Neue Studie

Alarmierender Trend: Nachhaltigkeit verliert in Anlageberatung massiv an Bedeutung

Nachhaltige Geldanlagen spielen in der Beratungspraxis eine immer geringere Rolle. Ein Hauptgrund: die zu komplizierte Regulatorik. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Befragung von rund 250 Vermittlern aus den Bereichen Finanzanlagen und Versicherungen.

Beratungsgespräch

Nachhaltigkeit spielt in der Anlageberatung eine immer geringere Rolle. | Quelle: pixelfit

Welche Rolle spielen nachhaltige Geldanlagen aktuell in der Beratung? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer gemeinsamen Umfrage der Universität Kassel, des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG) und des AfW Bundesverband Finanzdienstleistung unter rund 250 Finanzanlageberatern.

Ernüchterndes Ergebnis

Das am Montag vorgestellte Ergebnis fällt sehr ernüchternd aus. Für fast 70 Prozent der befragten Berater hat das Thema Nachhaltigkeit in der Beratung einen sehr niedrigen oder eher niedrigen Stellenwert. Nur gut ein Fünftel misst ihm eine hohe oder eher hohe Bedeutung bei.

Ähnlich bewerten die Befragten das Interesse ihrer Kundinnen und Kunden. Auch hier sehen etwa zwei Drittel nur ein geringes Interesse an nachhaltigen Geldanlagen. Nur 22 Prozent attestieren ihren Kunden ein sehr hohes oder hohes Interesse. Zum Vergleich: Bei einer ähnlichen Umfrage lag dieser Wert 2022 noch bei über 50 Prozent.

Aus Sicht der Studienpartner ist das ein deutlicher Hinweis darauf, dass Nachhaltigkeit in der Beratungspraxis derzeit massiv an Bedeutung verloren hat.

Komplexe Regulierung als größtes Hindernis

Als wichtigste Ursachen nennen die Berater vor allem drei Punkte. Erstens fehle es aus ihrer Sicht an substanzieller Kundennachfrage. Zweitens schätzen viele das Wissen der Kundschaft über nachhaltige Produkte als gering ein. Als größtes Problem gilt jedoch die Regulierung: Mehr als 80 Prozent halten die regulatorischen Anforderungen für nicht angemessen. Die bestehenden Vorgaben werden von vielen als zu kompliziert, zu unübersichtlich und im Beratungsalltag nur schwer handhabbar beschrieben.

Dort, wo nachhaltige Geldanlagen nachgefragt werden, spielen nach Einschätzung der Beraterinnen und Berater vor allem nicht finanzielle Motive eine Rolle. An erster Stelle stehen die persönlichen Werte der Kunden. Ebenfalls wichtig ist der Wunsch, mit Geldanlagen positive ökologische oder soziale Wirkungen zu erzielen. Auch gesellschaftliche Debatten und öffentliche Erwartungen beeinflussen die Nachfrage. Finanzielle Motive wie die Hoffnung auf höhere Renditen oder ein geringeres Risiko werden dagegen als deutlich weniger relevant eingeschätzt.

Besonders gefragt: Fonds, ETFs und klare Ausschlüsse

Wenn Kunden nachhaltig investieren wollen, greifen sie laut Studie vor allem zu nachhaltigen Investmentfonds und ETFs. Bei den Anlagestrategien dominieren Ausschlusskriterien. Besonders häufig wünschen Anlegerinnen und Anleger, dass Waffen aus dem Portfolio ausgeschlossen werden.

Auch bei Umweltthemen zeigen sich klare Prioritäten: Besonders relevant sind aus Kundensicht CO2-Reduktion, Treibhausgasemissionen und erneuerbare Energien.

Bei der Auswahl nachhaltiger Produkte stützen sich viele Beraterinnen und Berater auf Labels, Siegel und Ratings, darunter auch spezielle ESG-Ratings.

Neue EU-Kategorien machen Hoffnung

Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchung war die geplante Überarbeitung der europäischen Offenlegungsverordnung SFDR. Die vorgeschlagenen neuen Produktkategorien „Nachhaltigkeit“, „Übergang“ und „ESG-Grundlagen“, die die bisherigen Artikel-8- und Artikel-9-Kategorien ersetzen sollen, sind im Markt bereits bekannt: Ein Großteil der Befragten hat davon schon gehört, etwa ein Viertel kennt die Reform nach eigener Einschätzung bereits gut.

Die Kategorien „Nachhaltigkeit“ und „ESG-Grundlagen“ werden überwiegend als verständlich wahrgenommen. Deutlich mehr Unsicherheit gibt es jedoch bei der Kategorie „Übergang“. Gerade sie gilt aus Sicht von Experten aber als besonders wichtig, weil sie Investitionen in Unternehmen erfassen soll, die sich glaubwürdig in Richtung nachhaltiger Geschäftsmodelle entwickeln.

Die Befragten verbinden mit den neuen SFDR-Kategorien vor allem die Hoffnung auf mehr Klarheit für Kundinnen und Kunden. Viele erwarten, dass nachhaltige Geldanlagen dadurch leichter vergleichbar werden. Beim Thema Vertrauen ist das Bild dagegen gemischt: Ob die Reform tatsächlich zu mehr Vertrauen führt, sehen viele skeptisch.

So blicken Anleger auf das Thema

Dass Nachhaltigkeit aktuell zwar einen schweren Stand hat, aber noch lang nicht tot ist, zeigt eine weitere aktuelle und repräsentative Umfrage zu dem Thema, die die Barmenia-Gothaer in Auftrag gegeben hat. Sie beleuchtet nicht die Einschätzung der Berater, sondern der potenziellen Anleger, also der Verbraucher.

Demnach halten insgesamt 53 Prozent der Deutschen Nachhaltigkeit bei der Geldanlage für wichtig. 18 Prozent finden das Thema sogar sehr wichtig, während 35 Prozent es als eher wichtig bewerten.

Damit ist der Anteil der Anlegerinnen und Anleger, die Nachhaltigkeit bei ihrer Anlageentscheidung eine Bedeutung zuschreiben, im Vergleich zum Vorjahr sogar leicht angestiegen: 2025 lag dieser Wert noch bei 50 Prozent. Das zeigt: Das Interesse ist offenbar noch immer da, es wird in der konkreten Beratungssituation aber offenbar nicht richtig oder ausreichend bedient.

Long story short

  • Nachhaltigkeit verliert an Bedeutung: Rund 70 Prozent der Berater sehen nur geringe Relevanz in der Praxis.

  • Regulierung ist größtes Problem: Über 80 Prozent halten die Vorgaben für zu kompliziert und schwer umsetzbar.

  • Interesse bleibt vorhanden: 53 Prozent der Deutschen halten Nachhaltigkeit bei der Geldanlage weiterhin für wichtig.