Kolumne

KI im Maklerbüro: Entlastung von Verwaltung oder Risiko für Vermittler?

Die Arbeitswelt wird längst von künstlicher Intelligenz beeinflusst - und das wird sich nicht mehr ändern. Wie wir damit umgehen, ist nun der entscheidende Punkt, sagt Zukunftsforscher Lars Thomsen, Gründer und CEO Future Matters.

Lars Thomsen, Zukunftsforscher, Gründer und CEO Future Matters

Lars Thomsen, Gründer und CEO Future Matters | Quelle: Lars Thomsen, Future Matters

Nicht erst nach dem Hackerangriff von OpenAI am 22. Juli wird die künstliche Intelligenz kontrovers diskutiert. Für die einen, beginnt jetzt das Endzeitszenario, das wir aus vielen Sciences-Fiction-Filmen kennen, in denen die Maschinen die Macht an sich reißen wollen und die Menschheit auslöschen. Wer noch nicht ganz so dramatisch veranlagt ist, aber immer noch skeptisch, sieht in der KI den Jobkiller. Auf der anderen Seite gibt es die Technikfreaks, die die Technologie als Wunder feiern, das keinerlei Beschränkungen braucht, um sich zu entfalten. Der Glaube: Sie wird alle Probleme lösen. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Fakt ist jedoch, die Datenzentren, durch die KI erst möglich wird, verschlingen viele Ressourcen. Strom, Computerchips mit einer kurzen Lebensdauer, sehr viel Wasser sowie Milliarden Investitionen, die bei anderen Projekten fehlen. Der zweite Fakt ist, dass es längst nicht mehr darum geht, ob die Arbeitswelt von KI beeinflusst wird, sondern nur noch darum, wie das geschieht. Über Jahrzehnte haben wir uns an Computer angepasst. Wir haben gelernt, Tabellen richtig zu formatieren, Masken korrekt auszufüllen, Passwörter zu verwalten. Ganze Schulungen wurden damit zugebracht, die beeindruckende Excel-Tabelle mit allen möglichen Formeln oder die perfekte Power Point Präsentation zu erstellen. Der Mensch musste die Sprache der Maschine lernen.

Computer lernen erstmals unsere Sprache

Und genau das kehrt sich jetzt um. Erstmals lernen Computer unsere Sprache. Wir sprechen mit ihnen, stellen Fragen, entwickeln Ideen oder lassen Informationen recherchieren. Das klingt zunächst nach einer technischen Neuerung. Tatsächlich verändert es aber den Kern unserer Arbeit. Insbesondere in der Versicherungsbranche könnte das enorme Auswirkungen haben. Ein großer Teil des Arbeitsalltags besteht noch immer aus Dokumentation, Recherche, Tarifvergleichen oder administrativen Aufgaben. Alles notwendig, aber wohl eher nicht der Grund, warum Menschen diesen Beruf gewählt haben.

Die eigentliche Stärke guter Vermittler liegt schließlich im Zuhören, Vertrauen aufbauen, Unsicherheiten erkennen und Lösungen entwickeln. Genau diese menschlichen Fähigkeiten werden künftig an Bedeutung gewinnen. Denn KI kann heute bereits in Sekunden riesige Datenmengen analysieren, Formulierungen verbessern oder komplexe Zusammenhänge aufbereiten. Was sie nicht kann, ist Verantwortung übernehmen. Sie kennt keine Lebensträume, keine Existenzängste und keine familiären Konflikte. Sie weiß nicht, warum ein Kunde trotz mathematisch besserer Lösung ein anderes Bauchgefühl hat.

Es ist nicht das Ende der menschlichen Arbeit, sondern ihr Neuanfang

Die vielleicht größte Chance besteht deshalb nicht darin, Menschen zu ersetzen, sondern sie von Tätigkeiten zu entlasten, die wenig Wertschöpfung erzeugen. Stellen wir uns den Arbeitsalltag in fünf Jahren vor: Die Gesprächsvorbereitung übernimmt ein intelligenter Assistent. Angebote werden automatisch erstellt und verglichen. Das Beratungsprotokoll entsteht nahezu nebenbei. Statt Stunden mit Verwaltung zu verbringen, bleibt Zeit für Gespräche, Beziehungen pflegen und neue Ideen.

Ja, diese Entwicklung birgt Risiken. Derzeit liefert die KI oft falsche Ergebnisse und muss immer kontrolliert werden. Zudem verbraucht sie enorme Energien, die Macht weniger Technologiekonzerne sowie die Fragen nach Datenschutz und Regulierung dürfen nicht ausgeblendet werden. KI ist kein Selbstläufer und schon gar kein Allheilmittel. Doch wer nur auf die Risiken schaut, übersieht unter Umständen die Möglichkeiten. Vielleicht erleben wir nicht das Ende menschlicher Arbeit, sondern ihren Neuanfang. Eine Arbeitswelt, in der Computer das übernehmen, was Computer besonders gut können. Damit Menschen sich wieder auf ihre Stärken besinnen können.

Ihre Meinung ist gefragt!