Fünf Jahre nach der Ahrtal-Flut: BdV fordert Neustart beim Schutz vor Elementargefahren
Die Flutkatastrophe vom 14. und 15. Juli 2021 gehört zu den schwersten Naturkatastrophen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Nach Starkregenfällen durch Tief „Bernd" verursachten Überschwemmungen vor allem in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, aber auch in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen extreme Verwüstungen. Besonders hart traf es das Ahrtal.
Deutschlandweit verloren über 180 Menschen ihr Leben. Bund und Länder legten einen Wiederaufbaufonds mit einem Volumen von bis zu 30 Milliarden Euro auf.
BdV legt Impulspapier vor
Anlässlich des bevorstehenden fünften Jahrestages der Katastrophe hat der Bund der Versicherten (BdV) nun ein Impulspapier erarbeitet, in dem er einen grundlegenden Neustart beim Schutz vor Naturgefahren fordert.
Darin trennt der BdV, der sich grundsätzlich für ein kollektives Pflichtsystem einsetzt, zwischen einer privaten Elementarschadenversicherung für Wohngebäude und der staatlich organisierten Katastrophenvorsorge. Die Elementarschadenversicherung als Bestandteil jeder Wohngebäudeversicherung soll seiner Vorstellung nach durch ein gesetzliches Leitbild einen Mindestschutz für Verbraucher bilden. Eine risikoadäquate Ausgestaltung soll möglich sein, ebenso zusätzliche individuelle Absicherung durch Angebote der Versicherer.
Öffentliche Stelle für Katastrophenvorsorge gefordert
Eine zentrale Forderung ist zudem die Einrichtung einer öffentlichen Stelle zur Katastrophenvorsorge. Sie soll Präventionsmaßnahmen koordinieren, ein öffentliches Naturgefahrenportal unterhalten, einen darauf basierenden Naturgefahrenausweis für Wohngebäude ausstellen sowie Notfall- und Vorsorgepläne entwickeln.
Während die Elementarschadenversicherung Schäden durch lokale Unwetterereignisse abdeckt, soll die staatliche Stelle bei großflächigen Naturkatastrophen tätig werden und auch die Schadenhilfe organisieren. Finanziert werden soll sie entweder durch einen Teil der Versicherungssteuer oder durch einen Aufschlag auf die Grundsteuer.
Nach Auffassung des BdV sorgt die breite Finanzierung dafür, dass sowohl die Elementarschadenversicherung als auch die staatliche Katastrophenvorsorge für Verbraucherinnen und Verbraucher bezahlbar bleiben.
„Die Zeit drängt, wir können nicht mehr warten"
„Die Zeit drängt. Wir können nicht mehr auf eine privatwirtschaftliche Lösung warten, die den Versicherungsunternehmen genehm ist“, sagt BdV-Vorstandssprecher Stephen Rehmke. „Unser Appell an die Verantwortlichen im Bund und in den Bundesländern: Schaffen Sie faire und verlässliche gesetzliche Regeln für die private Elementarschadenversicherung. Und schaffen Sie eine zentrale staatliche Stelle, die aktiv und engagiert die Katastrophenvorsorge vorantreibt und Präventionsmaßnahmen, Notfalleinsätze und Wiederaufbauhilfen koordiniert.“
GDV setzt auf Opt-out-Modell
Auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) befürwortet eine möglichst flächendeckende Absicherung gegen Elementarschäden, lehnt eine reine gesetzliche Pflichtversicherung jedoch strikt ab. Stattdessen setzt er auf ein Opt-out-Modell und hat ein eigenes Sicherungssystem mit dem Namen Elementar Re vorgeschlagen.
Elementar Re soll Hochrisikogebäude bündeln und so auch in anspruchsvolleren Risikolagen weiterhin Versicherungsschutz möglich machen. Die Versicherungsverträge für diese Häuser können die Erstversicherer an Elementar Re weitergeben. Die Prämien sollen auf eine Obergrenze gedeckelt werden.
Provinzial-Versicherung zieht Lehren aus „Bernd“
Auch für viele Versicherer markiert das Starkregenereignis „Bernd“ und seine Folgen einen Einschnitt. Für den Provinzial-Konzern war es zum Beispiel mit rund 42.000 Schäden und einem Schadenvolumen von rund 1,6 Milliarden Euro das größte Schadenereignis seiner Unternehmensgeschichte.
Zum Vergleich: Der Orkan „Kyrill“ verursachte 2007 im ehemaligen Provinzial Nord-West Konzern ein Schadenvolumen von rund 380 Millionen Euro bei etwa 410.000 Schadenfällen.
Die Erfahrungen aus „Bernd“ fließen heute in die Risikobewertung und Ausrichtung des Versicherers ein: durch genauere Gefahrenkarten, angepasste Produkte und klare Empfehlungen – wie beispielsweise schon beim Hausbau konkrete Präventionsmaßnahmen gegen Extremwettergefahren zu treffen.
Um Versorgungslücken zu schließen, setzt die Provinzial nach eigenen Angaben – im Einklang mit dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) – bei Neuabschlüssen von Wohngebäude- und Hausratversicherungen auch auf eine Opt-Out-Lösung: Elementarschutz ist grundsätzlich vorgesehen und muss aktiv abgewählt werden.
Darüber hinaus hat die Provinzial gemeinsam mit den anderen öffentlichen Versicherern 2022 einen Naturkatastrophen-Schadenpool als bundesweiten Solidarpakt eingerichtet, um bei extremen, regional begrenzten Schäden durch Naturgefahren noch besser gewappnet zu sein und künftige Extremwetterereignisse weiter abzufedern.
Tipp: Unter https://www.provinzial-konzern.de/newsroom/top-themen/Aktuelles_Top-Thema_Bernd.html ist eine kurze Doku abrufbar, die den Weg von der Flutnacht über die Phase der Hilfe und des Wiederaufbaus bis in die Gegenwart nachzeichnet.
Long story short
Fünf Jahre nach der Ahrtal-Flut fordert der BdV einen Neustart beim Schutz vor Naturgefahren: Elementarschadenversicherung und staatliche Katastrophenvorsorge sollen stärker zusammengedacht werden.
Der BdV plädiert für eine öffentliche Stelle, die Prävention, Naturgefahrenportal, Naturgefahrenausweis, Notfallpläne und Wiederaufbauhilfen koordiniert.
GDV und Provinzial setzen dagegen vor allem auf flächendeckenden Elementarschutz per Opt-out; „Bernd“ verursachte bei der Provinzial rund 42.000 Schäden und 1,6 Milliarden Euro Schadenvolumen.
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