Seitdem Bundestag und Bundesrat das Gesetz zum Neustart der geförderten Altersvorsorge final beschlossen haben, blickt die Finanzbranche gebannt auf den Starttermin – den 1. Januar 2027. Doch während traditionelle Lebensversicherer noch mühsam an neuen Tarifen feilen, herrscht bei den Neobrokern bereits pure Euphorie. Sie wittern das größte Neugeschäft ihrer Firmengeschichte mit über zehn Millionen zusätzlichen Kunden in den kommenden Jahren.
Altersvorsorgedepot passt zum Broker-Modell
Für die schlanken Finanzdienstleister passt das neue Altersvorsorgedepot (AVD) ideal zu ihrem Geschäftsmodell und zu ihren Stärken: Es setzt auf Kapitalmarkt, ETF-Sparen, digitale Depots, niedrige Kosten und einfache Zugänge. Während klassische Riester-Produkte häufig über Versicherungsmäntel, Garantien und Beratung verkauft wurden, entsteht nun ein Markt, der stärker an digitale Wertpapierplattformen anschließt.
Entsprechend laufen die Vorbereitungen in der Branche bereits auf Hochtouren. Es geht darum, sich rechtzeitig für den Marktstart zu positionieren, um sich die Milliarden an umgeschichteten Riester-Geldern und neuen Sparraten zu sichern.
So bringen sich die Broker in Stellung
Besonders sichtbar hat sich bereits Scalable Capital positioniert, ein Münchner Finanzdienstleister, der 2014 zunächst als digitaler Vermögensverwalter gestartet ist und sich dann zum Neobroker mit eigener Banklizenz entwickelt hat. Interessenten können dort schon jetzt eine eigene Internet-Seite mit Rechner, Newsletter-Anmeldung und Kontoeröffnung nutzen. Damit betreibt Scalable bereits vor dem offiziellen Produktstart Kundenaufklärung und Lead-Gewinnung.
Auch der Berliner Neobroker Trade Republic vermarktet das Thema offensiv in der Öffentlichkeit. Er hat unter anderem eine Kampagne rund um den Amateurfußball gestartet, bei der das Altersvorsorgedepot prominent auf Trikots beworben wird. „Seit zehn Jahren kämpfen wir gegen die Rentenlücke. Jetzt kommt die private Altersvorsorge endlich in der Mitte der Gesellschaft an“, sagt Christian Hecker, Co-Founder von Trade Republic.
Beim Broker Finanzen.net Zero versucht man ebenfalls schon jetzt neue Kunden an die Plattform zu binden: Nutzer sollen sich bereits auf eine Warteliste setzen lassen oder direkt ein Depot eröffnen, um ab 2027 startklar zu sein.
Zulagen-Bürokratie wird zur technischen Hürde
Trotz der Euphorie ist der Weg zum perfekten Altersvorsorgedepot für die Broker kein Selbstläufer. Die größte technische Herausforderung liegt im Verborgenen: der Zulagen-Bürokratie.
Da die staatliche Förderung direkt mit der Steuer-Identifikationsnummer, dem Einkommen und der Deutschen Rentenversicherung verknüpft ist, müssen die Broker hochkomplexe, fehlerfreie Schnittstellen zur Zentralen Zulagenstelle für Altersvermögen (ZfA) aufbauen. Ein einziger Systemfehler beim automatisierten Abruf der Kinder- oder Grundzulagen könnte zu einem massiven Image-Schaden führen.
Beratung bleibt der zentrale Unterschied
Nach Einschätzung von Marktbeobachtern sollten Versicherungsvermittler die Neobroker-Offensive nicht als Bedrohung sehen, sondern ihre Beratung klar von deren einfachen Versprechen abgrenzen. Die Plattformen verkaufen vor allem Zugang: Depot, ETF-Sparplan, Förderung. Vermittler können dagegen die Gesamtfrage beantworten: Passt das neue Altersvorsorgedepot zur Lebenssituation, zum Einkommen, zur Steuerlast, zur Kinderzahl, zur Risikoneigung, zum bestehenden Riester-Vertrag oder zur Absicherung biometrischer Risiken?
Long Story short
Neobroker sehen in der Riester-Reform ab 2027 eine große Marktchance und rechnen mit Millionen neuer Kunden.
Scalable Capital, Trade Republic und Finanzen.net Zero positionieren sich bereits früh mit Info-Seiten, Kampagnen, Wartelisten und Depotangeboten.
Für Vermittler liegt die Chance darin, sich klar von einfachen Broker-Versprechen abzugrenzen und die Gesamtvorsorge des Kunden zu beraten.
.jpg?fit=crop-48-52-1&w=1200)
