Run-Off-Spezialist zieht Bilanz

Viridium kündigt höhere Überschüsse an

Die Kunden von zwei Viridium-Töchtern können mit steigenden Überschussbeteiligungen rechnen. Ob das Run-Off-Unternehmen weitere Bestandskäufe plant und wann die Übernahme der Zurich-Verträge genehmigt werden könnte, verlautbarte CEO Tilo Dresig

Author_image
14:05 Uhr | 03. Mai | 2023
Viridium-CEO Tilo Dresig

Hat steigende Überschüsse für Proxalto- und Entis-Kunden verkündet: Viridium-CEO Tilo Dresig.

| Quelle: Petersohn

Vor genau vier Jahren hat der Abwicklungsspezialist Viridium den Bestand der Generali Lebensversicherung übernommen. Ein Anlass, den das Unternehmen nutzen wolle, um Bilanz zu ziehen und einen Ausblick zu wagen. Dass dem Abwicklungsunternehmen mehr Transparenz gut zu Gesicht stünde, haben die vergangenen Monate gezeigt. Die Kundenbeschwerden über ausbleibende oder fehlerhafte Auszahlungen mehrten sich, der Abwickler rückte in den Fokus der BaFin.

Das verheerende Urteil der Finanzaufsicht im vergangenen Jahr: Drei Viridium-Töchter, Entis (vormals Protektor bzw. Mannheimer Leben), Skandia und Heidelberger Leben, wiesen die höchsten BaFin-Beschwerdequote aller Lebensversicherer auf dem deutschen Markt auf. Eine vierte Holding, Proxalto, die 2019 den Generali-Bestand mit 2,2 Millionen Verträgen aufgekauft hatte und damit die größte Viridium-Gesellschaft ist, verzeichnet die sechsthöchste Beschwerdequote. Proxalto steht deswegen mittlerweile im Visier der Verbraucherschützer, die seit Monaten neue Fälle und Kundenbeschwerden sammeln.

Das hohe Aufkommen der Kundenbeschwerden begründet das Unternehmen weiterhin vorrangig mit der IT-Umstellung: 2,2 Millionen Verträge und 900 unterschiedliche Tarife mussten auf eine neue Plattform übertragen werden, was zu „spürbaren Einschränkungen im Service“ geführt hat. „Inzwischen sind die Nacharbeiten in der IT und im Kundenservice sehr weit fortgeschritten, die Prozesse laufen zunehmend reibungslos, wenngleich weitere temporäre Auswirkungen im Kundenservice nicht völlig auszuschließen sind.“ Die Anzahl der Kundenbeschwerden gehe seit dem Hoch im Herbst 2022 deutlich zurück, sagte CEO Tilo Dresig, Vorstandsvorsitzender der Viridium Gruppe, bei einem Pressegespräch am Mittwoch in Frankfurt am Main.

Für alle vier Viridium-Töchter seien nun 900 Mitarbeiter im Kundenservice tätig. Allerdings bedeutet Masse nicht gleich Klasse. Ein Makler, der selbst Proxalto-Kunde ist, vermutet gegenüber procontra, dass das Personal oft nicht gut genug auf die komplexen Themen vorbereitet worden sei. Das Wissen der Servicemitarbeiter sei häufig schlicht zu gering, um die Verträge korrekt bearbeiten zu können.

Dresig spricht dennoch von einer einzigartigen Lernkurve, die der Lebensversicherer gemacht habe und von „spezialisierten Teams“, die nun Kundenanfragen bearbeiten würden. Dass komplizierte LV-Verträge und hunderte unterschiedliche Tarife eine Spezialisierung erfordern, hätte das Unternehmen allerdings bereits vor dem Kauf wissen müssen. Tatsächlich habe man 200 Mitarbeiter von Generali bei dem Kauf mit übernommen, gereicht hat das indessen offenbar nicht. „Nachrekrutieren und schulen dauert“, so Dresig.

Proxalto- und Entis-Kunden bekommen mehr Geld

Das Unternehmen will nun mit einer positiven Nachricht dagegensetzen und verkündet erstaunlich früh die Erhöhung der Überschussbeteiligungen zum 1. Januar 2024: Demnach steigt für Proxalto-Kunden die laufende Mindestverzinsung um 1,1 Prozentpunkte auf 2,35 Prozent. „Von der höheren Verzinsung profitieren 40 Prozent der Proxalto-Kund:innen, alle anderen haben bereits höhere Zinsgarantien von bis zu 4 Prozent“, sagte Dresig. Die durchschnittliche laufende Verzinsung liege damit bei 3,03 Prozent.

Auch Entis-Kunden werden von einer Erhöhung der laufenden Verzinsung auf 3,25 Prozent, was einem Plus von 0,25 Prozentpunkten entspricht, profitieren. „Das ist der höchste Wert im deutschen Markt“, erklärt das Unternehmen. Viridium begründet den Anstieg mit Skaleneffekten, zu denen die finanzielle und operative Modernisierung gehöre. Die laufenden Kosten seien gesunken, Kapitalanlagen wurden neu strukturiert, die Solvenzquote ist gestiegen. „Die Proxalto ist jetzt finanziell und operativ eine auch auf lange Sicht stabil aufgestellte Lebensversicherung. Dies ermöglicht auch die jetzt beschlossene signifikante Erhöhung der Überschussbeteiligung“, so das Unternehmen.

Zudem seien die Stornoquoten des Lebensversicherers, der sich ausschließlich auf das Bestandskundengeschäft fokussiert, kontinuierlich gesunken. Habe das Stückstorno vor der Übernahme noch bei gut drei Prozent pro Jahr gelegen, sei sie 2021 bereits auf 2,3 Prozent und im vergangenen Jahr auf 1,8 Prozent, „selbst in der Phase der IT-Umstellung“, gesunken. Dresig sieht das als Beleg für eine hohe Kundenzufriedenheit. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Kunden kündigen ohnehin seltener vorzeitig Lebensversicherungsverträge.

Genehmigung der Zurich-Übernahme

Die Viridium-Gruppe betreut aktuell insgesamt 3,6 Millionen Versicherungsverträge mit rund 65 Milliarden Euro Kapitalanlagen. Der Bestand schrumpft jedes Jahr, das macht den Zukauf weiterer Lebensversicherungsverträge nötig. Im Juni 2022 wurde mit der Zurich Gruppe Deutschland ein Vertrag über den geplanten Erwerb von rund 700.000 Versicherungsverträgen sowie Kapitalanlagen in Höhe von rund 20 Milliarden Euro geschlossen.

Die BaFin muss dem Deal allerdings noch zustimmen. Warum das Verfahren noch andauert, erklärt Dresig damit, dass es sich um ein neuartiges Verfahren handele. So nimmt die Zurich in einem ersten Schritt einen Teil des Bestandes raus (Spin-Off) und überträgt ihn in eine separate Firma, in einem zweiten Schritt wird dieser dann an Viridium verkauft. Der erste Schritt ist noch nicht abgeschlossen. Wann die Finanzaufsicht den Verkauf geprüft und genehmigt haben wird, kann CEO Dresig nicht sagen. Nur so viel: Die zweite Jahreshälfte des laufenden Jahres sei anvisiert.

„Wir verzetteln uns nicht.“

Auch über den Kaufpreis will Dresig nichts sagen, Gerüchten zufolge liege dieser bei rund 500 Millionen Euro. Die Übernahme könne Viridium aus eigener Kraft stemmen, das Geld der Aktionäre sei dafür nicht notwendig. Auch die IT-Umstrukturierung wolle man wieder – wie zuvor bei Proxalto – nicht mit Kundengeldern stemmen. Wie hoch genau der Betrag dafür sein wird, ließ Dresig offen, sprach aber von einem dreistelligen Millionenbetrag. Der Umbau bei Proxalto schlug mit 250 Millionen Euro zu Buche. „So hoch wird es bei der Zurich nicht“, so Dresig.

Weitere Übernahmen plane der Abwickler vorerst nicht: „Wir fokussieren uns auf Proxalto und Zurich. Wir verzetteln uns nicht.“ Dass es nicht auch bei der nächsten Übernahme zu strukturellen Problemen komme, könne Dresig nicht garantieren, doch plane das Unternehmen dieses Mal vorausschauender, um Fehler in der Auszahlung zu verhindern. Die positiven Nachrichten von der Erhöhung der Überschüsse könnten dem Unternehmen für das Genehmigungsverfahren bei der BaFin nun zumindest in die Karten spielen.