Versicherer und ihre ESG-Transformation: Fördern und Fordern?

Nachhaltigkeit ist zum omnipräsenten Thema geworden. Sich nicht nachhaltig zu verhalten oder gar in den Verdacht zu geraten, Greenwashing zu betreiben, wird für Unternehmen zum ernsthaften Reputationsrisiko. Das betrifft auch die Versicherungswirtschaft. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, welche Wirkung die EU-Kommission bereits erzielt hat, Finanzströme in Richtung nachhaltiger Wirtschaftsaktivitäten zu lenken. Anlageentscheidungen, Versicherungskapazitäten und Kreditvergaben werden zunehmend unter ESG-Vorbehalte gestellt.
Erstaunlich ist, dass das neben dem öffentlichen Druck im Wesentlichen (nur) auf Informations- und Transparenzanforderungen zurückzuführen ist. Darauf basieren nämlich die bisherigen regulatorischen Vorgaben aus Brüssel. Verbote, einzelne Wirtschaftsaktivitäten unter ESG-Aspekten durchzuführen, wurden hingegen nicht erlassen. In Diskussionen mit Vertretern aus der Versicherungswirtschaft begegnen mir dazu des Öfteren Verunsicherungen und Fehlinterpretationen.
Das betrifft unter anderem die Zeichnung von Risiken in der Schaden-Unfallversicherung, wovon dann unmittelbar versicherungssuchende Unternehmen aus vermeintlich ESG-unkonformen Branchen, wie beispielsweise Energieversorger oder energieintensive Wirtschaftszweige, betroffen sind. Die Diskussion geht zum Teil so weit, ob man den Beschäftigten dieser Betriebe noch eine betriebliche Altersvorsorge anbieten kann. Einzelne Marktteilnehmer stellen für sich sogar schon die Kfz-Versicherung oder die Absicherung landwirtschaftlicher Risiken auf den Nachhaltigkeitsprüfstand.
Die kritische Auseinandersetzung mit Risiken unter ESG-Aspekten ist grundsätzlich zu begrüßen. Allerdings haben die Versicherer ihre Rolle in diesem Veränderungsprozess noch nicht gefunden. Auch hier gilt: „Der Weg ist das Ziel“. Versicherungsschutz ist für die meisten Wirtschaftsaktivitäten essenziell. Die Versicherer haben somit die Chance, im Sinne von „Fördern und Fordern“, über den Risikotransfer und natürlich auch die Kapitalanlage starken Einfluss auf die Nachhaltigkeitstransformation ihrer Kunden zu nehmen.
