pro&contra

Pflegenotstand: Kann eine private Zusatzversicherung die Lücke schließen?

Die Eigenanteile in der Pflege explodieren. Eine private Pflegezusatzversicherung verspricht Schutz vor der wachsenden Finanzlücke. Doch wie verlässlich ist dieses Versprechen? Lesen Sie hierzu unser pro&contra zwischen Anne Kristina Vieweg vom PKV-Verband und Philipp Opfermann von der Verbraucherzentrale NRW.

Anne Kristina Vieweg vom PKV-Verband und Philipp Opfermann von der Verbraucherzentrale NRW

Anne Kristina Vieweg, Geschäftsführerin und Leiterin des Geschäftsbereichs Pflege im PKV-Verband, und Philipp Opfermann, Referent Finanzen und Versicherungen bei der Verbraucherzentrale NRW | Quelle: PKV-Verband / Verbraucherzentrale NRW

Pro private Pflegezusatzversicherung

Für kaum ein anderes Risiko kann man finanziell so gut und langfristig vorsorgen wie für die Pflege
Anne Kristina Vieweg

Geschäftsführerin und Leiterin des Geschäftsbereichs Pflege im PKV-Verband

Die Pflegeversicherung steht aktuell im Fokus der politischen Debatte. Vor allem die steigenden Eigenanteile im Pflegefall sorgen für Diskussionen. Allein für die rein pflegebedingten Kosten bei stationärer Versorgung werden derzeit rund 1.800 Euro im Monat fällig. So mancher fordert vor diesem Hintergrund eine Pflegevollversicherung oder einen so genannten „Sockel-Spitze-Tausch“.

Doch diese Vorschläge würden die Beiträge explodieren lassen und die jungen Generationen massiv belasten. Dabei gibt es schon längst ein sehr gutes Instrument, um gegen das finanzielle Risiko im Pflegefall selbst vorzusorgen: Die private Pflegezusatzversicherung – entweder individuell oder betrieblich organisiert. Die Politik sollte dieses Instrument daher besser fördern.

Früher Einstieg senkt Beiträge deutlich

Für kaum ein anderes Risiko kann man finanziell so gut und langfristig vorsorgen wie für die Pflege, die ja meist erst im hohen Alter eintritt. Weil für jüngere Versicherte in der Regel für einen langen Zeitraum keine Leistungsausgaben anfallen, können die Versicherungsunternehmen die Beiträge in der Zwischenzeit am Kapitalmarkt anlegen. Die Versicherten profitieren von der Anlagerendite.

Die Beitragshöhe einer Zusatzversicherung hängt deswegen einerseits vom Lebensalter bei Vertragsabschluss ab, andererseits vom gewählten Versicherungsumfang. Grundsätzlich gilt: Je früher man den Vertrag abschließt, desto geringer ist der Beitrag.

Dabei ist eine Pflegezusatzversicherung günstiger als viele denken. Die Ratingagentur Assekurata hat ausgerechnet, wie teuer eine vollständige Absicherung der Finanzierungslücke bei unterschiedlichem Abschlussalter wäre. Dafür kommt zum Beispiel eine Zusatzversicherung in Frage, die bei stationärer Pflege die rein pflegebedingen Kosten von durchschnittlich 1.800 Euro (Wert für 2025) komplett abdeckt. Für eine solche Vollabsicherung müsste man zum Beispiel mit 25 Jahren mit einem Beitrag von 32 Euro pro Monat rechnen. Bei einem Einstieg mit 35 Jahren wären es 47 Euro.

Chemieindustrie als Vorreiter für betriebliche Lösungen

Neben einer solchen individuellen Vorsorge bieten auch betriebliche Pflegezusatzversicherungen eine gute Möglichkeit zur Vorsorge. Ein Vorreiter ist hier die Chemieindustrie. Sie hat mit „Careflex Chemie“ im Tarifvertrag für die gesamte Branche eine betriebliche Lösung eingeführt, mit der für über 400.000 Angestellte die Pflegelücke geschlossen werden kann. Auf diesem Weg können also große Teile der Gesellschaft einen besonders effizienten und günstigen Zugang zur Pflegevorsorge bekommen.

Insgesamt verfügen derzeit rund 4 Millionen Menschen in Deutschland über eine Pflegezusatzversicherung - entweder individuell oder als betriebliche Lösung. Damit sind wir freilich noch ein großes Stück von einer flächendeckenden Absicherung entfernt. Um diese wichtige Vorsorge für den Pflegefall breiter in der Gesellschaft zu verankern, ist es daher wichtig, sie noch attraktiver zu gestalten. Ein erster Schritt wäre, für die Beiträge zu einer Pflegezusatzversicherung steuerliche Entlastungen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer einzuführen.

Contra private Pflegezusatzversicherung

Man muss sich auf die Pflegezusatzversicherung verlassen können – das ist aktuell oftmals nicht der Fall.
Philipp Opfermann

Referent Finanzen und Versicherungen bei der Verbraucherzentrale NRW

Es könnte so einfach sein: Hoher und steigender Eigenanteil im Pflegefall – Bedarf an eigener Vorsorge erkannt – Versicherungsprodukt für die individuelle „Pflegelücke“ abgeschlossen. Die Realität sieht leider oftmals anders aus.

Das Thema Pflege ist allgegenwärtig. Jeder kennt in seinem Umfeld einen Pflegefall und was dieser für Betroffene wie Angehörige bedeutet – nicht zuletzt auch finanziell. Da ist der Wunsch so verständlich wie redlich, wenn Menschen für die eigene Pflegebedürftigkeit vorsorgen möchten. Lösungen hierfür bietet der Markt reichlich und die Produkte werden mit tatkräftiger Unterstützung des Vertriebs an Mann und Frau gebracht. Schließlich wolle man seinen Kindern nicht auf der Tasche liegen etc. Die „Kinder-haften-für-ihre-Eltern-Story“ zieht bei solch einem emotionalen Thema.

Wenn Vorsorge zur Kostenfalle wird

Leider aber wenden sich regelmäßig überforderte, oft verzweifelte, mindestens aber verärgerte Verbraucher an die Verbraucherzentralen, die ihre Pflegezusatzversicherungen nicht mehr zahlen können. Die Beiträge hierzu sind nicht angestiegen, sie sind geradezu explodiert. Sie haben sich über die Jahre verdoppelt und verdreifacht, nicht selten aber auch von einem auf den anderen Monat.

So wie bei Rentnerin Gabriele, die sich bisher die 264 Euro Monatsbeitrag von ihrer Rente abgespart hat. Nun sollte sie nach Beitragsanpassung von einem auf den anderen Monat rund 520 Euro zahlen – mit freundlichen Grüßen des Versicherers. Wohlgemerkt: Ohne eine Anpassung der Leistung, das vereinbarte Tagegeld bleibt dabei konstant!

Gründe dafür haben die Versicherer reichlich und erzählen ihren verzweifelten Kunden etwas von Pflegestärkungsgesetzen, veränderten Leistungsausgaben oder Sterbewahrscheinlichkeiten. Der „Treuhänder-Joker“ sticht, der Kunde kann nichts dagegen unternehmen. Die Folge: Versicherungsnehmer müssen ihre Verträge nach vielen Jahren kündigen oder Leistung deutlich reduzieren. Kurz vor einem etwaigen Leistungsfall kommt das dem Versicherer wohl nicht ungelegen…

Wo bleibt der Aufschrei der Branche?

Das kann und darf es aber doch bitte nicht sein!?! Wenn in der Berufsunfähigkeitsversicherung die Versicherer durch die Bank weg mit günstigen Prämien Kunden locken und dann binnen weniger Jahre doppelte und dreifache Beiträge ohne Leistungsanpassung verlangen würden – es gäbe wohl zurecht einen Aufschrei im Vertrieb und der gesamten Branche. Wie soll ich das meinem Kunden noch erklären?!? Bei der Pflegezusatzversicherung fehlt mir dieser Aufschrei.

Dabei könnte die Pflegezusatzversicherung die „BU des Alters“ sein. Dann muss man sich aber auch auf sie verlassen können und das ist aktuell oftmals nicht der Fall. Vielleicht schauen Gesetzgeber und Aufsicht auch nicht genau genug hin und so können Versicherer nachträglich ihre Tarifkalkulation zu Ungunsten der Betroffenen korrigieren. Solange das aber so ist und die Pflegezusatzversicherung nicht verlässlich und unterm Strich nicht mehr bezahlbar ist, so lange sind Verbraucher vielleicht besser beraten, wenn sie alternativ vorsorgen. Darüber müssen wir reden.

Pro & Contra Pflegezusatzversicherung

Pro-Argumente

  • Schließt die hohe Pflegelücke und entlastet Angehörige.

  • Früher Abschluss sichert vergleichsweise niedrige Beiträge.

  • Auch als betriebliche Lösung effizient umsetzbar.

Contra-Argumente

  • Teilweise starke Beitragssteigerungen im Zeitverlauf.

  • Kaum Einfluss der Kunden auf Prämienanpassungen.

  • Risiko der Kündigung kurz vor dem Leistungsfall.

Pflegenotstand: Kann eine private Zusatzversicherung die Lücke schließen?