Fachkräfte-Zuzug: Bald nach kanadischem Vorbild?

Die Koalition will den Zuzug von Fachkräften erleichtern und erneut das Einwanderungsrecht reformieren. Ohne unbürokratische Neujustierungen drohen bis zu fünf Millionen Arbeitsplätze bis 2035 unbesetzt zu bleiben.

Während in Niedersachsen Zehntausende Pflegekräfte dringend gesucht werden, müssen Fachkräfte aus dem Ausland mehrere Monate oder teilweise länger als ein Jahr auf ihre Anerkennung warten, kritisiert der Pflegearbeitgeberverband BPA. Das ist ein Problem, denn: „In den nächsten zehn Jahren (müsse man) den demografisch bedingten Wegfall von vier bis fünf Millionen Arbeitskräften kompensieren“, sagte DIHK-Präsident Peter Adrian kürzlich dem Handelsblatt.

Tatsächlich sollte das erst im März 2020 in Kraft getretene Fachkräfteeinwanderungsgesetz den Zuzug von beruflich Qualifizierten (ausgenommen: Geflüchtete) erleichtern. Allerdings müssen diese, bevor sie in Deutschland arbeiten dürfen, im Regelfall nachweisen, dass ihre Qualifikation vergleichbar mit einem in Deutschland verlangten Berufsabschluss ist. Die zuständigen Behörden oder Kammern haben jedoch nur rund 59.000 Anerkennungsverfahren bearbeitet: 44.800 im Ausland erworbene Berufsabschlüsse wurden demnach vollständig oder mit Abstrichen anerkannt.

Leichtere Einreise zur Jobsuche in Deutschland

Daher will die Koalition jetzt nachschärfen: So sollen Berufserfahrene künftig auch ohne Arbeitsvertrag zur Jobsuche nach Deutschland einreisen dürfen, und zwar unter zwei Bedingungen:

Dann können sie sich in Deutschland Arbeit suchen, das für die Anerkennung als Fachkraft fehlende Wissen nachholen und eine Aufenthaltserlaubnis bekommen.

Erleichtern will die Ampelkoalition auch die Einwanderung von Fachkräften mit bereits anerkannter Qualifikation. Diese soll künftig auch die Beschäftigung in einem fachfremden Beruf ermöglichen. Ein gelernter Metzger könnte also dann beispielsweise auch einen Job im Finanzvertrieb annehmen. Hauptsache, er bringt einen in Deutschland anerkannten Berufsabschluss mit.

Sinkende Verdienstschwellen für Akademiker

Außerdem sollen für Hochschulabsolventen, die über eine sogenannte Blaue Karte nach Deutschland kommen, die Verdienstschwellen gesenkt werden. Aktuell gilt eine Mindestgehaltsgrenze von 56.400 Euro brutto im Jahr. Ende 2021 gab es rund 70.000 Inhaber einer Blauen Karte EU, die an hochqualifizierte Ausländer mit Hochschulabschluss vergeben wurden.

Danach könnten Bewerber, die einen Arbeitsvertrag fest in Aussicht haben, bald zu größeren Teilen nach ihrer Einreise das Verfahren zum regulären Aufenthaltstitel betreiben. „Die Richtung stimmt“, sagt Johannes Vogel, stellvertretender FDP-Vorsitzender und zugleich Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion. Er will als zweite Säule für die Fachkräfteeinwanderung ein Punktesystem nach kanadischem Vorbild verankern.

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Punktesystem für selbst organisierte Einreise

Das bedeutet: Der Weg zu selbst organisierter Einwanderung würde geöffnet. Dazu müssen Bewerber zwar ein gesetzlich definiertes Anforderungsprofil nach hiesigen Bedürfnissen erfüllen, aber im Gegensatz zur jetzigen Rechtslage nicht schon einen konkreten Arbeitsvertrag in Aussicht haben. Die Idee dahinter: Wer jung ist und gut deutsch spricht, soll in jedem Fall die Chance bekommen, sich auf dem hiesigen Arbeitsmarkt zu erproben, ohne zwingend schon von seiner Heimat aus Vertragsverhandlungen mit einem deutschen Betrieb führen zu müssen.

„In Kanada werden mehr als 60 Prozent der Einwanderer über diesen Weg gewonnen“, erklärte Vogel kürzlich gegenüber der „Frankfurter Allgemeine“. Hintergrund: Konkret würden verschiedene Kategorien definiert, in denen potentielle Einwanderer durch günstige Eigenschaften Punkte sammeln können; wer die Mindestpunktzahl erreicht, bekommt die Chancenkarte und darf zur Arbeitssuche einreisen. Typischerweise werden gute Sprachkenntnisse sowie Bildungsabschlüsse mit Punkten honoriert. Zudem gibt es für jüngere Bewerber mehr Punkte als für ältere, da sie ein längeres Arbeitsleben vor sich haben.

Kanadisches Vorbild bald deutsche Praxis?

Eine Besonderheit des Punktesystems ist, dass man die Hürden auf unterschiedliche Weise nehmen kann: Wer sehr gut Deutsch spricht, braucht weniger formale Qualifikationen. Hochqualifizierte kommen hingegen auch mit weniger Deutschkenntnissen zum Zuge. Konkret soll die Chancenkarte dazu berechtigen, ein Jahr nach Deutschland zu kommen, um hier Arbeit zu suchen, ohne allerdings Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. Wer eine geeignete Arbeit gefunden hat, erhält dann Zugang zu weitergehenden Aufenthaltstiteln, bis hin zur Niederlassungserlaubnis.

Die Detailgespräche der Koalitionäre zur Novellierung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes (FEG) beginnen in Kürze. Im Herbst sollen die Eckpunkte der Reform vorgestellt werden. Vogel hält Eile für geboten. Die Personalnot an den Flughäfen, die Tausende Urlauber in diesem Sommer an den Flughäfen leidvoll zu spüren bekamen, war nur ein Vorbote dessen, was noch auf uns zukommt“, betont der FDP-Politiker.

Ersatz für ausscheidende Babyboomer

Allmählich erreichten die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer, also die zwischen 1957 und 1969 Geborenen, die Altersrente. „Dann gehen bis über 2030 hinaus erst einmal jedes Jahr mehr Beschäftigte neu in den Ruhestand als im Jahr zuvor“, rechnet Vogel vor.

Was dies für den Arbeitsmarkt heißt, illustriert auch dieser Vergleich: Fast 1,1 Millionen Menschen in Deutschland sind derzeit zwischen 64 und 65 Jahre alt, verabschieden sich also bald aus dem Beruf in die Altersrente. Ihnen stehen – ohne qualifizierte Zuwanderung - nur 740.000 Menschen zwischen 14 und 15 Jahren gegenüber, die bald auf freiwerdende Arbeitsplätze nachrücken könnten.

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