Gebraucht statt neu

Ersatzteile: Versicherer drängen bei Autoreparaturen auf Secondhand

Besser für die Umwelt, besser für den Geldbeutel: Die Versicherer wollen bei der Reparatur von Fahrzeugen stärker auf gebrauchte Ersatzteile setzen. Ganz so einfach ist das aber nicht.

Blick auf einen Schrottplatz von oben

Die Versicherer wollen bei der Reparatur von Autos stärker auf gebrauchte Ersatzteile setzen. | Quelle: Bim

Reparieren statt Ersetzen: Die deutschen Versicherer wollen bei der Reparatur von Unfallfahrzeugen verstärkt auf gebrauchte Ersatzteile setzen.

In einer aktuellen Pressemitteilung bringt der Versichererverband GDV vor allem ökologische Gründe für ihren Vorstoß. „Allein in Deutschland ließen sich jährlich mehr als 420.000 Tonnen CO2 einsparen, wenn geeignete Ersatzteile systematisch wiederverwendet würden“, bemerkte Anja Käfer-Rohrbach, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin beim GDV.

Einsparpotenzial für Versicherer

Unerwähnt lässt der Verband dabei, dass das Thema auch eine ökonomische Komponente besitzt. Die Preise für Ersatzteile sind für die Kfz-Versicherer zu einem großen Kostentreiber geworden. Seit 2015 haben sich laut GDV die Preise für Kotflügel, Stoßfänger & Co. um mehr als 80 Prozent erhöht. Das ist ein weitaus mehr als die allgemeine Inflation. Diese Preisentwicklung drückte zuletzt viele Versicherer in die Verlustzone. Die Folge: Viele Anbieter passten zuletzt die Versicherungsprämien merklich an.

Mit dem Einsatz gebrauchter Ersatzteile ließe sich indes in den meisten Fällen Geld sparen. Das Allianz Center for Technology (ATZ) hatte dies im vergangenen Jahr einmal am Beispiel der Fahrertür eines Golf VII errechnet. Während der Einbau einer neuen Tür mit 2.121 Euro zu Buche schlug, würde der Einbau einer gebrauchten Tür nur 1.967 Euro kosten: eine Ersparnis von 7,3 Prozent.

Rechtlich möglich

Rechtlich ist eine Reparatur mittels gebrauchter Ersatzteile bereits heute möglich. „Jetzt geht es darum, praktikable Standards und Akzeptanz in der Praxis weiterzuentwickeln“, so Käfer-Rohrbach. Dazu gehören unter anderem eine geeignete Auswahl an Bauteilen, transparente Qualitätskriterien sowie eindeutig geregelte Garantie- und Gewährleistungsfragen.

So gelte es beispielsweise in Leasingverträgen sowie in Garantiebedingungen der Fahrzeughersteller zu regeln, unter welchen Voraussetzungen der Einsatz gebrauchter Ersatzteile zulässig ist.

Das Thema spielt in diesem Jahr auch eine prominente Rolle beim derzeit stattfindenden Verkehrsgerichtstag in Goslar. Thematisiert wurden hier am Rande des Harzes auch einige Probleme, die einer stärkeren Nutzung von Ersatzteilen noch im Wege stehen.

Ungelöste Probleme

Zu nennen ist hier unter anderem die mangelnde Verfügbarkeit. Zwar erscheine das Angebot an gebrauchten Teilen sehr groß, schilderte der Kfz-Sachverständige Marco Schmitz. Allerdings müsste das Gebrauchtteil immer zum konkreten Einzelfall passen und zu einem verfügbaren Preis verfügbar sein. Tatsächlich unterlägen Preisbildung und Abrufbarkeit jedoch Marktmechanismen, die einer verlässlichen Kalkulation im normalen Haftpflichtschadenentgegenstehen, so Schmitz. Der Vize-Präsident des Bundesverbands der freiberuflichen und unabhängigen Sachverständigen für das Kraftfahrzeugwesen wies zudem darauf hin, dass der Nachweis der technischen Gleichwertigkeit eines gebrauchten Ersatzteils heute nur eingeschränkt möglich sei. So können sich selbst bei gleichen Modellen die Teile unterscheiden, beispielsweise bei der Lackcharge. Selbst wenn die Teile die gleiche Lackfarbe haben, können sie aufgrund sich ändernder Zusammensetzung, Farbmischungen oder Farbtonabweichungen anders aussehen.

Kfz-Sachverständige skeptisch

Die Gleichwertigkeit von neuen und gebrauchten Teilen festzustellen, wäre laut Schmitz entsprechend aufwendig und kaum alltagstauglich. Entsprechend zeigte sich der Kfz-Sachverständige skeptisch, dass gebrauchte Ersatzteile künftig flächendeckend zum Einsatz kommen.

Verkehrsrechtsanwalt Jens Dötsch mahnte zudem, dass die Kunden nicht zum Spielball unterschiedlicher Interessen werden dürfe. Dies könnte der Fall sein, wenn der Versicherer auf ein gebrauchtes Ersatzteil pocht, die Werkstatt jedoch nur mit einem Neuteil ausführen will. Entsprechend macht der Wunsch der Versicherer Sinn: Diese fordern ein Zusammenspiel  aller Akteure, spricht den Versicherern, den Werkstätten, den Teileanbietern, den Herstellern sowie auch den Autobesitzern. „Nachhaltig reparieren funktioniert nur gemeinsam“, heißt es entsprechend in einer Presseerklärung des GDV. Auf dem Verkehrsgerichtstag soll nun über mögliche Leitlinien diskutiert werden, um diese Gemeinsamkeit zu erreichen.

Long Story short

Der GDV will aus ökologischen und wirtschaftlichen Gründen verstärkt gebrauchte Ersatzteile bei der Reparatur von Unfallfahrzeugen einsetzen, um CO₂ zu sparen und steigende Ersatzteilkosten in der Kfz-Versicherung zu dämpfen. Praktische Hürden wie Verfügbarkeit, Qualitätsnachweise, rechtliche Unsicherheiten und Akzeptanz bei Werkstätten und Kunden gelten laut Experten jedoch weiterhin als zentrale Bremsfaktoren.