Investment-Talk

ETFs als Selbstläufer? „Wir müssen den Zeitpunkt des Bruchs erkennen”

ETFs scheinen in der Aktienrallye ein Selbstläufer zu sein. Einspruch erhebt Johannes Mayr, Chefökonom beim Münchner Vermögensverwalter Eyb & Wallwitz, und nennt Risiken, vor denen aktives Management besser schützen kann.

Johannes Mayr

Johannes Mayr ist seit 2021 Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz und verantwortet das ökonomische Weltbild und die strategische Asset Allokation. | Quelle: Eyb & Wallwitz

Procontra

Die Aktienkurse steigen und steigen, obwohl der Iran-Krieg zu mehr Inflation und einer Schwächung der Weltwirtschaft führen sollte. Verkehrte Welt?

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Johannes Mayr:

Die Märkte gehen davon aus, dass sich die Energieversorgung mit Öl und Gas wieder normalisiert. Der Markt hatte schon nach Ostern geahnt, dass US-Präsident Donald Trump den Iran-Konflikt nicht dauerhaft eskalieren würde. Das passierte dann, und in den Wochen danach erholten sich die Aktienkurse kräftig. Grundsätzlich muss man auch feststellen, dass die Geschäftsmodelle global agierender Konzerne, die den Aktienmarkt dominieren, weniger anfällig für geopolitische Schocks sind als in früheren Zeiten. Das Beispiel Microsoft zeigt, dass langfristige Nachfrage und Geschäftsmodelle durch solche Konflikte im Kern nicht erschüttert werden. Gerade Technologiewerte sind in den letzten Jahren der Haupttreiber der Rallye, auch wegen der Spekulationen über die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz.

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Der S&P 500 hat im April ein neues Allzeithoch erreicht und der DAX war nicht weit vom Allzeithoch entfernt. Ist also nicht das Investieren in ETFs ein Selbstläufer?

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Mayr:

Abgesehen davon, dass die Märkte die Auswirkungen des Iran-Kriegs bislang abschütteln, sind die Gewinnerwartungen für die Unternehmen 2026 beachtlich. Allein für den S&P 500-Index erwarten die Analysten eine Steigerung von 20 Prozent. Unterstützend wirkt auch die Tatsache, dass weder die EZB noch die Fed die Leitzinsen nach unserer Auffassung erhöhen dürften, weil dies zu einer Rezession in den entsprechenden Regionen führen könnte. Senken wollen sie wegen der höheren Inflation aber auch nicht. Es kommt hinzu, dass ETF-Anleger eine wichtige Stütze für den Aktienmarkt geworden sind, da sie in den letzten Korrekturphasen - ob Corona, Ukraine-Krieg, Trumps Zollschock und nun Iran - kontinuierlich gekauft haben.

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Sind Aktien-ETFs also doch der Königsweg für Privatanleger?

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Mayr:

Wir würden den Anlegern eher zu einem breit gestreuten Portfolio raten. Unser Phaidros-Fonds setzt überwiegend auf Aktien, aber auch auf Investment-Grade-Anleihen sowie auf Gold und Cash. Mit dem Fonds kann der Anleger einerseits vom Aktienmarkt profitieren und andererseits davon, dass unsere Aktien- und Anleihenselektion die Volatilität im Portfolio reduziert. Es darf nicht vergessen werden, dass bei den ETFs immer mehr Geld in die größten Geschäftsmodelle fließt - derzeit ist es KI - unabhängig von der künftigen Renditeaussicht der Geschäftsmodelle. Langfristig vereinen dann wenige Unternehmen einen immer größeren Anteil des gesamten Kapitals auf sich, was den Marktmechanismus letztlich bricht - weil diese wenigen Unternehmen dann einfach zu teuer sind. Dann haben ETFs auf die Leitindizes ein großes Problem. Die Herausforderung für uns besteht darin, den Zeitpunkt des Bruchs zu erkennen und in Bereiche mit übersehenem Potenzial zu investieren. Dazu zählen beispielsweise Asien bzw. China, der Softwaresektor und bestimmte Segmente im Gesundheitsbereich.

Procontra

Warum sehen Sie Renditepotenzial in diesen Bereichen?

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Mayr:

Rendite entsteht selten dort, wo Gewissheit herrscht, sondern dort, wo Risiken sichtbar sind, ihre langfristigen Folgen jedoch vom Markt überschätzt werden. Mit Blick auf Asien dominieren westliche Kapitalmärkte weiterhin Sorgen über politische Eingriffe, insbesondere in China. Diese Risiken sind real, verdecken aber oft die globale Machtverschiebung: China ist in vielen Industrien technologisch führend, gewinnt bei Zukunftstechnologien und Rohstoffen an Bedeutung und profitiert von wachsender Mittelschicht sowie steigender Kaufkraft. Im Softwaresektor fokussiert sich die Debatte stark auf Risiken durch KI. Tatsächlich verschiebt KI die Wertschöpfung, statt sie zu zerstören. Entscheidend ist, wer Plattformen, Daten und Kundenbeziehungen kontrolliert – hier haben große Anbieter strukturelle Vorteile. Auch der Gesundheitssektor bleibt ein langfristiger Wachstumsmarkt. Demografie, Wohlstand und medizinischer Fortschritt treiben die Nachfrage, während die Regulierung zwar kurzfristig belastet, langfristig aber etablierte Anbieter schützt.

Procontra

Mit einer jährlichen Verwaltungsgebühr von 1,7 Prozent, einem möglichen Ausgabeaufschlag und erfolgsabhängiger Vergütung liegt Ihr Fonds kostenmäßig im oberen Bereich aktiver Mischfonds. ETFs sind viel günstiger im Vergleich. Warum empfiehlt sich der Fonds?

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Mayr:

Das Risiko, das mit ETFs verbunden ist, kann ich nur wiederholen: Der Hype um KI und Technologiewerte birgt erhebliche Konzentrationsrisiken, da Ertragserwartungen letztlich nicht erfüllt werden können. Daher ist aus unserer Sicht eine breitere Streuung von Aktien und die Berücksichtigung defensiver Positionen durch eine ausgewogene Anleihequote wichtig, um sich gegen Abschwünge abzusichern. Zu den Kosten: Es ist doch klar, dass unsere Dienstleistung als Vermögensverwalter ihren Preis hat. Und damit fühlen wir uns ziemlich wohl, wenn Sie sich überlegen, dass wir in den letzten zehn Jahren je nach Anteilsklasse eine jährliche Netto-Rendite von bis zu 6 Prozent erzielt haben.

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Im Phaidros-Fonds beträgt der Goldanteil fast 3 Prozent. Beim Iran-Konflikt erwies sich Gold jedoch nicht als ein sicherer Hafen. Woran lag das?

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Mayr:

Die massiven Goldkäufe der Zentralbanken in den letzten Jahren, insbesondere in den Schwellenländern, waren ein wichtiger Grund für die Rallye. Da aber die Goldquote der Notenbanken inzwischen bei etwa 30 Prozent liegt, könnte die Obergrenze hier erreicht sein und damit wäre die Rallye vorbei. Jedenfalls fungiert Gold nach unserer Auffassung als Schutz vor Inflationsrisiken oder Zweifeln am Geldsystem und nicht als Allwetterschutz gegen konjunkturelle Krisen. In Schockphasen wie dem Iran-Krieg kann der Goldpreis auch deshalb fallen, weil Anleger das Edelmetall verkaufen, um Verluste in anderen Bereichen auszugleichen. Daher ist eine ausschließliche Ausrichtung auf Gold zur Absicherung riskant und nicht empfehlenswert. Es ist besser aufgehoben als Beimischung im Portfolio.

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Was halten Sie von anderen alternativen Anlagen, wie Bitcoin, ELTIFs oder Private Debt und Equity?

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Mayr:

Beim Thema Bitcoin bin ich selbst agnostisch. Wie beim Gold sehe ich, dass Bitcoin einen Wert haben, wenn Zweifel am staatlichen Geldsystem aufkommen, was angesichts der expansiven Wirtschafts- und Geldpolitik der Staaten passieren kann. In unseren Phaidros Funds haben wir Bitcoin nicht, da selbst kleine Positionen die Volatilität des Fonds erheblich steigern würde. Ein großer Nachteil von Produkten wie ELTIF ist die hohe Konzentration auf einzelne Investitionsobjekte, sei es Brücken, Straßen oder grüne Energieanlagen. Klumpenrisiken könnten die Folge sein und ich finde, die hohen Kosten von ELTIFs rechtfertigt nicht das Risiko-Rendite-Verhältnis. Auch Assetklassen wie Private Equity oder Private Debt, sind teuer, nicht sehr flexibel anlagetechnisch gesprochen und auch nicht sehr transparent.

Verstehen Sie mich aber nicht falsch: Ich bin kein Gegner dieser Produkte. Sie machen oft Sinn als Beimischung für institutionelle Anleger. Für Privatanleger finde ich sie nicht passend, weil sie eine Art Wertstabilität suggerieren, die es nicht zwingend geben muss.

Long Story short 

  • Aktienmarkt ist weniger anfällig für geopolitische Schocks als früher

  • Investmentfonds können vor Klumpenrisiken schützen

  • Alternativen wie ELTIFs, Bitcoin und Private Equity für Privatanleger nur bedingt geeignet