„Die Formel 1 ist nicht versicherbar“

Vor wenigen Tagen gewann Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton den Großen Preis von Russland, Fahrzeuge im Wert von mehreren Millionen Euro waren dabei im Einsatz. Versicherungsschutz ist für solche High-End-Automobile keine Option. Für welche Rennen es stattdessen Policen gibt und wie Rennfahrer den Motorsport am besten versichern – darüber sprach procontra mit dem Prokuristen Marco Melzer von der Bauer AG Versicherungsmakler.

procontra: Herr Melzer, seit 20 Jahren versichert die Bauer AG das Rennsport-Segment. Wie kam es zu dieser Spezialisierung?

Marco Melzer: 1998 hat ein Freund unseres Vorstands, Hans-Dieter Bauer, gefragt, ob wir die Versicherung eines Fahrzeugs für einen Renneinsatz übernehmen könnten. Zu diesem Zweck kombinierten wir damals eine Landkasko und eine Transportversicherung miteinander. Das war die Geburtsstunde für unsere Spezialisierung auf den Rennsport-Bereich. Das von uns erstellte Bedingungswerk wurde schließlich von der Versicherungswirtschaft anerkannt – und dann ging es Schlag auf Schlag weiter. Im selben Jahr haben wir für den ersten Porsche-Carrera-Cup Fahrzeuge versichert, die waren weltweit im Einsatz. Daraufhin waren wir im Handbuch von Porsche als Versicherungspartner gelistet. Von da an hat das Ganze Fahrt aufgenommen.     

procontra: Haben Sie selbst einen Bezug zur Zielgruppe und sind beispielsweise auch im Rennsport tätig?

Melzer: Ich bin nie als Profi Rennen gefahren, aber der Rennsport ist ein Hobby von mir, ich bin immer wieder privat auf Rennstrecken unterwegs. Wer als Makler in einem so spezialisierten Bereich arbeitet, muss eine Affinität zu dem Sport haben. Hier geht es nicht nur darum, Vertragswerke für Versicherungen zu wälzen, man muss dieselbe Sprache wie die Kunden sprechen. Bei mir hat sich schon in der Kindheit vieles um Autos gedreht. Aktuell besitze ich beispielsweise einen Oldtimer, in die Restaurierung investiere ich viel Zeit.

procontra: Wie groß ist denn die Zielgruppe und wie lässt sie sich am besten erreichen?

Melzer: Die Rennkasko und die Unfallversicherung für Rennfahrer ist in unserem Maklerunternehmen nur eine Teilsparte, unser Fokus liegt auf dem geschäftlichen und dem industriellen Bereich. Wir versichern große Autohäuser und Kfz-Teile-Zulieferer, Porsche, Mercedes, Aston Martin zählen zu unseren Kunden. Darüber erreichen wir die Zielgruppe der Rennsportler. So gibt es beispielsweise viele Geschäftsführer, deren Hobby die Teilnahme an Rennen ist. Oft kommen sie von sich aus auf uns zu, sie kennen uns ja schon. Die Profi-Rennfahrer erreichen wir ebenfalls über unser Hauptgeschäft und wir sind deutschlandweit für diese Zielgruppe sicher der größte Anbieter. Das Versichern des Rennsports ist ein Riesen-Geschäft, die Prämien liegen im mehrstelligen Millionenbereich.       

procontra: Demnach versichern sie sowohl Profi- wie Hobby-Rennfahrer.

Melzer: Ja. Mit unserem Produkt „Rennkaskoversicherung“ richten wir uns an professionelle Fahrer, die eine gültige Rennlizenz besitzen. Unfallversicherungen hingegen können wir nur für Hobby-Rennfahrer anbieten. Das Unfallrisiko für Profis übernimmt kein Versicherer. Theoretisch könnte man eine Deckung über das Ausland bekommen, aber das führt zu rechtlichen Problemen. Deshalb machen wir das nicht.  

procontra: Hobby-Fahrer bekommen bei Ihnen eine spezielle Motorsport-Unfallversicherung. Warum reicht hier keine „normale“? Wo liegen die Unterschiede? 

Melzer: In der klassischen Unfallversicherung sind Deckungsausschlüsse für bestimmte Berufsgruppen vorgesehen. Wer aktiv an Motorsportrennen teilnimmt, ist vom Versicherungsschutz ausgeschlossen. Deshalb arbeiten wir mit speziellen Versicherern zusammen, die auch mit Hobby-Rennsportlern Verträge abschließen. Wichtig ist hier, dass die Invaliditäts- und Todesfallabdeckung mit drin ist.

procontra: Neben den Fahrern versichern Sie auch Fahrzeuge. Von welchen Werten sprechen wir hier?

Melzer: Unser Hauptgeschäft sind die sogenannten GT3-Fahrzeuge, da geht es um Netto-Neupreise von 450.000 bis 550.000 Euro. In der Regel versichern wir diese Fahrzeuge aber nicht zum vollen Neuwert, stattdessen liegen die gängigen Versicherungssummen zwischen 150.000 und 200.000 Euro. Es wäre unsinnig, diese Fahrzeuge zu 100 Prozent zu versichern. Denn dass bei einem Rennen das komplette Fahrzeug zerstört wird, ist einfach unwahrscheinlich. Und häufig lassen sich Karosserie und Motor nach einem Unfall noch verwenden. Hinzu kommt: Die Fahrzeuge müssen für jedes Rennen versichert werden. Da kommen Deckungssummen von 1,8 Millionen Euro pro Saison zusammen. 

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procontra: Wie sind die Preisunterschiede zu einer „normalen“ Kasko-Versicherung? Das Risiko ist ja schließlich um einiges größer. 

Melzer: Die Prämien der Rennkasko sind mit einer klassischen Kfz-Vollkaskodeckung natürlich nicht vergleichbar, das Schadenpotential im Renneinsatz ist ungleich höher. Je nach Fahrzeugwert und Rennserie kann der Beitrag das 40fache einer normalen Kaskodeckung betragen.

procontra: Hängt der Preis für eine Kasko- beziehungsweise Unfallversicherung auch von der jeweiligen Rennsport-Serie ab? Sicher werden die Versicherer einige Rennsport-Events als risikoreicher erachten als andere. 

Melzer: Die Tarifierung ist insgesamt sehr komplex und individuell. Da kommt es auf die Fahrzeugart, den Fahrzeugtyp, die Rennserie und die Rennstrecken an. Natürlich spielt auch die Fahrfähigkeit, die Rennhistorie, die Vorschadensituation des Fahrers bei der Einstufung eine Rolle. Und: Wird ein professioneller oder semi-professioneller Fahrer versichert? In der Regel bekommen Profi-Rennfahrer bessere Konditionen als semi-professionelle Fahrer oder Amateure. Dabei wird grundsätzlich jeder Tarif individuell auf die jeweilige Anfrage hin taxiert. Wenn es bereits viele Vorschäden auf einer Rennstrecke gab, wie zum Beispiel auf dem Kurs in Bathhurst in Australien, dann fällt die Tarifierung höher aus bzw. muss die Selbstbeteiligung erhöht werden. Ebenso ist das bei engen Startkursen der Fall, da ist das Schadenpotential ungleich höher und irgendwann zeichnen Versicherer dieses Risiko gar nicht mehr. Auch Rennen innerhalb einer Stadt werden höher eingestuft, denn da rauschen die Fahrzeuge schon mal schnell in Leitplanken hinein. Dabei gilt: Der Versicherer kann nur kalkulierbare Risiken in Deckung nehmen. In der Unfallversicherung wird nach Höhe der Versicherungssumme für Invalidität- und Todesfallleistung tarifiert.  

procontra: Immer wieder liest man von Unfällen bei Motorsport-Veranstaltungen, bei denen Zuschauer zu Schaden gekommen sind. Wie schwierig ist es dadurch, Haftpflichtschutz für Events zu bekommen? 

Melzer: Solche Unfälle sind schrecklich, aber es handelt sich dabei um tragische Einzelfälle. Gemessen an der enormen Anzahl von Motorsportveranstaltungen ereignen sich erfreulicherweise nur wenige solcher Schäden. Wegen des Versicherungsprinzips – also viele Versicherte zahlen Versicherungsprämien und einige wenige haben dann den Schaden und bedienen sich aus dem Topf – ist eine Deckung für Haftpflichtversicherungen im Motorsport am Markt erhältlich. Und das auch zu vernünftigen Konditionen. Es gibt Spezialversicherer, die sich auf die Motorsport-Haftpflicht fokussiert haben und bei denen keine astronomischen Summen fällig sind.

procontra: Wie alle anderen Veranstaltungsbereiche ist auch der Rennsport durch die Pandemie zeitweise zum Erliegen gekommen. Welche Auswirkungen hatte die Corona-Krise auf ihr Geschäft?

Melzer: Corona hat unsere Branche stark getroffen. Rennen mussten abgesagt und verschoben werden, auch die Austragungsorte wurden teilweise gewechselt. Je nach aktueller Lage war es für Teams und Fahrer nicht oder nur schwer möglich, in die jeweiligen Länder, in denen Rennen stattfanden, einzureisen. Der Umsatz ist bei uns dadurch spürbar zurückgegangen. Policen mussten wegen abgesagter Rennen angepasst werden, dadurch wurde der Arbeitsaufwand größer. Glücklicherweise machen die Rennsportversicherungen aber nur einen Teil unseres Geschäftsfeldes aus. Andernfalls wäre Corona für uns fatal gewesen.

procontra: Gibt es einen Traum von Ihnen, ein spezielles Rennsport-Event, wie die Formel 1, zu versichern?

Melzer: Mein persönlicher Traum ist bereits im Jahr 2019 wahr geworden. Damals sind wir in die Situation gekommen, die DTM-Fahrzeuge von Aston Martin versichern zu dürfen. Die DTM ist eine hoch angesehene Rennserie, eine Königsklasse für die Zuschauer. Zu diesem Auftrag kamen wir durch einen unserer Kunden. Er besitzt ein Autohaus und nimmt parallel an Rennen teil. Uns beauftragte er mit der Absicherung. Ein großer Moment. Die Formel 1 ist eine Rennserie auf allerhöchstem Niveau. Die Fahrzeuge auf der Strecke sind im Grunde Prototypen, die Entwicklungskosten gehen in die Millionenhöhe. Diese Werte sind schlicht nicht versicherbar.

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