Auch wenn bei immer mehr Unternehmen die Krawatten mittlerweile wegfallen und auch in der Versicherungswirtschaft der Lackschuh dem Sneaker zunehmend Platz machen muss, gilt die Branche bei vielen Menschen als verstaubt, dröge und trocken.
Im Kampf um Nachwuchskräfte ist das eigene Image für die Versicherer eine Bürde. Denn offenbar reichen vergleichsweise hohe Gehälter und eine hohe Jobsicherheit bei vielen Bewerbern heutzutage nicht mehr aus. Mit viel Aufwand gilt es für die Versicherer folglich, an der Außenwahrnehmung Hand anzulegen. Seit 2020 wirbt die Branche unter dem Slogan „Werde Insurancer“ um Nachwuchs für den persönlichen Vertrieb.
Wer den mit der zugehörigen Landingpage verknüpften Jobatlas betrachtet, findet zahlreiche ausgeschriebene Stellen für 2023. Das Ausbildungsjahr ist am 1. August gestartet. Laut Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im Juli noch immer 228.000 Ausbildungsplätze unbesetzt.
Ob alle der auf der Insurancer-Seite ausgeschriebenen Ausbildungsstellen noch offen sind, ist unklar. Klar ist allerdings, dass es für die Branche immer schwieriger wird, Nachwuchskräfte für sich zu gewinnen.
Viele Stellen bleiben frei
Das zeigt ein Blick in Ausbildungsumfragen des Berufsbildungswerkes der Versicherungswirtschaft sowie des Arbeitgeberverbands der Versicherungswirtschaft (AGV). So stieg zuletzt die Zahl der unbesetzt gebliebenen Stellen. Blieben laut Ausbildungsumfrage 2020 nur acht Prozent der Stellen (und 15 Prozent der dualen Studienplätze) unbesetzt, waren es 2022 schon zwölf Prozent (und 20 Prozent der Studienplätze). In der aktuellen Ausbildungsumfrage 2023 fehlt die Angabe nach den unbesetzt gebliebenen Stellen.
Vermerkt ist lediglich, dass es weniger als die Hälfte (48 Prozent) der 65 sich beteiligenden Unternehmen schafften, alle zur Verfügung stehenden Ausbildungsplätze sowie dualen Studienplätze zu besetzen.
Die häufigsten Gründe dafür waren die unzureichende Qualifikation der Bewerber, der Mangel an Bewerbern in bestimmten Regionen sowie qualitativ unzureichende Bewerbungsunterlagen.
Dass die Branche beim Thema Ausbildung unter Druck gerät, zeigt auch ein Blick in die AGV-Daten. So sank die Zahl der Auszubildenen innerhalb der Versicherungsunternehmen von 13.100 im Jahr 2012 auf mittlerweile nur noch 10.400. Hinzu kommen weitere 1.930 Azubi-Plätze in Agenturen. Aber auch hier offerierten die Versicherer zehn Jahre früher deutlich mehr (2.690).
Viele bleiben im Betrieb
Allerdings gibt es auch gute Nachrichten: Denn gut drei Viertel der Ausgebildeten bleiben anschließend auch im Unternehmen. Der Großteil (50 Prozent) arbeitet später unbefristet im Innendienst, weitere 22 Prozent erhalten einen befristeten Vertrag. Die übrigen 27 Prozent werden anschließend im Außendienst tätig, 17 Prozent unbefristet, die übrigen zehn Prozent befristet.
Die hohe Übernahmequote ist auch eines der Top-Argumente, mit denen die Versicherer für sich werben. 98 Prozent der befragten Unternehmen betonen diesen Aspekt in ihrer Werbung. Weitere gewichtige Argumente sind eine flexible Arbeitsplatzgestaltung (96 Prozent), Mobilarbeit (93 Prozent), moderne Büroräume (89 Prozent) sowie moderne Arbeits- und Lernmethoden (75 Prozent).

