Die Überalterung der Gesellschaft ist nicht allein ein Thema, das Deutschland umtreibt: „Das erste Mal in der Menschheitsgeschichte übersteigt die Anzahl der Menschen, die 65 Jahre alt und älter sind, diejenige der Kinder, die fünf Jahre alt oder jünger sind“, so die Experten des Weltwirtschaftsforums. Und das hat Auswirkungen auf die Altersversorgung der Menschen. Auch hierzulande kommen immer mehr Rentner auf immer weniger Arbeitnehmer, mit entsprechenden Folgen für das Rentensystem.
Mittlerweile wird nahezu täglich über die Altersvorsorge der Deutschen debattiert und stets führen Experten vor allem die nordischen Länder ins Feld, wenn es um Vorbilder geht. Und tatsächlich liegen Island, die Niederlande und Dänemark in der Untersuchung zum Global Pension Index (MCGPI), für den die Altersvorsorgesysteme von insgesamt 44 Staaten analysiert und bewertet wurden, auf den ersten drei Plätze. Damit konnten sie in der Bewertung jeweils für sich die Bestnote A verbuchen, heißt es in dem Report, der zum 14. Mal vom Beratungsunternehmen Mercer in Zusammenarbeit mit dem CFA Institute und der Monash University und Business School erstellt worden ist.
Island, abermals Spitzenreiter der Erhebung, schaffte es sogar, seine Gesamtpunktzahl – wenn auch nur leicht – zu erhöhen: von 84,2 im vergangenen Jahr auf aktuell 84,7 Punkten. Wie schon im vergangenen Jahr lobten die Experten erneut die vergleichsweise hohe staatliche Rente sowie die dortige betriebliche Altersversorgung. Isländer verfügen automatisch über eine bAV, in die sowohl Arbeitgeber wie Arbeitnehmer einzahlen.
Deutschland rutscht weiter ab
Am schlechtesten schnitten Argentinien (42. Rang, 43,3 Punkte), die Philippinen (43. Rang, 42 Punkte) und Thailand (44. Rang, 41,7 Punkte) ab. Schweden, das deutsche Ökonomen und Politiker gern als Vorbild anpreisen, schafft es hingegen erneut auf den 8. Platz. Deutschland landet weit abgeschlagen auf dem 17. Platz, während es im Vorjahr noch den 14. Rang und 2020 sogar den elften Rang belegte.
„Der Grund hierfür ist darin zu sehen, dass 3 Länder (Uruguay, Neuseeland und Chile) eine bessere Bewertung im Vergleich zum Vorjahr erzielten. Da die Länder im vorderen Mittelfeld (Platz 13 bis Platz 18) in ihren Bewertungen sehr eng zusammen liegen, kann eine minimale Verbesserung in der Bewertung eines Landes zu einer Verschiebung in den Rängen führen“, erklärt Gabi Straßer, Pressesprecherin von Mercer Deutschland auf procontra-Nachfrage.
Demnach lagen Neuseeland und Chile im vergangenen Jahr mit 67,4 und 67 Punkten knapp hinter Deutschland mit 67,9 Punkten. In diesem Jahr stieg die Bewertung dieser beiden Länder auf 68,8 beziehungsweise 68,3 Punkten. „Damit ist Deutschland etwas 'abgerutscht'“, so Straßer. Zumal: Der deutsche Indexwert liegt unverändert bei 67,9 von insgesamt 100 Punkten. Damit erhält Deutschland immerhin gerade noch so die B-Note.
Jedoch ergibt sich die Gesamtpunktzahl aus der Bewertung verschiedener Aspekte der Altersversorgungssysteme und dabei schneidet Deutschland durchaus auch positiv ab: So werden beim Sub-Index „Angemessenheit“ und beim Faktor „Integrität“ jeweils gut 80 von 100 Punkten erreicht. Hinsichtlich des Faktors „Angemessenheit“ werden das Versorgungsniveau, die steuerlichen Anreize, die Gestaltung der Altersversorgungsmodelle und die Sparquote untersucht. Der Sub-Index „Integrität“ konzentriert sich auf den Bereich der Privatvorsorge, dabei geht es darum, wie „vertrauenswürdig“ und beständig das Vorsorgesystem ist. Hier spielen staatliche Aufsicht, Governance, Risikosteuerung und Kommunikation eine entscheidende Rolle bei der Beurteilung.
Beim Thema „Nachhaltigkeit“ erreicht Deutschland lediglich 44 Punkte. Bei diesem Sub-Index spielen Faktoren wie zum Beispiel Rückdeckung, Finanzierung, Demografie, Staatsverschuldung und flexible Arbeitszeitmodelle für ältere Arbeitnehmer eine Rolle. „Im Hinblick auf die Nachhaltigkeit besteht bei uns in Deutschland nach wie vor Nachholbedarf. Die – zumindest partielle – Ausfinanzierung unserer gesetzlichen Rente und vor allem unserer betrieblichen Systeme würde dies erheblich verbessern", erklärt Norman Dreger, CEO bei Mercer Deutschland. „Auch in diesem Jahr schneidet das deutsche Rentensystem in der Nachhaltigkeit nur mittelmäßig ab. Hier sind die Entscheidungsträger gefordert, um die Rahmenbedingungen für die staatlich geförderte Altersversorgung zu verbessern und die Abdeckung zu erhöhen", erläutert Martin Hermann, Pension Expert, CFA Society Germany.
Generell raten die Studienautoren zu einer Anhebung der Mindestrente für Geringverdiener, um den Gesamtindexwert für das deutsche System zu erhöhen. Auch solle der Staat die private Altersvorsorge stärker bezuschussen. Die Experten raten zudem, die Abdeckung der betrieblichen Altersversorgung zu steigern. Wie, das bleibt freilich offen.
Unsichere Zeiten für die Altersvorsorge
„Pensionskassen stehen vor Herausforderungen, die es in der globalen Wirtschaft so seit Jahrzehnten nicht gegeben hat, sie werden beeinflusst von den Auswirkungen der Pandemie, globalen Konflikten, Unterbrechungen der Lieferketten und eine Trendwende hin zur Globalisierung“, warnt Studienautor David Knox. Die Lage wird erschwert durch die steigende Inflation und die unsichere ökonomische Ausgangslage. Gleichzeitig steigt weltweit die Lebenserwartung und damit auch das Durchnittsalter der Menschen, was wiederum Auswirkungen auf die Altersversorgung hat.
Mercer-Pressesprecherin Straßer bringt noch zwei weitere wichtige Punkte ins Spiel: die Gender-Gerechtigkeit: „Es kann nicht sein, dass in Deutschland die Altersversorgung zwischen Männer und Frauen nach wie vor so ungleich verteilt ist. Darüber hinaus zeigt unsere Studie, dass das Thema Financial Education immer wichtiger wird.“ Finanzielle Bildung als Schulfach einzuführen, dass stand nur bei einer Partei auf der Agenda: der FDP. In den Koalitionsvertrag hat es diese Forderung allerdings nicht geschafft. „Unsere verantwortlichen Politiker haben in Bezug auf ihre Finanzbildung einen hohen Weiterbildungsbedarf“, sagte Alexander Leisten, Deutschlandchef des Vermögensverwalters Fidelity International auf einer Diskussionsrunde des Deutschen Instituts für Altersvorsorge.
Es gibt nicht das „nordische Modell“
Schweden, das gerne als Vorbild beim Thema Rentensystem herangezogen wird, trumpfe im Gegensatz dazu mit „hochprofessionellen Anlegern, die auch ein Verständnis für Finanzkrisen haben“ auf. Der Weg zu einem solchen Grad der Professionalisierung sei weit, so der Anlageexperte.
Übrigens: Gleichwohl Politiker und auch manche Experten gerne von einem skandinavischen Vorbild sprechen, existiert gar kein solches einheitliches System. „Oft heißt es: Lasst es uns genauso machen wie in Skandinavien. Aber die Systeme unterscheiden sich fundamental voneinander“, sagte Tabea Bucher-Koenen, Professorin am Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung der Universität Mannheim, bei einer Branchenveranstaltung des Deutschen Instituts für Altersvorsorge. In Dänemark gebe es beispielsweise kein beitragsfinanziertes Rentensystem, sondern eine steuerfinanzierte Grundrente und ein starkes verpflichtendes betriebliches Rentensystem. „Das ist grundlegend anders als das schwedische Modell“, so die Wissenschaftlerin.


