Kolumne

Altersvorsorge kein Ikea-Regal: Mehr Standard, weniger Verantwortung

Mit dem geplanten Standarddepot will der Gesetzgeber Altersvorsorge vereinfachen – kostengünstig, ETF-basiert und ohne Beratung. AfW-Vorstand Norman Wirth warnt in seiner Kolumne jedoch vor einem Modell, das den „Standardkunden“ in den Mittelpunkt stellt und individuelle Lebensrealitäten ebenso ausblendet wie die Rolle qualifizierter Beratung.

Norman Wirth

AfW-Vorstand Norman Wirth | Quelle: AfW

Der Standardkunde hat es geschafft. Nach jahrelanger Existenz nur in Präsentationsfolien bekommt er jetzt ein eigenes Produkt: das Standarddepot – vorgesehen im geplanten Altersvorsorgereformgesetz. Endlich eine Lösung für jemanden, der keine Beratung braucht, keine Angst vor Schwankungen hat, immer rational entscheidet und natürlich langfristig denkt.

Die Idee ist super: ETFs, niedrige Kosten, klare Regeln – und alles ohne Beratung. Denn Beratung gilt inzwischen offenbar als Störfaktor. Sie ist zu teuer. Vielleicht ja auch zu menschlich. Zu individuell. Also macht man Altersvorsorge jetzt wie Möbel aus Schweden: Kurzanleitung, Inbusschlüssel und Optimismus. Wird schon. Nur: Altersvorsorge ist eben kein IKEA-Regal.

Vereinfachung zur Lösung erhoben

Wer mit 25, 40 oder 55 startet, ist nicht verGLEICHbar miteinander. Wer selbstständig ist, alleinstehend und Kinder hat, ein Sabbatical einlegt oder schlecht schläft, wenn Kurse schwanken, passt schlicht nicht ins Standardmodell. Das Standarddepot verkauft Sicherheit durch Weglassen. Keine qualifizierte Beratung, keine Einordnung, keine Verantwortung. Dafür das Vollkaskogefühl: Der Staat hat sich gekümmert. Unabhängige Vermittlerinnen und Vermittler passen da nicht ins Bild. Sie stellen Fragen und erklären Risiken. Sie sagen auch manchmal: „Das ist nichts für Sie.“ Genau das ist offenbar unerwünscht.

Kann ein Standarddepot nicht doch eine Option sein? Schon. Gibt es ja auch im IKEA-Land Schweden. Wenn es aber zur Leitidee der Altersvorsorge gemacht wird, wird Vereinfachung zur Lösung erhoben. Und dann gibt es ein perfekt standardisiertes Depot – aber für einen Kunden, den es nur in der Statistik gibt. Beratung gestrichen. Verantwortung gleich mit.  

Ihre Meinung interessiert uns!