Europarente: „Nicht Brüssel macht die Tarife teuer, das sind die Versicherer selber“

Erneut wird heftige Kritik an der Europarente geübt, dieses Mal allerdings geht es gegen die Versicherer. Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten wirft ihnen vor, kein angemessenes Produkt auf den Markt bringen zu wollen. Der Grund: die Geldgier der Branche.

Europarente: „Nicht Brüssel macht die Tarife teuer, das sind die Versicherer selber Bild: BdV

Bekannt für offene Kritik an der Versicherungsbranche: Axel Kleinlein, Vorstandsprecher vom Bund der Versicherten. Bild: Bund der Versicherten (BdV)

Vor wenigen Tagen ist der Startschuss für die sogenannte Europarente gefallen – begleitet von großem Ungemach. Die Anforderungen für das von der EU initiierte paneuropäische private Pensionsprodukt, kurz PEPP, seien zu hoch, kritisierte Votum-Vorstand Martin Klein. Die EU fordert einen Inflationsausgleich sowie den Vertrieb als Garantieprodukt. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Zinsflaute sei es allerdings für Versicherer schlicht unattraktiv, ein solches Produkt aufzulegen. Klein nannte die Einführung der Europarente einen „Fehlstart“: „Wenn EU-Gesetzgeber und Regulatoren mit unrealistischen Wunschvorstellungen selbst Produktentwickler spielen, dürfen sie sich nicht wundern, dass der Markt nicht folgt.“

Auch der Bund der Versicherten (BdV) übt scharfe Kritik, allerdings an der Versicherungsbranche selbst: „Anstatt zuzugeben, dass sie unfähig sind, akzeptable Tarife aufzulegen, schießen nun Teile der Branche gegen Brüssel“, so BdV-Vorstandssprecher Axel Kleinlein. Er moniert, die Hürden seien – aus Verbraucherschutzsicht – gar nicht besonders hoch, aber die Angebote der deutschen Versicherer würden dennoch „versagen“. Die Devise der Assekuranzen: „Europa hat sich gefälligst an dem zu orientieren, was wir wollen“, wirft Kleinlein den Versicherern vor. Damit diskreditiere die Branche das europäische Projekt, während sie ihre eigene Verantwortung verkenne. „Nicht Brüssel macht die Tarife teuer, das sind die Versicherer selber“, erklärt er. Versicherer, die aufgrund der Kosten argumentieren, das Produkt sei nicht umsetzbar und die gleichzeitig genau daran aber nichts ändern wollen, argumentieren aus seiner Sicht unredlich.

Kleinlein: Versicherer und Vermittler zu gierig?

Kleinlein nutzte den Anlass, um den aus seiner Sicht existierenden Hang zur Habsucht auf Seiten der Branche zu geißeln und beruft sich dabei auf die BaFin, die kürzlich zum Thema Fondspolicen von Lebensversicherern ein niederschmetterndes Urteil fällte: In ihrer Untersuchung bemängelt die Aufsichtsbehörde ein unangemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis der Anlageprodukte. Demnach würden beispielsweise hohe Provisionszahlungen der Fondsgesellschaften an die Versicherer und Vermittler verhindern, dass Kunden das für sie beste Produkt angeboten werde. Diesen Aufhänger nutzt Kleinlein nun und mahnt, die Lebensversicherer seien „zu gierig, als dass sie einem vernünftigen europäischen Standard genügen könnten. Oder sind es die Vermittler, die die Hände zu weit aufhalten?“

Trotz aller Unkenrufe hatte am Montag das Berliner Altersvorsorge-Start-Up Vantik angekündigt, ein PEPP-Produkt auf den Markt bringen zu wollen. Das Unternehmen stelle derzeit die technischen Voraussetzungen sicher und beschaffe die notwendigen Genehmigungen für die Einführung des Produkts. Vantik-Gründer Til Klein, der zudem Mitglied im Europarente-Expertenrat ist, ist überzeugt, dass durch flexible Anlagemöglichkeiten, die die Europarente biete, auch mehr Rendite erzielt werden könne. Nicht nur Versicherer könnten künftig, so Klein, mit der Europarente eine Altersvorsorge anbieten, sondern auch Banken und Vermögensverwalter.

Indessen schätzt das Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften (Ifa) die Chancen für eine umfangreiche Verbreitung als gering ein, eben weil das Interesse der Versicherer an dem Produkt aufgrund der Garantieforderung marginal bleibe. Der GDV schlug in dieselbe Kerbe, ein Sprecher des Verbands prognostizierte gegenüber procontra: „Wir gehen allenfalls von einer geringen Nachfrage und einem geringen Angebot aus.“

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