Kommentar zum Preis „Versicherungskäse“

Wer keine Fehler macht, macht auch sonst nicht viel

Der Versicherungskäse ist einmal angetreten, um der Versicherungsbranche auf den Zahn zu fühlen. Diesen Auftrag erfüllt er längst nicht mehr. Ein Kommentar von Nadine Wiesenthal, Leiterin Nachrichtenredaktion.

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12:07 Uhr | 02. Juli | 2024
Ein kleines Mädchen sitzt vor einem Rechenschieber und weint

Um es mit Woody Allen zu sagen: “If you’re not failing every now and again, it’s a sign you’re not doing anything very innovative.”

| Quelle: Predrag Popovski

Der moderne Pranger der Versicherungswirtschaft heißt „Versicherungskäse“. Gespannt wartet die Branche jedes Jahr aufs Neue, wer dieses Mal einen Preis für das schlechteste Produkt überreicht bekommt. Und jedes Jahr aufs Neue sind auch die Klicks für die Berichte über die Nominierten und die „Gewinner“ – also die Geschmähten - bei procontra preisverdächtig.

Verständlich: Ich bin genau wie alle anderen neugierig, wen es dieses Mal getroffen hat. Trotzdem hinterlässt der Schmähpreis, der als „Verbraucherschutz-Preis“ gelten soll,  bei mir zunehmend einen schalen Beigeschmack.

Das liegt nicht nur an der Auswahl der Produkte, sondern auch an der Art wie die Kritik vorgebracht wird.

Die Auswahl des Käses

Einstmals trat der „Versicherungskäse„ an, um Versicherungsprodukten auf den Zahn zu fühlen, die keinen Nutzen bringen oder gar schaden. Die intransparent sind, lückenhafte oder nicht nachvollziehbare Leistungen bieten, deren Nutzen zweifelhaft ist oder die schlicht zu teuer sind. Versicherungsprodukte sollen existenzielle Krisen abwenden und keine situativen Schäden versichern - wie unlängst Heineken mit der „Bier-Versicherung“.

Würde dieser „Negativpreis“ sich wirklich Produkte vornehmen, die zur reinen Geldscheffelei auf den Markt gebracht werden oder nur dazu dienen, den Kunden an der Nase herumführen sollen, hätte diese Watschen von einem Preis wahrscheinlich eine Berechtigung.

Aber anstatt tief in Tarife einzutauchen und Fehler bei Versicherungen aufzuzeigen, die wirklich schmerzhafte Auswirkungen haben können, greifen sie eine Nachhilfe-Versicherung plus Rooming-In heraus, die gerade mal 30 Euro im Jahr kostet. Und wem ist jetzt damit geholfen, dass diese leicht verständliche Versicherung - eine absolute Nischenversicherung - geschmäht wird?

Ich stelle mir manchmal die jungen Mitarbeiter vor, die in hoch konservativen Unternehmen, die Versicherungskonzerne nun einmal sind, mal eine Innovation beim Vorstand durchgeboxt haben und dafür einen Schmähpreis kassieren. Denn – auch wenn es für die Jury des Versicherungskäses offenbar unvorstellbar ist – die Welt, ja auch die Versicherungswelt hat sich verändert und bietet inzwischen vieles über den Standardschutz der Existenzsicherung hinaus. Versicherer werden mehr und mehr zu Kümmerern. So lange das alles transparent und bezahlbar bleibt – kann ich die Empörung, die ein Schmähpreis mit sich bringen sollte, nicht spüren.

„Laudatio“ der Jury

Wirklich die Zehennägel kräuseln sich mir dann aber, wenn ich die Laudationes der Jury lese. Wenn mit dem herablassenden Humor einer Oberstudienrätin von den eigenen Kindern (es sind zwei) berichtet wird, die offenbar gerade in der Pubertät sind und offenbar keine Nachhilfe brauchen. Schön für die Laudatorin. Schon mal auf einer Krebs- oder Herzstation für Kinder gewesen?

Die Jury beurteilt also die Daseinsberechtigung eines Produktes nach Zahlen? Daten? Fakten? – Nein! - nach dem eigenen Erfahrungshorizont. Na was wohl ein Versicherungsmathematiker dazu sagen würde? Wahrscheinlich: Ziemlicher Käse!

Oder um es mit Woody Allen zu sagen: “If you’re not failing every now and again, it’s a sign you’re not doing anything very innovative.”