procontra: Die Altersvorsorgepläne im Koalitionsvertrag der Ampel widersprechen sich. Einerseits soll ein Ersatz für die Riester-Rente gefunden werden, andererseits soll es einen neuen staatlichen Fonds in der dritten Säule geben. Wie ist das zu verstehen?
Alberto del Pozo: Ganz ehrlich, ich sehe die entsprechende Passage als Arbeitsverweigerung. Die Koalition erwähnt Buzzwords wie „staatlich organisierter Altersvorsorgefonds“ oder „privates Altersvorsorgeprodukt mit einer höheren Rendite als Riester“. Sie sagt aber nicht, was sie wirklich damit meint. Keiner kann aktuell sagen, was die Ampelregierung im Altersvorsorgebereich eigentlich möchte. Das spielt sicherlich mit rein, dass wir sehr unterschiedliche Konzepte im Wahlkampf hatten. Die Grünen wollten die Riester-Rente abschaffen, während die SPD nicht so weit gehen will. Das Thema der FDP war eher die Aktienrente, die nun mit diesem ersten Kapitalstock von zehn Milliarden Euro in der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) umgesetzt wird. Diese Regierung steht bisher für Stillstand in der Altersvorsorge. Das ist schade, denn es wäre unter anderem notwendig gewesen, die Riester-Rente und die betriebliche Altersvorsorge (bAV) neu zu gestalten.
procontra: Wenn die Ampelregierung beim Thema Altersvorsorge Arbeitsverweigerung betreibt, was soll die Branche machen?
del Pozo: Für die Branche ist der Stillstand tatsächlich ein großes Problem. Anbieter und Vermittler fragen sich: Sollen wir weiter Riester-Renten anbieten oder müssen wir uns auf einen Ersatz einstellen? Kommt dann noch ein staatlich verwaltetes Produkt in der dritten Säule, was mit unseren jetzigen Produkten konkurrieren würde? Seit der letzten Regierung aus CDU/CSU und SPD wartet die Branche vergeblich auf eine Reform der Riester-Rente. Dafür hat sie auch die richtigen Vorschläge gemacht, wie z.B. die Absenkung der Beitragsgarantie oder eine Vereinfachung des Zulagenverfahrens. Doch darüber ist sich die Koalition uneinig. Während die Grünen die Riester-Rente nicht mehr wollen, wollen SPD und FDP Riester, die immerhin 16 Millionen Menschen erreicht hat, nicht gleich ausradieren. Also macht die Politik das, was sie seit Jahren macht: Nichts. Für Riester-Sparer sind das keine gute Nachrichten, weil das Produkt schlichtweg unattraktiv geworden ist.
procontra: Warum lehnt die SPD eine notwendige Reform von Riester ab? Sie hat die Rente doch geschaffen!
del Pozo: Die SPD hadert mit ihrer Vergangenheit, und die Riester-Rente ist nur ein Punkt von vielen. Weitere sind etwa die Einführung von Hartz IV oder der Umgang mit Russland. Die Riester-Rente ist politisch verbrannt, weil sie seit Jahren von den Verbraucherschützern und weiten Teilen der Politik torpediert wurde. Da zählten keine logischen Argumente mehr. Dabei ist völlig klar, dass Beitragsgarantien in einem Umfeld mit kaum Zinsen keinen Sinn mehr ergeben. Es ist auch klar, dass Riester ein bürokratisches Monstrum ist. Doch viele Politiker sehen mit der Riester-Rente keine Möglichkeit mehr, sich zu profilieren. Zu stark ist mittlerweile der Gegenwind von Verbraucherschützern und der öffentlichen Meinung. Ganz los werden sie die Riester-Rente mit über 16 Millionen Sparern aber auch nicht. Denn was soll die Branche mit dem Bestand ohne sinnvolle Reform machen? Die Politik hat es versäumt, die Riester-Rente vor Jahren in die richtige Richtung zu drehen und nun steckt sie in einem Dilemma. Eine Lösung bleibt sie schuldig.
procontra: Was sind die Chancen, dass Anbieter von privaten Produkten mit einem staatlichen Altersvorsorgefonds konkurrieren müssen?
del Pozo: Auch das ist ein gut gehütetes Geheimnis der Koalition. Ihr Regierungsvertrag spricht von einem Prüfantrag. Doch wie er ausgeht, weiß keiner. Auch hier hat die Politik den völlig falschen Ansatz. Ein staatlicher Fonds hat aus ordnungspolitischen Gründen in der dritten Säule nichts zu suchen. Außerdem stimmt es nicht, wenn die Verbraucherschützer behaupten, dass es in der dritten Säule nur Produkte gibt, die zu teuer oder renditenarm sind. Allein in den letzten fünf Jahren ist ein massiver Boom bei ETFs festzustellen. Dank der zeitgleichen Digitalisierung können Neobroker ETF-Sparpläne für 15 Basispunkte anbieten, und jeder Anleger kann ganz bequem auf seinem Smartphone ein Depot eröffnen und verwalten. Auch auf der Versicherungsseite gibt es Produkte, die beispielsweise 70 oder 80 Basispunkte kosten.
Seite 1: Warum kommt die Regierung beim Thema Altersvorsorge nicht vom Fleck?Seite 2: Wie steht es um die "Nahles-Rente"?Seite 3: GRV: Was müsste sich ändern?
procontra: Auch in der bAV herrscht Stillstand. Die gut gemeinte, aber sehr komplizierte „Nahles-Rente“ kommt nicht vom Fleck. Warum?
del Pozo: Die Rente inkludierte einen sehr sinnvollen Vorschlag, nämlich das Ersetzen der Beitragsgarantie in der bAV durch eine Zielrente, die nicht garantiert ist. Aber hier haben wir Arbeitnehmervertreter, die anscheinend ein Problem damit haben, dass ein betrieblicher Kunde das Kapitalmarktrisiko ein Stück weit tragen muss. Aber seien wir doch ehrlich: Die Beitragsgarantie macht die aktuellen bAV-Produkte genauso unattraktiv wie die Riester-Rente. Jedenfalls ist die Nahles-Rente ins Stocken geraten, weil die AN-Vertreter dafür bei ihren Mitgliedern nicht werben. Es kommt noch hinzu, dass die bAV mit fünf Durchführungswegen für mittelständische Unternehmen viel zu komplex ist.
Die Politik hätte den Bereich vor Jahren vereinfachen müssen, auch weil einige Durchführungswege keine Marktberechtigung mehr haben. Zwischen der Garantie auf der einen Seite und der Komplexität auf der anderen Seite können sich viele mittelständische Firmen für die bAV nicht erwärmen. Die Folge: Die Durchdringung von Betriebsrenten ist nicht besser als die der Riester-Rente.
procontra: Vielleicht hat die Mutlosigkeit damit zu tun, dass die Politik nur noch auf die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) für die Altersabsicherung setzt…
del Pozo: Wenn dem so ist, wird der Staat bald komplett überschuldet sein. Man muss nur sehen, dass fast ein Drittel der gesamten Steuereinnahmen mittlerweile zur Stützung der gesetzlichen Rente aufgewendet werden muss. Über 100 Milliarden Euro fließen auch dieses Jahr wieder in die GRV, Tendenz steigend. Dieser immense Geldbetrag fehlt dem Staat für wichtige gesellschaftspolitische Projekte. Jeder Politiker spricht davon, mehr in Bildung, in nationale Infrastruktur, in die Ökologisierung der Wirtschaft und neuerdings auch in die Verteidigung investieren zu wollen. Wie soll das alles finanziert werden, wenn von den gesamten Steuereinnahmen immer rund ein Drittel gar nicht zur Verfügung steht, weil wir es für die GRV benötigen? Steuererhöhungen sind angesichts der bereits hohen Steuerlast nicht ratsam. Immer mehr Schulden machen geht auch nicht, weil wir damit künftige Generationen erheblich belasten. Die Politik muss die GRV reformieren, um zukünftig wieder mehr finanziellen Spielraum zu haben.
Seite 1: Warum kommt die Regierung beim Thema Altersvorsorge nicht vom Fleck?Seite 2: Wie steht es um die "Nahles-Rente"?Seite 3: GRV: Was müsste sich ändern?
procontra: Wie könnte die GRV Ihrer Meinung nach reformiert werden?
del Pozo: Die Politik müsste die Steuerzuschüsse zurückfahren, denn sonst fehlt das Geld für elementare Zukunftsthemen. In der GRV müssen wir auch sehen, dass wir die Rentenhöhe stärker nach der Einkommenssituation differenzieren. Diejenigen, die während des Berufslebens aufgrund von niedrigen Löhnen wenig bis gar nichts in der zweiten oder dritten Säule sparen konnten, sollten eine höhere Rente bekommen als die, die während ihres Berufslebens bessergestellt waren und größere finanzielle Spielräume hatten, um auch privat und betrieblich vorzusorgen. In der GRV gibt es das Äquivalenzprinzip. Wer mehr zahlt soll auch mehr bekommen. Doch angesichts der hohen Steuerzuschüsse, um die Renten überhaupt noch auszahlen zu können, muss es hier zu einer sozialgerechten und gut austarierten Umverteilung kommen.
procontra: Statt notwendige Reformen bekommen wir mehr Komplexität in der Altersvorsorge. Die EU hat den Pan-European Pension Plan (PEPP) lanciert. Bislang ist der PEPP aber ein Flop - warum?
del Pozo: Diese vermeintliche eierlegende Wollmilchsau - nämlich eine Rente, die günstig ist, in der EU völlig portabel sein soll und gar Inflationsschutz bietet - ist in der Realität nicht umzusetzen. Nehmen wir den Inflationsschutz als Beispiel: Im aktuellen Umfeld, in dem die Inflation wegzugaloppieren scheint, ist dieser Schutz nicht machbar. Eine Studie des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften bestätigt dies. Von daher kann ich verstehen, dass sich die Anbieter schwer tun mit dieser PEPP-Vorgabe. Das größere Problem ist jedoch, dass ich ein europäisches Produkt habe, für das ich als Kunde aktuell gar keine Förderung erhalte. Solange nicht jedes Land das PEPP in seine Förder- und Steuersysteme integriert, wird es auch kein massentaugliches Produkt geben. Auch stellt sich die Frage, ob man das PEPP überhaupt benötigt. Hauptargument für die Einführung des PEPP war die europaweite Portabilität. Aber wirklich viele Arbeitnehmer, die den Job innerhalb der EU wechseln werden und ein solches Produkt benötigen, sehe ich nicht. Die EU hätte bei PEPP zunächst klären sollen, wie viele Mitgliedsstaaten bei der Europa-Rente mitmachen würden. Somit hätte man in diesen Staaten die Förderung und die Besteuerung des Produktes angleichen können.
procontra: Angesichts der mangelnden politischen Führung muss man sich offenbar um seine eigene Absicherung kümmern. Kann man in diesem schwierigen Umfeld eine Aktienanlage empfehlen?
del Pozo: Wir haben eine sehr lange Börsenhistorie, die natürlich durchtränkt ist von punktuellen Krisen. Aber wir sehen, dass die Kapitalmärkte langfristig widerstandsfähig bleiben und sehr gut funktionieren. Trotz aller Krisen in der Vergangenheit konnten Sparer vom Aktienmarkt immer attraktive Renditen von sechs Prozent und mehr jährlich erwarten. Für die Altersvorsorge ist eine Aktienanlage prädestiniert, weil der Sparer das Geld eben nicht in den nächsten drei, fünf oder sieben Jahren braucht, sondern erst in 30 oder 40 Jahren.
procontra: Wie hilft myPension dem Sparer bei seiner Altersabsicherung weiter?
del Pozo: Bei uns bekommt der Kunde zu Vertragsbeginn, ein rein aktienbasiertes ETF-Weltportfolio. Das ETF-Portfolio investiert breit diversifiziert in alle relevanten Anlageklassen der Welt zu sehr günstigen Konditionen. Inklusive ETF- und Verwaltungskosten liegen wir unter 70 Basispunkten zuzüglich einer Jahresgebühr von 36 Euro. Zehn Jahre vor Rentenbeginn fangen wir an, Aktien in Anleihen umzuschichten, aber auch das ist eine freiwillige Option. Wir haben uns auch bewusst für eine ETF-Police entschieden um die Steuervorteile einer Altersvorsorgelösung nutzen zu können. Somit vermeiden unsere Kunden – anders als bei ETF-Sparplänen oder Robo Advisors - die Abgeltungssteuer. Unser Produktkonzept findet auch immer mehr Interessenten im B2B-Bereich, weshalb wir unsere voll digitalisierte Versicherungsplattform zunehmend für Versicherer, Vertriebe, Maklerpools aber auch Vermittler im Bereich der fondsgebundenen Renten öffnen werden.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, abonnieren Sie unseren täglichen kostenlosen Newsletter für weitere relevante Meldungen aus der Versicherungs- und Finanzbranche!
Seite 1: Warum kommt die Regierung beim Thema Altersvorsorge nicht vom Fleck?Seite 2: Wie steht es um die "Nahles-Rente"?Seite 3: GRV: Was müsste sich ändern?

