Kommentar von Martin Gräfer

Riester-Reform: „Verlieren werden nicht die Kleinen, sondern die Langsamen"

Ab 2027 soll ein neues, gefördertes Altersvorsorgedepot die Riester-Rente ersetzen – ohne Garantievorgaben und lebenslangen Renten-Zwang. Geplant ist dabei auch die Einführung eines öffentlichen Standardprodukts. Warum das keine gute Idee ist, erläutert Bayerische-Vorstand Martin Gräfer in einem Kommentar.

Bayerische-Vorstand Martin Gräfer

Bayerische-Vorstand Martin Gräfer | Quelle: die Bayerische

„Die Reform der privaten Altersvorsorge wird derzeit reflexartig als Bedrohung für Lebensversicherer diskutiert. In der Debatte dominieren Pessimismus und Abwehrreflexe – besonders im Hinblick auf kleine Anbieter. Doch das ist zu kurz gedacht. Denn die entscheidende Trennlinie verläuft nicht zwischen Groß und Klein, sondern zwischen schnell und langsam.

Mehr Markt und Eigenverantwortung

Was politisch beschlossen wurde, ist kein Feinschliff, sondern ein Eingriff in die Grundlogik der Altersvorsorge. Mit dem geplanten Altersvorsorgedepot schafft der Staat erstmals ein eigenes Referenzprodukt: günstig, einfach, kapitalmarktnah. Gleichzeitig werden Garantievorgaben gelockert. Die Botschaft ist klar: weg von der Illusion vollständiger Sicherheit, hin zu mehr Kapitalmarkt und Eigenverantwortung.

Wenn ein staatlich flankiertes Depot künftig die Benchmark setzt, wird sich jedes private Vorsorgeprodukt daran messen lassen müssen – bei Kosten, Transparenz und Rendite. Genau hier liegt der Druckpunkt. Nicht in der Größe eines Anbieters, sondern in seiner Fähigkeit, sich schnell genug neu zu erfinden.

Veränderte Spielregeln

Doch die Reform hat eine zweite Dimension: Der Staat wird vom Regelsetzer zum Anbieter. Eine zentrale Rolle soll dabei der KENFO spielen, ein Fonds, der ursprünglich für die Finanzierung der nuklearen Entsorgung geschaffen wurde und nun zum Akteur in der Altersvorsorge wird. Das mag pragmatisch erscheinen, verändert aber die Spielregeln.

Ein staatlich organisierter Fonds muss keine Eigenkapitalanforderungen nach Solvency II erfüllen und keine klassische Vertriebsstruktur finanzieren. Er agiert in einem politisch definierten Rahmen und ist damit Schiedsrichter und Mitspieler zugleich.

Kein Wettbewerb auf Augenhöhe

Ein Produkt mit rund einem Prozent Kosten wirkt effizient. Tatsächlich ist es ein struktureller Kostenvorteil, den private Anbieter so nicht erreichen können. Damit entsteht kein Wettbewerb auf Augenhöhe. Der Kostendeckel verstärkt diesen Effekt: Wer Beratung begrenzt, macht sie nicht effizienter, sondern knapper. Die Folge sind standardisierte Lösungen für viele und individuelle Beratung für wenige.

Gleichzeitig verschiebt die Reform zentrale Risiken zurück auf den Einzelnen. Besonders deutlich wird das beim Langlebigkeitsrisiko. Künftig sollen Auszahlungspläne bis 85 förderfähig sein. Danach trägt der Sparer das Risiko selbst. Schon heute liegt die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen bei 84 Jahren.

Die Deutsche Rentenversicherung warnt zu Recht: Wer seine Lebenserwartung unterschätzt, läuft Gefahr, im Alter auf Grundsicherung angewiesen zu sein. Die lebenslange Rente war die kollektive Antwort auf dieses Risiko.

Blick nach Australien

Ein weiteres zeigt ein Blick nach Australien. Dort ist der Vermögensaufbau zu Fondsanbietern gewandert, während Versicherer auf die Rolle des Risikoträgers zurückgefallen sind. Die gesellschaftliche Kehrseite zeigte die Finanzkrise 2008. Australische Altersvorsorgekonten verloren damals rund 75 Milliarden australische Dollar an Wert. Besonders betroffen: Menschen kurz vor dem Ruhestand – ohne Zeit, Verluste auszugleichen.

Und genau hier stellt sich eine unbequeme Frage: Wann war der Staat eigentlich der verlässlichere Kapitalanleger? Öffentliche Kapitalanlage ist immer auch politisch geprägt. Staatliche Akteure verteilen Risiken kollektiv, private Anbieter unterliegen Marktmechanismen. Das ist ein struktureller Unterschied.

Stresstest für die Branche

Die Spielregeln verändern sich. Für die Branche bedeutet das einen Stresstest: Sie muss sich schneller verändern und gleichzeitig mit neuen Rahmenbedingungen umgehen. Die Annahme, dass vor allem kleinere Anbieter verlieren werden, ist ein Denkfehler. Größe schützt nicht vor Relevanzverlust. Geschwindigkeit entsteht selten in komplexen Strukturen. Kleinere Anbieter können hier im Vorteil sein.

Für die Politik ist die Reform ein notwendiger Schritt. Für die Branche ist sie ein Realitätstest. Die Frage ist nicht mehr, ob sich Lebensversicherer verändern müssen, sondern wie schnell. Denn verlieren werden am Ende nicht die Kleinen, sondern die Langsamen."

Long story short

  • Die Riester-Reform verändert die Altersvorsorge grundlegend: Mit einem öffentlich verwalteten Vorsorgedepot wird der Staat erstmals auch zum Anbieter und setzt neue Maßstäbe bei Kosten und Struktur.

  • Für private Anbieter entsteht kein fairer Wettbewerb, da staatliche Lösungen strukturelle Vorteile haben (z. B. geringere Kosten, weniger Regulierung).

  • Risiken werden stärker auf die Sparer verlagert – insbesondere das Langlebigkeitsrisiko, wodurch im Alter Versorgungslücken drohen.