Streit um Finanzberatung: Vema-Vorstand kritisiert Verbraucherschützer
Aus Sicht von Niels Nauhauser ist die Honorarberatung in ihrer aktuellen Ausgestaltung hierzulande faktisch gescheitert. Der Grund: Sie konkurriert mit provisionsbasierter Beratung, ohne dass deren Kosten und Leistungen für Verbraucher ausreichend transparent gemacht würden.
In einem Interview mit procontra plädiert der Altersvorsorge-Experte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg deshalb für einen klar geregelten, neuen Berufsstand unabhängiger Finanzberater mit festen Qualifikationsanforderungen, einheitlichen Standards und stärkerer Aufsicht.
Neder: Kritik greift zu kurz
Vema-Vorstand Johannes Neder kann dieser Idee nichts abgewinnen. In einer Replik auf das Interview schreibt er:
„Herr Nauhauser fordert unter anderem einen neuen Finanzberater-Beruf, da die Honorarberatung seiner Ansicht nach derzeit keinen fairen Wettbewerb erlebe und die Kosten provisionsbasierter Beratung für Verbraucher häufig nicht transparent seien. Außerdem kritisiert er, dass Vermittler mit ,Versicherung‘ in der Berufsbezeichnung primär Versicherungsprodukte anbieten, obwohl für Kunden möglicherweise ETF-Sparpläne, Festgeld oder der Abbau von Schulden sinnvoller wären.
Auf den ersten Blick klingt diese Kritik plausibel. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch schnell, dass zentrale Aspekte der Regulierung und der Beratungspraxis ausgeblendet werden.
Ein Versicherungsmakler darf beispielsweise nicht beliebig Finanzprodukte vermitteln, sondern ausschließlich innerhalb der gesetzlichen Grenzen seiner Zulassung handeln. Wer ETFs vermitteln möchte, benötigt zusätzliche Genehmigungen nach der Gewerbeordnung. Dass ein Versicherungsvermittler Versicherungsprodukte anbietet, ist daher kein Missstand, sondern schlicht das Ergebnis des regulatorischen Rahmens. Niemand erwartet schließlich auch, dass ein Brautmodengeschäft zusätzlich Trekkingschuhe verkauft.“
Warum Beratung unverzichtbar bleibt
Viele Menschen, so Neder weiter, hätten nur ein begrenztes Finanzwissen und schöben das Thema Altersvorsorge auf. Dabei sei gerade beim Sparen Zeit einer der entscheidenden Faktoren – wer früh beginnt, habe es deutlich leichter.
„Genau an dieser Stelle kommen Berater ins Spiel. Sie helfen dabei, überhaupt mit dem Sparen zu beginnen, realistische Ziele zu definieren und passende Lösungen innerhalb der finanziellen Möglichkeiten eines Kunden zu finden. Seit vielen Jahren kann der Verbraucher dabei frei entscheiden, an wen er sich wenden möchte: an Versicherungsberater, Vertreter oder Makler.“
Tatsächlich kümmerten sich die meisten Menschen jedoch nicht von selbst aktiv um ihre Altersvorsorge. Vor diesem Hintergrund erscheine es deshalb „zumindest diskussionswürdig, ob es tatsächlich sinnvoll wäre, die Rolle der bestehenden Vermittlerstrukturen weiter zu schwächen.“
Honorarmodell stößt an praktische Grenzen
Das von Nauhauser geforderte neue Honorarmodell bewertet Neder kritisch, da nur ein kleiner Teil der Bevölkerung überhaupt dazu bereit und auch in der Lage sei, für eine Altersvorsorgeberatung ein direktes Honorar zu bezahlen.
„Die praktische Folge eines ausschließlich honorarbasierten Systems wäre daher vermutlich nicht bessere Beratung, sondern schlicht weniger Beratung“, meint Neder.
„Am Ende stellt sich daher eine grundsätzliche Frage: Geht es dem Verbraucherschutz tatsächlich um pragmatische Lösungen für möglichst viele Menschen – oder eher um die Durchsetzung eines bestimmten Idealmodells?“
Der Schutz der Verbraucher bestehe nicht darin, ihnen jede Entscheidung abzunehmen. Er bestehe vielmehr darin, ihnen Wege aufzuzeigen, wie sie überhaupt anfangen könnten, Verantwortung für ihre finanzielle Zukunft zu übernehmen. Und genau dabei spielten die Vermittler im Land weiterhin eine zentrale Rolle.
Long story short
Streit um neues Beratungsmodell: Verbraucherschützer Nauhauser fordert einen neuen Berufsstand unabhängiger Finanzberater mit mehr Regulierung und Transparenz.
Vema-Vorstand Johannes Neder widerspricht klar: Er betont, dass Vermittler gesetzlich eingeschränkt sind und Kritik oft die Realität der Regulierung ausblendet.
Praxis vs. Theorie: Ein reines Honorarmodell könnte laut Neder dazu führen, dass weniger Menschen überhaupt Beratung in Anspruch nehmen.
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