etwas getan werden muss, um künftige drohende Katastrophen zu verhindern.
procontra: Schäden durch Extremwetterereignisse und Naturkatastrophen nehmen zu. Lassen sich solche Risiken langfristig überhaupt noch kalkulieren beziehungsweise bleiben die Prämien bezahlbar?
Roß: Die jüngsten Unwetterkatastrophen haben verdeutlicht, dass wir auch in Deutschland der Gefahr schwerer Naturkatastrophen ausgesetzt sind. Bisherige wie auch erwartbare Schadenereignisse bewegen sich – was den materiellen Schaden betrifft – noch in einem Rahmen, den wir aus anderen Regionen der Welt kennen. Exemplarisch sei hier auf die regelmäßig auftretenden Hurricanes in den USA verwiesen. Insoweit ist die Versicherungswirtschaft grundsätzlich durchaus in der Lage, derartige Schadenereignisse zu vertretbaren Kosten abzusichern. Allein das menschliche Leid, das wir in den vergangenen Monaten leider erfahren mussten, verdeutlicht allerdings, dass ein qualifizierter staatlicher Klimaschutz, mit einer entsprechenden Raumplanung und einem adäquaten Hochwasser- und Katastrophenschutz unabdingbar sind, um uns für den Umgang mit Naturkatastrophen zu rüsten und die entsprechenden Risiken auch längerfristig zu vertretbaren Kosten versicherbar zu machen. Ein einfaches „Weiter so“ darf es an dieser Stelle nicht geben.
procontra: Wie kann man sich bei Industrie- und Gewerbekunden als eine Art Nachhaltigkeitsberater positionieren?
Roß: Wir stellen unseren Geschäftspartnern beispielsweise ein Expertennetzwerk, Studien und verschiedene Tools zur Verfügung, damit Makler gemeinsam mit ihren Kunden über Nachhaltigkeitsaspekte sprechen und auf die Präferenzen des Kunden zugeschnittene Lösungen anbieten zu können. Ein Beispiel hierfür ist unser CO2-Abdruck-Rechner, um Kunden das Thema Nachhaltigkeit möglichst anschaulich zu machen.
Seite 1: Wie Makler sich als Nachhaltigkeitsberater positionieren könnenSeite 2: Wie der Aufbau von ESG-Expertise gelingen kann
procontra: Inwiefern unterscheiden sich die Herangehensweise bei großen Unternehmen auf der einen Seite und kleinen und mittleren Firmen auf der anderen Seite?
Roß: Gerade bei Großkunden findet die Beratung meist direkt mit dem Versicherer statt. Je kleiner der Kunde, desto mehr rückt hier die Beratungsleistung des Versicherungsmaklers in den Vordergrund. Wichtig ist hierbei, dass sich der Versicherer seiner Verantwortung bewusst ist, auch wenn er nicht direkt im Kontakt zum Kunden steht. Die Bereitstellung von Versicherungslösungen und Nachhaltigkeitskonzepten helfen hierbei in der Beratung des Segments der kleinen und mittleren Unternehmen.
procontra: Wie sieht die Rolle eines Maklers konkret aus?
Roß: Entscheidend ist, dass Makler ihre Kunden individuell auf ihre eigenen Bedürfnisse hin beraten. Dazu erhalten Makler viele Unterstützungsleistungen zu nachhaltigen Produkten und Services. Darüber hinaus stellen wir den Maklern über die Plattform digidor Nachhaltigkeits-Kampagnen zur Verfügung, die sie für ihre eigene Kundenkommunikation einsetzen und sich so als nachhaltige Makler positionieren können.
procontra: Wie kann ein Makler Gewerbekunden, denen ESG-Kriterien wichtig sind beraten? Und welches Know-how benötigt ein Maker dafür?
Roß: Makler sollten insbesondere fragen, welche Rolle das Thema Nachhaltigkeit für den Unternehmer spielt und auch in dieser Hinsicht als Risikomanager in die Beratung einsteigen. Zusätzlich ist es auf dem Gebiet der betrieblichen Altersvorsorge wichtig, mit den nachhaltigen Fonds- und Depotmodellen vertraut zu sein.
procontra: Wie kann diese ESG-Expertise aufgebaut werden?
Roß: Das funktioniert ganz unterschiedlich, nachhaltig zu beraten und sich selbst nachhaltiger auszurichten und vor allem eine eigene ESG-Expertise zu erlangen. Makler finden in unserem Maklerweb und Maklerimpuls eine Vielzahl an Informationen – auch zur eigenen Fortbildung. Konkret bieten wir darüber hinaus regelmäßig Webinare und Vor-Ort-Veranstaltungen zu unseren Tarifen und deren ESG-Ansätzen an.
procontra: Sie haben jetzt zweimal betriebliche Altersvorsorge erwähnt. Wie sehen denn hier die Nachhaltigkeitskonzepte aus?
Roß: Unsere gesamte Fondspalette wurde in den vergangenen Jahren bereits nachhaltiger ausgerichtet. Unter anderem bieten wir gemanagte Varianten – bei uns heißen diese Depotmodelle – speziell auch nur mit ESG-Fonds an. So kann der nachhaltige Kunde zwischen den ESG-Varianten Einkommen, Balance, Wachstum und Dynamik frei wählen – und das ohne Zusatzkosten gegenüber der individuellen Anlage. Das Besondere ist: Wir bieten diese ESG-Modelle nicht nur neuen Kunden an, sondern auch dem Großteil unserer Bestandskunden.
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