Die Versicherungsbranche klagt über Fachkräftemangel, Überalterung und fehlende Talente. Das gehört inzwischen zum festen Vokabular jeder Podiumsdiskussion und jedes Strategiepapiers. Gleichzeitig bilden Versicherer so viel aus wie kaum eine andere Branche. Auf den ersten Blick passt das nicht zusammen. Auf den zweiten leider sehr gut. Denn die eigentliche Frage ist nicht, ob wir ausbilden. Sondern wie ernst wir es damit meinen.
Ausbildung gilt als wichtig – aber bitte ohne Aufwand
Ausbildung genießt in der Versicherungsbranche einen guten Ruf. Sie steht für Stabilität, Sicherheit, Verlässlichkeit. Und doch haftet ihr ein Beigeschmack an: Ausbildung läuft oft „nebenher“. Sie ist Pflicht, Tradition, manchmal auch Imagefaktor – aber selten echte Chefsache.
Wir erwarten von jungen Menschen heute sehr viel: digitale Kompetenz, Eigenverantwortung, Kommunikationsstärke, Lernbereitschaft, Anpassungsfähigkeit. Gleichzeitig hoffen wir, dass sie möglichst reibungslos funktionieren. Fehler? Bitte nicht zu viele. Umwege? Möglichst kurz. Betreuung? Am besten effizient.
Genau hier beginnt das Problem.
Duales Studium als Heilsversprechen?
Kein Zufall, dass das duale Studium immer beliebter wird, vor allem bei Abiturientinnen und Abiturienten. Es wirkt moderner, generischer, anschlussfähiger. Es verspricht Entwicklung, nicht nur Einstieg. Für Spezialmakler, Industrieversicherung oder komplexe Beratungsfelder ist es fachlich oft sogar passender als die klassische Ausbildung.
Aber auch das duale Studium ist kein Selbstläufer. Denn egal ob Ausbildung oder duales Studium: Ohne echte Begleitung, ohne Zeit, ohne Verantwortung im Alltag bleibt jedes Modell wirkungslos.
Wer glaubt, das duale Studium löse das Nachwuchsproblem automatisch, verlagert nur die Erwartung, nicht die Verantwortung.
„Nur Ausbildung“? So denken junge Menschen nicht
Viele junge Menschen mit Abitur lehnen eine Ausbildung nicht ab, weil sie faul oder überheblich sind. Sie lehnen sie ab, weil sie Optionen suchen. Entwicklung. Perspektiven. Anschlussfähigkeit. Das ist kein Angriff auf die Ausbildung, sondern ein Auftrag. An uns.
Ausbildung wird in der Branche oft als solider Einstieg kommuniziert, aber selten als echtes Sprungbrett. Duales Studium hingegen signalisiert: Hier geht es weiter. Hier passiert etwas. Hier lohnt sich Engagement. Nicht die Ausbildung ist unattraktiv. Ihr Zukunftsversprechen ist es.
Umdenken statt Nachwuchs-Bashing
Statt darüber zu diskutieren, welches Modell das bessere ist, sollten wir uns eine andere Frage stellen: Wer übernimmt Verantwortung für Entwicklung?
Denn Nachwuchsarbeit endet nicht mit dem Ausbildungsvertrag oder der Immatrikulation. Sie beginnt dort erst richtig. Ausbildung darf kein isolierter HR-Prozess sein. Sie ist Teamaufgabe. Führungsaufgabe. Kulturfrage.
Jede Fachkraft, die sagt: „Dafür habe ich keine Zeit“, entscheidet sich gegen Nachwuchs. Jede Führungskraft, die Entwicklung delegiert, schwächt sie.
Jedes Team, das Fehler nicht zulässt, verhindert Lernen.
Wenn wir wirklich „umdenken“ wollen, müssen wir akzeptieren: Nachwuchsförderung kostet Zeit. Nerven. Geduld.
Und ja: Rückschläge gehören dazu
Wer ausbildet – egal ob klassisch oder dual – muss eine unbequeme Wahrheit aushalten:
Nicht jeder Weg führt zum Ziel.
Junge Menschen umentscheiden sich. Sie merken, dass Erwartungen und Realität nicht zusammenpassen. Manche sind trotz Förderung schlicht nicht geeignet – fachlich, menschlich oder perspektivisch. Das ist kein Versagen. Weder ihres noch unseres.
Problematisch wird es erst, wenn aus einzelnen Erfahrungen eine kollektive Resignation entsteht:
„Hat sich nicht gelohnt.“
„Zu viel Aufwand.“
„Das machen wir nicht nochmal.“
Diese Haltung ist bequem, aber gefährlich.
Ausbildung ist kein Garantieprodukt
Die Versicherungsbranche liebt Sicherheit. Ausbildung ist das Gegenteil. Sie ist ein Wagnis. Ein Vertrauensvorschuss. Ein Prozess mit offenem Ausgang. Wer nur ausbilden will, wenn Erfolg garantiert ist, bildet in Wahrheit nicht aus.
Rückschläge gehören dazu. Abbrüche auch. Entscheidend ist nicht, ob sie passieren – sondern wie wir damit umgehen. Wer nach dem ersten Stolpern alles infrage stellt, wird langfristig verlieren.
Die unbequeme Antwort auf die Ausgangsfrage
Sind wir zu faul für Ausbildung?
Vielleicht nicht faul. Aber zu ungeduldig. Zu risikoavers. Zu schnell frustriert.
Ausbildung und duales Studium dürfen kein Entweder-oder sein. Sie sind unterschiedliche Wege mit einem gemeinsamen Ziel: Menschen zu befähigen, nicht nur Stellen zu besetzen.
Nachwuchsförderung bedeutet nicht, jeden zu halten. Sondern jedem eine echte Chance zu geben. Und vielleicht beginnt echte Fachkräftesicherung genau dort:
Wo wir aufhören, nach perfekten Modellen zu suchen – und anfangen, Verantwortung auszuhalten.
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