procontra: Frau Professor Dr. Steinorth, lohnt es sich für Versicherungsvermittler überhaupt, Kunden mit einem verhältnismäßig kurzen Zeigefinger anzusprechen?
Steinorth: Sie spielen auf die Korrelation an, dass Menschen, deren Zeigefinger kürzer als ihre Ringfinger sind, zu exzessiver Risikobereitschaft tendieren – der Kauf von Versicherungen hingegen aus unserer Risikoaversion heraus resultiert. Zu Individuen mit sehr hoher Risikobereitschaft gibt es allerdings bislang wenig Forschungsliteratur in Bezug auf Versicherungsnachfrage. Somit ist es schwer zu sagen, ob solche Menschen überhaupt keine Versicherungsprodukte kaufen würden – allerdings kauft man Versicherungen ja nicht nur für sich selbst. So kann es sein, dass manche Menschen zwar hohe Risiken einzugehen bereit sind und beispielsweise häufig ins Casino gehen, beim Schutz ihrer Familienangehörigen sich absichern wollen. Es ist zu beobachten, dass unsere Risikoneigung nicht immer einheitlich und konsistent ausfällt, sondern von Lebensbereich zu Lebensbereich abweichen kann.
Procontra: Aber wovon hängt es ab, wie risikobereit wir sind? Sind wir im Hinblick auf besagte Korrelation zwischen Fingerlänge und Risikobereitschaft hier nur „Opfer“ unserer Gene?
Steinorth: Jein. Unsere Bereitschaft, Risiken einzugehen, ist zum einen genetisch bedingt, zugleich aber auch durch unser Umfeld beeinflusst. So justieren wir bei Schockereignissen, wie beispielsweise der Finanzkrise 2007/08, unser Risikoverhalten neu, kehren aber nach einiger Zeit zu einer ähnlichen Risikoeinstellung zurück. Das spricht ja eher für eine uns inhärente, genetisch mitgegebene Risikoneigung. Zugleich gibt es aber auch Ereignisse, die unser Risikoverhalten dauerhaft und nachhaltig ändern – beispielsweise die eigene Hochzeit. Verheiratete Menschen gelten als risikoaverser als Alleinstehende – schließlich sorgen sie ja nicht nur für sich, sondern auch für ihren Partner beziehungsweise ihre Partnerin oder eine ganze Familie. Das familiäre Umfeld kann das eigene Risikoverhalten stark prägen.
Procontra: Spielen auch andere Bekannte eine Rolle? Passt man sich an, wenn der Freundeskreis dazu neigt, mehr bzw. weniger Risiken einzugehen?
Steinorth: Der sogenannte „Peer-Effect“ spielt auf jeden Fall eine Rolle. In diesem Zusammenhang hatten wir uns nach der Wende 1990 angeschaut, welche Auswirkungen der Zuzug vieler Menschen aus dem Osten in westdeutsche Kommunen mit sich brachte – und hier konnten wir tatsächlich Veränderungen feststellen. Unser Umfeld beeinflusst nicht nur unsere Wahrnehmungen und Einstellungen, sondern eben auch unser Risikoverhalten, gerade auch im Bezug zu unserem Finanzverhalten beziehungsweise unserer Altersvorsorge-Bereitschaft.
Procontra: Wie äußert sich das konkret?
Steinorth: Das kann sich zum Beispiel im Arbeitsumfeld widerspiegeln: Wenn in einer Firma mit umfangreichem bAV-Angebot das Thema von den Kollegen beziehungsweise wichtigen Personen in der Firmenhierarchie häufig angesprochen und diskutiert wird, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass man sich selbst für eine betriebliche Altersversorgung entscheidet.
Procontra: Dem Umfeld kommt also eine große Rolle zu. Welche Rolle spielen darüber hinaus zeitliche Ereignisse, wie beispielsweise die Finanzkrise 2008?
Steinorth: Auch Krisen beeinflussen das individuelle Risikoverhalten. So sind die Menschen in ökonomischen Krisenzeiten weit weniger bereit, Risiken einzugehen. So verstärken sie unter Umständen die Krisen sogar noch.
Procontra: Wie das?
Steinorth: Die Steigerung des Investitionsvolumens ist makroökonomisch betrachtet ja ein Weg aus einer ökonomischen Krise. Nicht umsonst setzt die Politik in Krisenzeit bewusst Anreize, um die Investitionstätigkeit der Bürger zu steigern. Wenn die Bürger aber in Krisenzeiten risikoaverser werden und häufiger auf Investitionen verzichten, hilft das nicht unbedingt dabei, die Krise eher hinter sich zu lassen.
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Procontra: Sie haben das ja im Hinblick auf die Finanzkrise 2008 untersucht. Lässt sich die steigende Risikoaversion der Menschen auch in der derzeitigen Corona-Krise beobachten?
Steinorth: Für Studien und Evidenzen ist es zu diesem Zeitpunkt natürlich noch zu früh. Allerdings haben ich und wahrscheinlich auch viele andere in ihrem Umfeld beobachten können, dass die Menschen gestresster wirken. Forschungsergebnisse zeigen hier klar, dass eine in Mitleidenschaft gezogene psychische Gesundheit die Risikoaversion erhöht. Der Einfluss, den die Corona-Pandemie zum einen auf die wirtschaftliche Situation, zum anderen aber auch auf die Volksgesundheit hat, lässt also erwarten, dass auch die Corona-Krise einen Einfluss auf das Risikoverhalten der Deutschen haben wird.
Procontra: Viele Versicherer hatten in den vergangenen Monaten mitgeteilt, dass die Menschen mehr Geld für Berufsunfähigkeits-, Krankenzusatz- und ähnliche Versicherungen ausgegeben haben – spiegelt sich hier die steigende Risikoaversion wider?
Steinorth: Wir sprechen in diesem Zusammenhang eher von der Risikowahrnehmung – durch die Corona-Krise ist das Risiko für viele Menschen plakativer und somit wahrnehmbarer geworden, zumindest bestimmte Risiken. Die Gesamtheit aller Risiken, denen er ausgesetzt ist, kann der Mensch gar nicht simultan erkennen – das übersteigt unsere kognitiven Fähigkeiten. Die Risikowahrnehmung ist folglich sehr selektiv. Durch die Corona-Krise wurden nun einige Risiken für die Menschen präsenter, zugleich stieg die Risikoaversion der Menschen und damit die Bereitschaft, für Versicherungsprodukte zu bezahlen.
Procontra: Die Krise ist somit also auch eine Chance?
Steinorth: Es gibt Bereiche, beispielsweise bei der Pflege oder der Berufsunfähigkeit, in denen man sich schon aus gesamtökonomischer Sicht wünschen könnte, dass die Menschen die in diesen Bereichen bestehenden Risiken stärker wahrnehmen würden. Sollte die Versicherungsindustrie, die sich hier bietende Chance allerdings dazu nutzen, den Menschen mehr Handyversicherungen zu verkaufen, würde dieses Verhalten politisch sicherlich nicht goutiert werden und sich mittelfristig auch negativ auf die Reputation der Versicherer auswirken.
Procontra: In Krisenzeiten scheuen die Menschen eher das Risiko, gleichzeitig zwingt das Niedrigzinsumfeld die Menschen dazu, mehr Risiken einzugehen, um noch eine Aussicht auf einträgliche Rendite zu haben. Wird das letztlich zum Problem?
Steinorth: Nicht unbedingt. Risikoaversion bedeutet ja nicht, dass der- oder diejenige überhaupt keine Risiken eingeht. Es bedeutet lediglich, dass das Risiko entsprechend kompensiert werden muss. Im Fall von Finanzanlagen wäre die Kompensation die Überrendite. Bei der Wahl zwischen einer sicheren und einer riskanten Geldanlage können sich auch risikoaverse Menschen für zweite entscheiden, wenn diese eine entsprechende Überrendite bietet. Steigt die Risikoaversion an, muss entsprechend auch die Überrendite wachsen, damit sich der Anleger oder die Anlegerin für dieses Investment entscheidet.
Zugleich haben wir ja momentan die Situation, dass die als sicher geltenden Anlagen aufgrund der niedrigen Zinsen weniger attraktiv werden. Dass kann also bei gleicher Risikoaversion des Anlegers beziehungsweise der Anlegerin dazu führen, dass diese sich für die risikoreichere Variante ausspricht. Demzufolge würde ich hier nicht von einem Problem sprechen.
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