In einem Interview, das Huk-Coburg-Chef Klaus-Jürgen Heitmann der „Süddeutschen Zeitung“ gab, zeigt er sich mit der aktuellen Geschäftsentwicklung zufrieden: 2025 verzeichnete der Konzern Rekordwerte beim Neugeschäft, im laufenden Jahr könnte die Marke von 15 Millionen versicherten Fahrzeugen fallen.
Nach dem Krisenjahr 2023, als eine stark gestiegene Schadenlast tiefrote Zahlen verursachte, geht es dank zweistelliger Preiserhöhungen der vergangenen Jahre wieder aufwärts. Das Unternehmen verdient im Kerngeschäft wieder auskömmlich. Zu weiteren Preisanpassungen äußert sich Heitmann aus kartellrechtlichen Gründen nicht konkret, verweist aber auf eine anhaltend hohe Schadeninflation, die deutlich über der allgemeinen Teuerungsrate liegt.
Ersatzteile und Werkstattkosten als Preistreiber
Die Ersatzteilpreise treiben die Schadeninflation zum Leidwesen der Versicherer nach wie vor an. Automobilhersteller nutzen Ersatzteile als margenstarke Ertragsquelle und dieser Trend dürfte mit Blick auf die aktuellen wirtschaftliche Lage der Hersteller noch einige Zeit anhalten.
Ebenso bereiten die Stundensätze in den Werkstätten den Anbietern Kopfzerbrechen mit teils über 400 Euro pro Stunde. Zwar steuere die Huk-Coburg gegen und verfüge über langfristige Verträge mit 1.800 Partnerwerkstätten, doch auch diese müssten angesichts des Personalmangels marktgerecht zahlen.
Personenschäden machen zwar nur rund sieben Prozent der Schadenlast aus, können im Einzelfall aber erhebliche Summen erreichen. Heitmann nennt als Beispiel einen Unfall aus dem April 2025 mit Schädel-Hirn-Trauma und Armamputation, bei dem sich durch Pflegekosten, Hausumbau und Verdienstausfall ein Gesamtschaden von rund 15 Millionen Euro summierte.
KI-Pricing statt klassischer Tarifmerkmale
Besonders aufschlussreich für Vermittler ist die Tarifierungsstrategie des Marktführers. Statt auf klassische Merkmale wie Schadenfreiheitsklasse, Fahrzeugtyp, Fahrleistung oder Beruf des Fahrers zu setzen, nutzt die Huk-Coburg laut Heitmann Datenanalyse und künstliche Intelligenz, um Risiken deutlich granularer zu bewerten.
Zwei Beispiele aus der Praxis:
Ein 18-jähriger Fahrer mit einem fünf Jahre alten, gut ausgestatteten Fahrzeug zahlt künftig statt 650 Euro nur noch 590 Euro Jahresbeitrag – da moderne Assistenzsysteme und eine gemischte Fahrzeugnutzung durch mehrere, teils erfahrenere Personen das Risiko senken.
Ein junger Fahrer mit einem alten, schlecht ausgestatteten Fahrzeug zahlt hingegen mehr: Der Beitrag steigt von 820 auf 870 Euro, da sich fehlende Sicherheitstechnik und alleinige Nutzung durch eine unerfahrene Person gegenseitig verstärken.
Basis dieser Kalkulation ist laut Heitmann der große Datenbestand aus knapp 15 Millionen versicherten Fahrzeugen sowie der seit 2016 angebotene Telematik-Tarif, den mittlerweile 850.000 Kunden nutzen. Wer nachweislich vorsichtig fährt, kann hier bis zu 30 Prozent Rabatt erzielen.
Risikoreiche Kunden werden durch das Pricing-Modell gezielt in Richtung höherer Beiträge gesteuert und meiden den Versicherer entsprechend. Für Vermittler bedeutet das, dass sich diese Kundengruppen verstärkt auf dem freien Markt und in der persönlichen Beratung wiederfinden dürften – mit entsprechenden Anforderungen an Underwriting und Bestandssteuerung im eigenen Portfolio.
Langfristig weniger Bedarf an Kfz-Versicherung?
Über die aktuelle Marktlage hinaus wirft Heitmann einen Blick in die Zukunft. Die Unfallhäufigkeit ist seit den 1970er-Jahren massiv gesunken: von rund 150 Unfällen pro 1.000 versicherten Fahrzeugen auf aktuell etwa 40. Dass die Branche dennoch nicht geschrumpft ist, liegt am gewachsenen Fahrzeugbestand, der sich von rund 18,5 Millionen im Jahr 1972 auf heute 61,3 Millionen erhöht hat.
Mit fortschreitender Verbreitung von Assistenzsystemen und autonomem Fahren rechnet Heitmann mit einem weiteren Rückgang der Schadenfrequenz – möglicherweise auf zehn Schäden pro 1.000 Fahrzeuge. Da der Fahrzeugbestand 2026 nur noch um geschätzte 0,3 Prozent wächst, würde dies unmittelbar das Prämienvolumen der gesamten Sparte schrumpfen lassen.
Sinkt die Schadenhäufigkeit entsprechend, könnte eine Kfz-Police künftig statt 600 Euro nur noch rund 200 Euro kosten. Bei einem dann geringeren Preisabstand zwischen den Anbietern dürften viele Kunden aus Bequemlichkeit bei ihrem bisherigen Versicherer verbleiben – was den Wettbewerbsdruck auf die gesamte Branche erhöht.
Huk arbeitet bereits an Alternativen zum Kfz-Geschäft
Um die Abhängigkeit vom Kerngeschäft zu reduzieren, baut die Huk gezielt weitere Sparten aus. In der Hausratversicherung verzeichnet der Konzern inzwischen 3,6 Millionen Kunden – ein Plus von zehn Prozent binnen zwei Jahren. In der Haftpflichtversicherung sind es 5,27 Millionen Verträge, ebenfalls mit deutlichem Wachstum von vier Prozent. In beiden Sparten ist die Huk-Coburg nach eigenen Angaben inzwischen Marktführer.
Auch im Servicebereich rund ums Fahrzeug investiert der Versicherer: Die Mehrheitsübernahme der Werkstattkette Pitstop (300 Niederlassungen, 84,9 Prozent Beteiligung seit 2025) bietet Huk-Kunden vergünstigte Konditionen bei Reifenwechsel oder TÜV-Abnahme. Ein zuvor gestartetes Auto-Abo wurde dagegen mangels Erfolg eingestellt.
Trotz aller Diversifizierungsbemühungen bleibt die Kfz-Versicherung mit 6,1 Milliarden Euro Beitragseinnahmen weiterhin die tragende Säule mit über der Hälfte des Konzernumsatzes von elf Milliarden Euro.
Kostenvorteil durch Direktvertrieb?
Als zentralen Wettbewerbsvorteil nennt Heitmann die niedrige Kostenquote: Da die Huk-Coburg kaum über traditionelle Vertreter oder Makler vertreibe und auch nicht auf Vergleichsportalen wie Check24 gelistet sei, liege die Kostenquote bei unter neun Prozent der Beitragseinnahmen – gegenüber einem Marktdurchschnitt von rund 17 Prozent.
Long Story short
Schadeninflation bleibt hoch: Ersatzteilpreise und Werkstatt-Stundensätze von teils über 400 Euro treiben die Kosten in der Kaskoversicherung, unabhängig von der sinkenden Unfallfrequenz.
KI-gestütztes Pricing verschärft die Risikoselektion: Die Huk nutzt Fahrassistenz-Merkmale, Telematik-Daten und KI-Analysen statt klassischer Typ- und Regionalklassen. Risikoreiche Kunden werden gezielt über den Preis ausgesteuert.
Prämienvolumen könnte langfristig sinken: Heitmann rechnet mit einer Reduktion des Schadenaufkommens durch autonomes Fahren – und in der Folge mit einem möglichen Rückgang des Durchschnittsbeitrags von aktuell 600 auf rund 200 Euro.

