Komplexes Universum

China, Indien & Co.: Wo Emerging Markets aktuell Chancen bieten

Viele Länder, viele Währungen, viel Volatilität – Schwellenländer bergen in ihrer Heterogenität enorme Chancen und spezifische Risiken. Portfoliomanager Samuel Vecht von Blackrock über die Märkte, Portfoliostrukturen und konkrete Anlageansätze.

Samuel Vecht, Blackrock

Portfoliomanager Samuel Vecht von Blackrock | Quelle: Blackrock

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Im BSF Emerging Markets Equity Strategies Fund sind Investitionen in China mit 26 Prozent und in Indien mit 13 Prozent mit Abstand am stärksten vertreten. Aus welchen Gründen?

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Samuel Vecht:

Der Fonds fokussiert sich teilweise auf Long-Short-Strategien und zielt darauf ab, über einen gesamten Marktzyklus hinweg den MSCI Emerging Markets Index zu übertreffen. China und Indien gehören zu den größten Märkten innerhalb des Anlageuniversums. Wir glauben jedoch, dass die aktiv gewichtete Position dieser Märkte in unserem Portfolio ein aussagekräftigerer Maßstab für die Beurteilung unserer Positionierung ist. Ende Februar waren wir gegenüber dem MSCI Emerging Markets Index in China deutlich übergewichtet (+29 Prozent absolut, +5 Prozent aktiv) und in Indien leicht übergewichtet (+13 Prozent absolut, +0,5 Pozent aktiv).

Während China weiterhin mit schwierigen innenpolitischen Bedingungen konfrontiert ist, sehen wir ermutigende Daten im Industriesektor und attraktive Risiko-Ertrags-Verhältnisse in Bereichen wie Immobilien und Konsumgüter. Trotz der negativen Auswirkungen von Zöllen haben sich die Gesamtexporte aus China als sehr widerstandsfähig erwiesen, auch wenn sich die Kundenzusammensetzung weg von den USA hin zu Asien und anderen Schwellenländern verlagert hat. Unserer Ansicht nach spricht dies für die Dominanz des Landes im verarbeitenden Gewerbe und sein beispielloses Preis-Leistungs-Verhältnis. In Indien haben wir den Markt zum ersten Mal seit nahezu fünf Jahren übergewichtet, da wir das Ausmaß seiner relativen Underperformancegegenüber Korea und Taiwan als extrem einschätzen. Die Bewertungen beginnen nun attraktiv zu werden, insbesondere im Finanzsektor.

Procontra

56 Prozent des Fonds sind in „anderen“ Ländern angelegt. Könnten Sie beschreiben, was dies umfasst und wo Sie Chancen und Risiken sehen?

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Vecht:

Das Anlageuniversum der Schwellenländer umfasst eine Vielzahl von Regionen und Ländern, darunter Nordasien, Süd- und Südostasien, Lateinamerika, der Nahe Osten und Osteuropa. Abgesehen von China und Indien gehören Brasilien, die Türkei und Indonesien aus Ländersicht zu unseren größten Übergewichtungen im Fonds. Auf der anderen Seite sind wir in Taiwan und Korea untergewichtet, da wir der Ansicht sind, dass die Bewertungen nicht mit den Fundamentaldaten im Einklang stehen.

Procontra

Könnten Sie Ihre Marktpräsenz in Brasilien, der Türkei und Indonesien näher erläutern? In welchen Branchen sehen Sie das größte Potenzial?

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Vecht:

Brasilien ist mit der niedrigsten Inflationsrate seit mehreren Monaten und mit Realzinsen, die zu den höchsten der Welt zählen, ins Jahr 2026 gestartet. Wir glauben, dass es mittelfristig zu einer Wende in der Geldpolitik und zu niedrigeren Zinsen kommen könnte. Wir sind auch für die Region Lateinamerika insgesamt konstruktiv gestimmt. Zwar gab es einen kurzfristigen Rückgang als Reaktion auf die Eskalation im Nahen Osten. Doch wir glauben, dass der mittelfristige Ausblick für die Region positiv bleibt. In der Türkei beobachten wir eine leichte Stabilisierung der makroökonomischen Rahmenbedingungen. Wir glauben, dass eine solide Wirtschaftspolitik und disinflationäre Tendenzen in Verbindung mit attraktiven Bewertungen für gut kapitalisierte Unternehmen diesen Markt zu einem der attraktivsten in unserem Anlageuniversum machen. In Indonesien ist unsere Übergewichtung auf aktienspezifische Chancen im Finanz- und Industriesektor zurückzuführen. Was die Sektoren betrifft, so sind unsere Sektoreinschätzungen im Allgemeinen das Ergebnis unserer Positionierung auf Aktien- und Länderebene. Die spezifischen Merkmale derAktien sind der wichtigste Treiber unseres aktiven Risikos, gefolgt vom Länderrisiko, während der verbleibende Teil auf den Anlagestil entfällt.

Procontra

Wie beurteilen Sie das Länderrisiko in Emerging Markets?

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Vecht:

Es gibt keinen einheitlichen ‚Konjunkturzyklus der Schwellenländer‘. Das Schwellenländeruniversum umfasst mehr als 20 Länder, die heterogen und eigenständig sind und sich relativ zu anderen Ländern in unterschiedlichen Phasen ihres Konjunkturzyklus befinden. Sie haben ihre eigenen Währungen und können große Rohstoffexporteure sein wie Brasilien oder Rohstoffimporteure wie die Türkei. Wir sind davon überzeugt, dass das Verständnis des Konjunkturverlaufs eines Landes dazu beitragen kann, einem Portfolio potenzielles Alpha hinzuzufügen. Ich wäre lieber „long“ in einemLand mit schlechten, aber sich verbessernden makroökonomischen Bedingungen als in einem mit einer guten, aber sich verschlechternden Wirtschaft. Um die Verläufe zu ermitteln, beobachten wir Veränderungen bei der Außenbilanz, den festverzinslichen Wertpapieren, der Liquiditätsversorgung und der Konjunktur. Diese Makroindikatoren können potenziell zuverlässige Indikatoren für Aktienrenditen sein. Die Bestimmung der Position eines Landes im Konjunkturzyklus hilft uns bei der Entscheidung, ob das Risiko-Ertrags-Verhältnis den Kauf bei Kursrückgängen begünstigt oder nicht.

Procontra

Wie sieht das Stilrisiko des Fonds genau aus?

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Vecht:

Das Stilrisiko macht ungefähr 15 bis 20 Prozent unseres gesamten aktiven Risikobudgets aus. „Stil“ bezieht sich in diesem Zusammenhang auf das Engagement in Faktoren wie Wachstum, Value, Qualität und Zyklizität. Wir verfolgen einen flexiblen Ansatz und beschränken uns nicht auf eine bestimmte Art von Anlagechancen. Allerdings ziehen wir es vor, Risiken von überlaufenen Handelspositionen abzuziehen und bevorzugen unterschätzte Chancen, die asymmetrischere Risiko-Rendite-Profile bieten. Infolgedessen weist der Fonds eine Anti-Momentum-/Contrarian-Ausrichtung auf.

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Klassische aktiv gemanagte Aktienfonds im Bereich Emerging Markets zählen laut aktueller Scope-Analyse zu jenen Fondsgruppen, die mit am ehesten eine Outperformance zu passiven Fonds erzielen können. Was könnten aus Ihrer Sicht die Gründe sein?

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Vecht:

Emerging Markets sind ein komplexes Universum – mit mehr als 20 Ländern, mehr als 20 Währungen und einem Handel von mehr als 20 Stunden am Tag. Hinzu kommt eine große Streuung. Zwei Drittel der Aktien im MSCI Emerging Markets Index schwanken um mehr als 40 Prozent pro Jahr, basierend auf Daten, die wir für den Zeitraum 2015 bis 2025 untersucht haben. Wir glauben, dass diese Merkmale einen aktiven Ansatz nahelegen. Was unseren eigenen Ansatz betrifft, stellen wir fest, dass eine übermäßige Konzentration auf „Themen“ oft zu stark vom Momentum geprägten Märkten führt, die dann auch anfällig für abrupte Kursumkehren sind. Ein flexibles, uneingeschränktes Instrumentarium und das Eingehen von Positionen entgegen dem Marktmomentum bieten das Potenzial für die langfristige Erzielung von Alpha.

Procontra

Welche weiteren Punkte sollten derzeit bei Investitionen in Schwellenländer berücksichtigt werden?

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Vecht:

Wir sehen eine Reihe von Rückenwindfaktoren für viele Bereiche des Schwellenländeruniversums. Einerseits setzt sich zyklischer Rückenwind für die Schwellenländer auch im laufenden Jahr fort. Die Schwäche des US-Dollars und die Normalisierung der Geldpolitik mit dem Potenzial für Zinssenkungen in weiten Teilen des Anlageuniversums bestärken uns in unserer positiven Einschätzung. Zudem werden die Risikoprämien zugunsten dieser Anlageklasse neu kalibriert: Die größere politische Unsicherheit in den Industrieländern dürfte die relative Risikoprämie für Emerging Markets verringern.Darüber hinaus hat die Umschichtung der Positionen ausländischer Anleger zugunsten der Schwellenländer gerade erst begonnen. Die erste Phase der Outperformance in den Emerging Markets war von der Stimmung getrieben und konzentrierte sich stark auf den Technologiesektor. Unserer Ansicht nach kann die nächste Phase durch das Wachstum der Unternehmensgewinne gestützt werden.Wie immer bleibt jedoch die Auswahl entscheidend.

Samuel Vecht ist Portfoliomanager im Global Emerging Markets Equities Team von Blackrock. Er ist seit mehr als 25 Jahren in verschiedenen Positionen bei Blackrock im Bereich Emerging Marketstätig.

Long Story short:

  • Schwellenländer sind ein sehr differenziertes Universum

  • Spezifische Merkmale bieten Anlagechancen

  • Tiefe Marktkenntnis wichtig, um Risiken richtig einzuschätzen