Wieder einmal steht die Altersvorsorge auf dem Prüfstand. Der Regierungsentwurf für das Altersvorsorgereformgesetz will die dritte Säule der Alterssicherung, die private Vorsorge, stärken. Sie soll attraktiver werden, insbesondere für Gering- und Mittelverdiener. Doch wie so oft liegt auch hier der Fehler nicht im guten Willen, sondern im Denkmodell dahinter.
Flexibilität wird hier als Qualitätsmerkmal verkauft
Ein Element des Entwurfs ist die Gleichstellung lebenslanger Renten mit befristeten Auszahlungsplänen. Mathematisch betrachtet ist dies eine bewusste Risikotransformation. Denn bei einer lebenslangen Rente wird das Langlebigkeitsrisiko kollektiv über alle Versicherten geteilt, während ein befristeter Auszahlungsplan (zum Beispiel bis 85 Jahre) das Risiko für das Überschreiten dieses Alters auf die Einzelperson verlagert. Nur kollektive, lebenslange Rentenmodelle können das Versprechen einer verlässlichen Alterssicherung einlösen.
Ähnlich verhält es sich mit den geplanten Wechselmöglichkeiten in der Ansparphase. Flexibilität wird hier als Qualitätsmerkmal verkauft. Doch wer ständig wechseln kann, entzieht dem Kapitalmarkt langfristige Mittel. Das ist wiederum schlecht für die Rendite der Sparer und für gesamtgesellschaftliche Großprojekte, wie die Transformation zur klimaneutralen Wirtschaft. Für die Anbieter bedeutet das, auf Liquidität statt Langfristigkeit zu steuern. Die Wechselkosten treffen zudem nur die treuen Bestandskunden. Ein Kompromiss wäre hier eine Wechseloption nur für zukünftige Beiträge.
Weniger Information ist kein Bürokratieabbau
Besonders irritierend ist allerdings die geplante Abschaffung der Produktinformationsstelle Altersvorsorge. Transparenz wird nicht besser, wenn man bewährte Vergleichsmaßstäbe streicht. Wer Menschen für private Vorsorge gewinnen will, muss ihnen ermöglichen zu verstehen, was sie tun und welche Risiken sie eingehen. Weniger Information ist kein Bürokratieabbau, sondern ein Rückschritt.
Positiv ist hingegen, dass unterschiedliche Garantieniveaus für den Beitragserhalt zugelassen werden. Wahlfreiheit zwischen Sicherheit und Renditechancen ist sinnvoll, solange daraus nicht die Pflicht für den Einzelnen erwächst, Risiken einzugehen. Zudem gilt, für Standardprodukte ganz auf Garantien zu verzichten, ist gefährlich. In guten Zeiten mag es überzeugen, in Krisen dagegen zerstört es Vertrauen. Zuverlässige Altersvorsorge darf nicht vom nächsten Börsenzyklus abhängen.
Fazit: Die Reform will vieles gleichzeitig: mehr Freiheit, mehr Rendite, mehr Beteiligung. Das geht aktuell nur auf Kosten von Sicherheit und Solidarität. Wer Altersvorsorge fördern will, darf Langlebigkeit nicht ignorieren, sondern muss kollektive Absicherung stärken und echte Transparenz für die Kunden schaffen.

